am 29. November 2004
Ca. 30 DFG-Mitglieder und Gäste erschienen an dem ersten Advent-Montag in der Brücke, wo sie lodernde Flammen im Kamin und weihnachtliche Dekoration im Saal erwarteten. Das Abendprogramm folgte der Idee von Kristine, dass einige Mitglieder nach guter Oma-Art ihr Lieblingsmärchen vorlesen. Zwei davon hörten wir in französischer Sprache, die anderen fünf lebten in deutscher Sprache vor uns auf. Die in französischer Sprache gelesenen Märchen waren von Charles Perrault (1628 – 1703), der mit seinen Geschichten aus vergangener Zeit einen festen Platz in der Literaturgeschichte gewann, die zu seiner Zeit als Contes de ma mère l’oie (Märchen meiner Mutter Gans) berühmt wurden. Die Veröffentlichung seiner Sammlung ist nicht gerade vom Forschergeist durchdrungen, wie dies später bei den Brüdern Grimm der Fall war - vom Wunsch beflügelt, dem Leser schöne Märchen zu erzählen, gestaltete und schmückte Charles Perrault seine Geschichten nach eigenem Geschmack und stattete sie mit einer Moral der Geschicht' aus. Was Charles Perrault für die Franzosen war, das waren für die Deutschen gut hundert Jahre später die Brüder Grimm, die aus einem Erzählschatz der mündlichen Überlieferung schöpften, der dem in Frankreich erstaunlich ähnlich war - Märchen haben offensichtlich einen überkulturellen Charakter und stören sich nicht an Sprachgrenzen, von Staatsgrenzen ganz zu schweigen. | ||
Ich gebe offen zu, dass ich - wegen der sprachlichen Hürde - den Inhalt der Geschichte streckenweise nur intuitiv wahrnahm - über die Darbietungsweise von Franck - und nicht durch den Stil des verbalen Flusses, den uns Perrault hinterließ. Es entkam mir aber nicht, dass es dem Autor gelang, die Ausdrucksweise des Intellekts mit großer Perfektion wiederzugeben. Daher empfehle ich allen Interessierten, den Märchentext selbst zu lesen. Der schnellste Weg ins Märchenland: http://www.alyon.org/litterature/livres/XVIII/esprit_salon/perrault/riquet_a_la_houppe.html | ||
Dorothée - publikumsgewohnte Konferenz-Dolmetscherin und (nicht vergessen!) junge Mutter - ließ uns mit ihrem lebhaften Vortrag an den Abenteuern von Le chat bottée und seinem Herrn Marquis de Caraba teilhaben. Das folgende Foto zeigt, wie gebannt die Zuhörer ihrer Darbietung folgten, obwohl die geschilderten Täuschmanöver und Tricks des gestiefelten Katers jedermann/-frau bekannt sein durften. Wer den französischen Text selbst nachlesen möchte, voilà: http://www.alyon.org/litterature/livres/XVIII/esprit_salon/perrault/le_chat_botte.html Das Foto hier verrät noch, dass auch die Hörer unserer Radiosendung A propos am kommenden Donnerstag Le chat bottée zu hören bekommen werden - Andreas vom Radioteam hält das zweite Mikro hin und schneidet hier das Geschehen mit. | ||
Unsere Vereinskamera wurde leider nicht fürs Einfangen von Abendszenen erfunden. Die durch Kerzenlicht gezauberte Stimmung am Kamin ist den Fotos leider nicht anzusehen. Wer dabei war, braucht sich nur zu erinnern, andere Gäste dieser Webseite mögen bitte ... die magische Kraft Ihrer Phantasie um Hilfe bitten - in Verbindung mit der Erinnerung an mal erlebte Augenblicke wie: Wärme des Kaminfeuers ... das mystische Knistern der Flammen ... das Glitzern des Schmucks am frischen Tannenbaum ... Glas mit französischem Rotwein in der Hand ... lebendig gewordenes Märchen im Raum. | ||
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Auch das auf Zauberei gestützte Märchen Catarina klang auf weiten Strecken vertraut: magische Hilfskräfte aus dem Jenseits - hier durch die Knochen der geschlachteten Ziege wirkend - sowie Naturkräfte einer Nuss oder Mandel lösten die landesweite Suche eines Traumprinzen nach der entschwundenen Besitzerin eines verlorenen Pantoffelchen aus ... Inge las das Märchen sehr überzeugend - kein Wunder, wenn man zwei eigene Märchentöchter großgezogen hat, dachte ich mir - und überraschte am Ende mit dem Kommentar - ihre Zuhörerinnen zu Hause fänden die vor-grimm'sche Aschenputtel-Version ... ein wenig verdreht. | ||
Völlig unbekannt erschien mir Fraukes Märchen Von der Nachtigall und der Blindschleiche. Eine einäugige Nachtigall erschleicht sich von der ebenso einäugigen Blindschleiche ihr einziges Auge, was dazu führt, dass sich seitdem in der Nestnähe aller Nachtigallen rachsüchtige Blindschleichen einnisten und nach den Eiern ihrer Todfeinde trachten. Mag sein, dass dies eine vorwissenschaftliche, Märchen-hafte Erklärung für ein wirkliches Naturphänomen sein sollte - ich weiß aber nichts darüber. Ehrlich gesagt, ich weiß weder, wie eine Blindschleiche aussehe, noch was ihre Lebensgewohnheiten seien. So wundert es nicht, dass ich mir nach dem Ende des Märchens ziemlich blind vorkam - ein tieferer Sinn dieser Erzählung blieb mir verborgen. Angenehm in Erinnerung blieb nur die weiche Stimme von Frauke, die sich offensichtlich von der Nachtigall beeinflussen ließ. | ||
Im bereits zitierten Band Märchenpalast fand Annette den - in meinen Augen - größten Schatz des Märchenabends: Liebe auf dem Orangenbaum. Dieses korsische Märchen - von sich aus schon ein Kleinod -bestach nicht nur durch seine inhaltliche Unbeschwertheit, sondern auch durch die witzbeschwingte Art der Darbietung - Bravo Annette. Es wäre viel zu schade, dieses märchenhafte Sahnehäufchen im "Besprechungsbrei zu ertränken". Besorgen Sie sich das Original und stellen sich vor, die Erotikgeschichte würde Ihnen eine junge Frauenstimme vorlesen, die - gleichermaßen amüsiert wie verwundert - jene sonderbar unwichtige Ereigniskette in der Luft sich wiegen lässt. | ||
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Informationen zu Perrault und Grimms Märchen lieferte Helga Reuter. Fotos und Kommentare sind von Alina Köttgen. Auch die Fotomontage des Plakats, die allerdings auf 6 Fotos aus der Google-Bildersuche gestützt ist. | ||