Die Stiftung schafft Zukunft
Ausbildungsstipendien machen
unabhängig

Die Stiftung schüttet einen kleinen Prozentsatz des Zinsertrages als sogenannte "freie Verfügung" (in der Auflistung als „Pfau-Projekt" bezeichnet) aus. Dieser Etatbereich ist, anders als es sein Name vermuten lässt , jedoch nicht ganz frei. Dr. Ruth Pfau und ihr Team wurden darum gebeten zu melden, was sie mit diesem Fonds machen wollen. Durch dieses Controlling sieht das Team in Pakistan automatisch, was durch das offizielle Budget noch nicht abgedeckt ist.
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Dazu Dr. Ruth Pfau:
"Wir betrachten es als Zukunftsinvestition. Es gibt eine gravierende Arbeitslosigkeit unter unseren Leuten. Das kann einem wirklich das Herz brechen. Ich weiß nicht, wer überhaupt noch eine ordentliche Arbeit bekommt. Das betrifft Ärzte gleichermaßen wie einfache Arbeiter. Es gibt wahrscheinlich keinen Beruf außer dem des "Lepraassistenten", in dem man heutzutage noch eine Stellung bekommt. Und: Die Lepraassistenten bekommen nur deshalb eine Stelle, weil wir nur genau so viele ausbilden, wie die Regierung Planstellen schafft. Aber immerhin gibt es Möglichkeiten, die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Berufsqualifizierungsmaßnahmen sind auch in Pakistan zum Zauberwort geworden. Dafür nutzen wir den Verfügungsfonds. Wir ermöglichen jungen Leuten, die entweder Kinder von Patienten oder von Lepraassistenten sind eine Berufsausbildung. Grundlage für die Vergabe solch eines Darlehens ist der Nachweis, dass sie wirklich eine Ausbildung machen. Wenn sie später eine Stelle haben, zahlen sie das Darlehen zurück. Obwohl auch schon Väter sich freiwillig bereit erklären, das Darlehen auf jeden Fall zurückzuzahlen. Sie folgen damit unser Argumentation. Wir sagen: Mit den Rückzahlungen können wir dann wieder anderen jungen Menschen helfen. Das überzeugt sie. Manch einer ist sogar bereit, von Anfang an etwas zurückzuzahlen."

Berufliche Fortbildung

Der Sozialarbeiter Faroouqul (Faruk)

Das „Marie-Adelaide-Leprosy-Centre" (MALC) bietet den Angestellten Weiterbildungen an, die langfristig für wichtig erachtet werden. Computerschulungen spielen hier eine große Rolle. Farooqul ist ein Lepraassistent, der in der Sozialabteilung arbeitet. Er träumt davon, irgendwann in seine Heimat, das Himalajagebiet, zurückzukehren. Mit der Qualifikation als Computerfachmann könnte er dort sicher besser eine gute Stelle finden. Überdies benötigt das Projekt solche Spezialisten auch in allen Bereichen, ob in der Medizinischen- oder in der Sozialen- oder der Verwaltungsabteilung. Deshalb hat er einen Computerkurs finanziert bekommen. Er war höchst motiviert und hat fortan auch große Teile seiner Freizeit am Computer verbracht. Nicht ziellos. Gemeinsam mit Freunden in der Abteilung hat er auch die Daten aus seiner Sozialabteilung in einen Computer gefüttert. Einen alten Computer, den sie wieder flott gemacht hatten. Sie konnten den Beweis antreten, dass mit ihren selbstgeschriebenen Programm gut zu arbeiten war. Nach diesem Testlauf durften sie natürlich das ganze Projekt auf einem größeren Rechner professionell umsetzen. Wer sich so dahinter klemmt, der kann natürlich auch sein Darlehen schnell zurückzahlen.

Spannend ist in diesem Fall auch die Lebensgeschichte von Farough, denn sie zeigt, wie weitgreifend Lepraarbeit das Leben verändert.

Wenn der Sohn in die Schuhe des Vater schlüpft
Erzählt von Harald Meyer-Porzky, Stiftungsvorstand:

1997 - als Student im MALC 2001 - als Angestellter im MALC Der Vater in den 60er Jahren -  2. von links, unterste Reihe

Vor 4 Jahren war es als einer meiner Streifzüge mich auch auf das Obergeschoss des Marie-Adelaide-Leprosy- Centers (MALC) führte. Dort oben, mit Blick über die gigantische Großstadt Karachi, stand ich unvermutet vor dem Gemeinschaftswohnraum der angehenden Lepra-Assistenten im Center. Nach kurzer Unsicherheit, was mit diesem unerwarteten Besucher zu tun sei, luden mich die jungen Männer zu einem Tee ein. Das Eis war schnell gebrochen. Einer von ihnen, er hieß Farooqul-Azam, kam mir merkwürdig vertraut vor. Und plötzlich erinnerte ich mich an ein altes, schwarz/weißes Foto, das mir beim Stöbern in der Hauschronik des MALC in die Hände gefallen war. Es musste über 30 Jahre alt sein. Auf diesem Bild konnte ich ihn aber unmöglich erkannt haben.
Die Lösung war einfach: Farooqul war Lepra-Assistent in der zweiten Generation. Er beschritt denselben Weg, den einst schon sein Vater, Mohamed-Umer, gegangen war. An solchen Beispielen realisiert man erst wirklich, wie lange die Lepraarbeit bereits andauert.
Ruth Pfau erzählte mir die ganze Geschichte: Sie selber hatte den jungen Umer damals aus dem wunderschönen Hochtal in Chitral, weit oben im Nordwesten Pakistans, mit nach Karachi genommen. Sie fingen gerade erst mit der Leprabekämpfung an, in dieser schwer zugänglichen Bergregion Pakistans und brauchten dringend ortskundige Leprahelfer. Umer war zu dieser Zeit Gehilfe in einer kleinen Apotheke. Er interessierte sich für eine Ausbildung zum Lepra-Assistenten. Ruth Pfau wird nie sein Gesicht vergessen, als er zum ersten Mal sein Hochtal verließ. Bis dahin hatte er vom Rest Pakistans tatsächlich überhaupt keine Vorstellung. Fast wäre er damals, auf dem Kamm des Gebirges, mit Blick auf sein Heimatdorf, abgesprungen und zurückgelaufen. Er wurde ein sehr guter Lepra-Assistent. Nach seiner Rückkehr in das Hochland baute er das gesamte Leprabekämpfungsprogramm im Chitral auf. Gemeinsam mit Ruth Pfau durchstreifte er die entlegensten Winkel der Bergregion und führte das Programm zum Erfolg. Da seine Familie kein Land besaß und auf den Einkauf der teuren Nahrungsmittel wie Gemüse und Getreide angewiesen war, unterstützte Ruth Pfau ihn dabei, einen kleinen Brillenladen einzurichten, so dass die Familie ein weiteres Standbein hatte, um „normal" leben zu können. Umer starb unter bis heute ungeklärten Umständen während eines Außendiensteinsatzes. Da die Pässe zu dieser Zeit verschneit waren, kamen erst Monate später wieder Kollegen von ihm in die Region. Er hinterließ eine Frau und fünf Kinder. Erst viel später erfuhr Ruth Pfau, dass die Familie es sehr schwer hatte in der Folgezeit. Der älteste Sohn, Farooqul, wurde zum Ernährer. Trotz aller Schwierigkeiten ist er zur Schule gegangen. Nach dem Abschluss der Mittleren Reife wandte sich Farooqul an das MALC. Zu dieser Zeit suchte das Team gerade neue Mitarbeiter für die Sozialabteilung. Sie dachten, jemand, der selber so früh den Vater verloren hat und die Familie durchbringen musste, sei genau der Richtige, um auch anderen Familien mit sozialen Schwierigkeiten zu helfen. Ein Mensch wie er wäre geradezu prädestiniert dafür, Patienten gut und mitfühlend zu beraten.
Farooqul fasste sich ein Herz und verließ genau wie sein Vater die Bergwelt des Chitral. Das faszinierende Bergland, von dessen Kultur Ruth Pfau noch heute schwärmt, wenn sie an die kunstvollen Schnitzereien und liebevollen Trachten der Bewohner denkt. Mit dem gleichen Trennungsschmerz wie schon Umer, machte er sich auf den langen Weg in die Hafenstadt Karachi am anderen Ende der Welt. Erwartungsgemäß bestand er den Aufnahmetest.
Was bleibt noch anzufügen? Genau! Ich wollte es zuerst gar nicht glauben. Farooqul hatte den weiten Weg aus den Bergen, quer durch ganz Pakistan, um Geld zu sparen, mit dem Fahrrad zurückgelegt.

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