Über die Arche Noah und die Ausweitung der Ansprache von Dr. Ruth Pfau in Mönchengladbach Rheydt im Rahmen einer Predigtreihe zum Thema "Noha auf Kurs" Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer: Wir haben eine Sitte in Pakistan. Wir kommen mit einem kleinen Gastgeschenk. Denn schließlich bringen wir Ihnen die Grüße der Weltkirche. Da Dr. Zia noch kein Deutsch spricht, hat er mich gebeten, ich sollte diese Grüße heute übermitteln. Wir haben uns überlegt, welches Gastgeschenk wir machen können und haben gedacht, wir bringen Ihnen eine Geschichte mit. Es ist eigentlich eine Doppelgeschichte. Der Leprakreis hier in Ihrer Stadt ist schon 35 Jahre alt, die Lepraarbeit in Pakistan 40 Jahre. Der erste Teil der Geschichte muss sich vor 20 Jahren zugetragen haben. Es war in der Kaschmir-Region. Ich war damals unheimlich stolz. Nach Kaschmir konnte man eigentlich nicht einreisen. Wir hatten es aber doch geschafft, indem wir einen hohen Militär überzeugen konnten, kurz seine Augen zu verschließen. Wir waren also nach Kaschmir hereingekommen und fanden genau das, was wir erwartet hatten: Eine große Zahl von Leprapatienten, die noch gar nicht wussten, dass Lepra ausheilbar ist. Ich weiß noch genau, dass wir überzeugt waren, etwas ganz Tolles, Einmaliges, Wichtiges zu unternehmen und waren insofern in bester Stimmung. Wir, das waren meine Mitschwester Jeanine und ich, sowie drei ausgebildete einheimische Leprahelfer, die 6 Monate vorher nach Karachi gekommen waren und denen wir das ABC der Leprabekämpfung beigebracht hatten. Oben in den Bergen, dort wo es keine Infrastruktur gab, wo auch die Jeep-Pisten zu Ende waren, und wo wir schon seit zwei Tagen zu Fuß durch dieses wunderschöne Land marschierten, dort oben in den Bergen kam ein Bergbauer zu uns. Er brachte uns sein Kind. Vielleicht ein Jahr, vielleicht 18 Monate, schwer zu sagen. Dieser Bub war nur noch Haut und Knochen. Ich hab das Bild noch vor meinen Augen, obwohl es so lange her ist. Wie dieses Kind so welk über dem Arm seines Vaters hing, wusste ich sofort: Es war Tuberkulose! Und ich wusste, wenn das in Deutschland geschehen wäre, hätten wir das Kind ohne Mühe ausheilen können. Und ich wusste, dass ich es hier nicht konnte. Diese ohnmächtige Situation geht mir heute noch sehr nahe. Ich griff damals zu einer Notlüge. Ich bat meine pakistanischen Lepraassistenten, dem Vater zu sagen, ich spräche kein Urdu. Denn ich hätte es nicht ausgehalten. Ich hätte es nicht ausgehalten, es dem Vater ins Gesicht zu sagen. Der Bub ist kurz darauf gestorben. 15 Jahre später komme ich in eine Außenstation, die zu diesem Gebiete gehört. Zwischenzeitlich hatten wir über ganz Pakistan verteilt ein Netz von Leprabekämpfungsstationen errichtet. Mit der Regierung konnten wir einen Partnerschaftsvertrag schließen. Es kam zu einer 50:50 Regelung bei den Kosten. Im Ergebnis hatten wir dadurch Mitspracherecht. Wir haben einheimische Lepraassistenten ausgebildet, haben Lepra unter Kontrolle gebracht und die Tuberkulose in das Programm mitaufgenommen. Das war die Situation, als ich in diese Außenstation kam. Da stand so ein 4-jähriger Junge vor mir. Unwiderstehlich, frech, rotznäsig und pausbäckig. Kurz um, ich war entzückt. Bis zu dem Punkt, wo dieser Bursche einen glitzernden Spritzenbesteckkasten öffnete, um hineinzuschauen. Da gerade Spritzen äußerst steril sein müssen, sagte ich zu unseren Jungs: "Also hört mal, irgendwie müsst ihr wenigstens etwas Disziplin durchsetzen. Das geht nicht, dass Kinder hier in die sterilen Spritzenkästen reingucken. Und überdies, er sollte doch wissen, dass überhaupt in der Tuberkulosestation keine Kinder spielen dürfen. Die stecken sich ja so rasch an." Meine Mitarbeiter grinsten mich nur an und sagten: "Sie kennen den nicht?" Ich fragte zurück: "Wieso?" Sie antworteten: "Das ist doch Orangse!" "Was?" sagte ich. "Sie haben den Jungen doch selber vor zwei Monaten auf die Tuberkulose-Medikation gesetzt. Er nimmt die Medikamente jetzt noch ein! Ich fragte nach: "Orangse? Unmöglich... gebt mir die Krankenakte" Und wie ich die Krankenakte sah... Tatsächlich dieser Bub! Bei ihm hatten wir vor zwei Monaten Bauchfelltuberkulose diagnostiziert. Damals hatten wir kaum noch Hoffnung. Er war so dünn und auch so apathisch. Er aß und trank nicht, er hatte nicht einmal mehr Muskeln, in die wir noch hätten spritzen können. Plötzlich entsann ich mich sehr, sehr gut an diesen Jugen. Ich hätte nie gedacht, dass wir ihn noch hätten retten können. Was hat die ganze Sache mit Noahs Arche zu tun? Ich habe erst vor zwei Tagen herausgefunden, dass die Geschichte ja schon auf Seite 9 des alten Testamentes steht. Das wusste ich nicht. Ein Beweis, dass ich also mit Noahs Arche offensichtlich nicht umgehen konnte. Ich mag die Geschichte nicht. Als Kind hat man mir einmal erzählt, diese Arche hätte nur ein Fenster gehabt und das ging zum Himmel. Damals hab ich mich darüber nicht aufgeregt, aber ich hab mir immer gedacht: Um Himmels willen, was fressen die Tiere denn in der Arche bloß? Sind da auch Rehe drin, die wissen und Angst haben, dass sie nur eingeladen worden sind, damit sie dann gefressen werden? Und dann hab ich mir auch gedacht: Irgendjemand muss die Arche ja auch sauber machen. Ob das auch die Söhne Noahs machen? Oder ob das nur die Frauen machen müssen? So kam es, dass ich die Geschichte von der Arche nie geliebt habe. Als ich dann älter wurde, hat sie mich ernstlich aufgeregt. Aufgeregt wegen dieses Fensters. Wenn diese Arche keine Fenster an den Außenwänden gehabt hat, dann hat sich also eine privilegierte Schicht in eine Arche gerettet und hat das Fenster oben angebracht, damit sie nicht sehen musste, was rundherum vor sich geht. Denn rundherum sind ja Leute ertrunken. Das steht ja auch im alten Testament: Alles. Kinder und Frauen und ... Tiere und ... Unsere Arche hat Fenster gehabt! Wenn dieser Junge mir vor so vielen Jahren nicht wirklich in das Herz und in den Magen gegangen wäre, hätten wir unsere Lepraarbeit vielleicht nie auf die Tuberkulosearbeit ausgeweitet. Ihre Ruth Pfau
Aufgrund der engen Verbundenheit von Liselotte Groll mit Dr. Ruth Pfau und ihrer unermüdlichen Unterstützung des Freundeskreises, selbst in den langen Jahren ihrer Krankheit, gedenken wir ihrer mit einem Text, den sie selber zum Thema Menschenwürde verfasst hat. Menschenwürde? Von Liselotte Groll Da meine Krankheit Fortschritte macht, muss
ich mir seit einiger Zeit helfen lassen bei der Morgentoilette, was mir nicht leicht
fällt: fremde Hände... immer wieder andere Hände! - Da fragte die Praktikantin
Stephanie beim Füße waschen: L. L. Groll |