Dr. Ruth Pfau, kurz vor ihrer Ansprache. Foto: Harald Meyer-Porzky    Dr. Ruth Pfau, begeistert mit ihrem wachen Geist, die Zuhörer. Foto: Harald Meyer-Porzky

Über die Arche Noah und die Ausweitung der
Lepraarbeit auf TB

Ansprache von Dr. Ruth Pfau in Mönchengladbach Rheydt im Rahmen einer Predigtreihe
zum Thema "Noha auf Kurs"

„Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer: Wir haben eine Sitte in Pakistan. Wir kommen mit einem kleinen Gastgeschenk. Denn schließlich bringen wir Ihnen die Grüße der Weltkirche. Da Dr. Zia noch kein Deutsch spricht, hat er mich gebeten, ich sollte diese Grüße heute übermitteln. Wir haben uns überlegt, welches Gastgeschenk wir machen können und haben gedacht, wir bringen Ihnen eine Geschichte mit. Es ist eigentlich eine Doppelgeschichte. Der Leprakreis hier in Ihrer Stadt ist schon 35 Jahre alt, die Lepraarbeit in Pakistan 40 Jahre. Der erste Teil der Geschichte muss sich vor 20 Jahren zugetragen haben. Es war in der Kaschmir-Region. Ich war damals unheimlich stolz. Nach Kaschmir konnte man eigentlich nicht einreisen. Wir hatten es aber doch geschafft, indem wir einen hohen Militär überzeugen konnten, kurz seine Augen zu verschließen. Wir waren also nach Kaschmir hereingekommen und fanden genau das, was wir erwartet hatten: Eine große Zahl von Leprapatienten, die noch gar nicht wussten, dass Lepra ausheilbar ist. Ich weiß noch genau, dass wir überzeugt waren, etwas ganz Tolles, Einmaliges, Wichtiges zu unternehmen und waren insofern in bester Stimmung. Wir, das waren meine Mitschwester Jeanine und ich, sowie drei ausgebildete einheimische Leprahelfer, die 6 Monate vorher nach Karachi gekommen waren und denen wir das ABC der Leprabekämpfung beigebracht hatten. Oben in den Bergen, dort wo es keine Infrastruktur gab, wo auch die Jeep-Pisten zu Ende waren, und wo wir schon seit zwei Tagen zu Fuß durch dieses wunderschöne Land marschierten, dort oben in den Bergen kam ein Bergbauer zu uns. Er brachte uns sein Kind. Vielleicht ein Jahr, vielleicht 18 Monate, schwer zu sagen. Dieser Bub war nur noch Haut und Knochen. Ich hab das Bild noch vor meinen Augen, obwohl es so lange her ist. Wie dieses Kind so welk über dem Arm seines Vaters hing, wusste ich sofort: Es war Tuberkulose! Und ich wusste, wenn das in Deutschland geschehen wäre, hätten wir das Kind ohne Mühe ausheilen können. Und ich wusste, dass ich es hier nicht konnte. Diese ohnmächtige Situation geht mir heute noch sehr nahe. Ich griff damals zu einer Notlüge. Ich bat meine pakistanischen Lepraassistenten, dem Vater zu sagen, ich spräche kein Urdu. Denn ich hätte es nicht ausgehalten. Ich hätte es nicht ausgehalten, es dem Vater ins Gesicht zu sagen. Der Bub ist kurz darauf gestorben.

15 Jahre später komme ich in eine Außenstation, die zu diesem Gebiete gehört. Zwischenzeitlich hatten wir über ganz Pakistan verteilt ein Netz von Leprabekämpfungsstationen errichtet. Mit der Regierung konnten wir einen Partnerschaftsvertrag schließen. Es kam zu einer 50:50 Regelung bei den Kosten. Im Ergebnis hatten wir dadurch Mitspracherecht. Wir haben einheimische Lepraassistenten ausgebildet, haben Lepra unter Kontrolle gebracht und die Tuberkulose in das Programm mitaufgenommen. Das war die Situation, als ich in diese Außenstation kam. Da stand so ein 4-jähriger Junge vor mir. Unwiderstehlich, frech, rotznäsig und pausbäckig. Kurz um, ich war entzückt. Bis zu dem Punkt, wo dieser Bursche einen glitzernden Spritzenbesteckkasten öffnete, um hineinzuschauen. Da gerade Spritzen äußerst steril sein müssen, sagte ich zu unseren Jungs: "Also hört mal, irgendwie müsst ihr wenigstens etwas Disziplin durchsetzen. Das geht nicht, dass Kinder hier in die sterilen Spritzenkästen reingucken. Und überdies, er sollte doch wissen, dass überhaupt in der Tuberkulosestation keine Kinder spielen dürfen. Die stecken sich ja so rasch an." Meine Mitarbeiter grinsten mich nur an und sagten: "Sie kennen den nicht?" Ich fragte zurück: "Wieso?" Sie antworteten: "Das ist doch Orangse!" "Was?" sagte ich. "Sie haben den Jungen doch selber vor zwei Monaten auf die Tuberkulose-Medikation gesetzt. Er nimmt die Medikamente jetzt noch ein! Ich fragte nach: "Orangse? Unmöglich... gebt mir die Krankenakte" Und wie ich die Krankenakte sah... Tatsächlich dieser Bub! Bei ihm hatten wir vor zwei Monaten Bauchfelltuberkulose diagnostiziert. Damals hatten wir kaum noch Hoffnung. Er war so dünn und auch so apathisch. Er aß und trank nicht, er hatte nicht einmal mehr Muskeln, in die wir noch hätten spritzen können. Plötzlich entsann ich mich sehr, sehr gut an diesen Jugen. Ich hätte nie gedacht, dass wir ihn noch hätten retten können.

Was hat die ganze Sache mit Noahs Arche zu tun? Ich habe erst vor zwei Tagen herausgefunden, dass die Geschichte ja schon auf Seite 9 des alten Testamentes steht. Das wusste ich nicht. Ein Beweis, dass ich also mit Noahs Arche offensichtlich nicht umgehen konnte. Ich mag die Geschichte nicht. Als Kind hat man mir einmal erzählt, diese Arche hätte nur ein Fenster gehabt und das ging zum Himmel. Damals hab ich mich darüber nicht aufgeregt, aber ich hab mir immer gedacht: Um Himmels willen, was fressen die Tiere denn in der Arche bloß? Sind da auch Rehe drin, die wissen und Angst haben, dass sie nur eingeladen worden sind, damit sie dann gefressen werden? Und dann hab ich mir auch gedacht: Irgendjemand muss die Arche ja auch sauber machen. Ob das auch die Söhne Noahs machen? Oder ob das nur die Frauen machen müssen? So kam es, dass ich die Geschichte von der Arche nie geliebt habe. Als ich dann älter wurde, hat sie mich ernstlich aufgeregt. Aufgeregt wegen dieses Fensters. Wenn diese Arche keine Fenster an den Außenwänden gehabt hat, dann hat sich also eine privilegierte Schicht in eine Arche gerettet und hat das Fenster oben angebracht, damit sie nicht sehen musste, was rundherum vor sich geht. Denn rundherum sind ja Leute ertrunken. Das steht ja auch im alten Testament: Alles. Kinder und Frauen und ... Tiere und ...

Unsere Arche hat Fenster gehabt! Wenn dieser Junge mir vor so vielen Jahren nicht wirklich in das Herz und in den Magen gegangen wäre, hätten wir unsere Lepraarbeit vielleicht nie auf die Tuberkulosearbeit ausgeweitet.

Ihre Ruth Pfau

Nur die flächendeckende Lepra-Arbeit hat die Ausweitung der Aufgaben z,B. Augenvorsirge und die TB-Bekämpfung möglich gemacht.auf

 

Am Abend des Hochfestes der Erscheinung des Herrn, dem 6. Januar, wurde
Liselotte Groll
Mitschwester von Dr. Ruth Pfau,
im Alter von 71 Jahren, von ihrem schweren Kranksein erlöst.
Sie verstarb in ihrem Zimmer im St. Antonius-Haus in Lüdinghausen,
im Beisein ihr nahestehender Menschen.

Der Freundeskreis Karachi trauert um eine wertvolle Persönlichkeit und treue Förderin.

Aufgrund der engen Verbundenheit von Liselotte Groll mit Dr. Ruth Pfau und ihrer unermüdlichen Unterstützung des Freundeskreises, selbst in den langen Jahren ihrer Krankheit, gedenken wir ihrer mit einem Text, den sie selber zum Thema Menschenwürde verfasst hat.

Liselotte Groll, die ihrer Mitschwester Ruth Pfau ,von ihr geschriebene  Bücher über den Orden zeigt. Foto: Harald Meyer-Porzky

Menschenwürde?
Von Liselotte Groll

Da meine Krankheit Fortschritte macht, muss ich mir seit einiger Zeit helfen lassen bei der Morgentoilette, was mir nicht leicht fällt: fremde Hände... immer wieder andere Hände! - Da fragte die Praktikantin Stephanie beim Füße waschen:
" Können Sie mir wohl etwas zur Menschenwürde sagen? Im Praktikumsbericht muss ich beschreiben, wie ich sie verstehe, weiß aber nicht so recht, was ich mir darunter vorstellen soll." Auf meine Gegenfrage:" Welche Erfahrungen haben Sie in diesen Wochen hier auf der Josephs-Station gesammelt?", erfuhr ich, wie sie als junger Mensch uns erlebt: krank, alt, hilflos, aggressiv, abwehrend und fordernd zugleich...- Auch die positiven Aspekte zeigten, sie sah in ihrer Arbeit wenig "vollkommene" Menschen. Wo war da die Würde?
Stephanie war zu dem Schluss gekommen: " Für mich besteht die Menschenwürde eigentlich darin, dass man die Menschen möglichst schnell schmerzfrei macht" und sie meinte damit: Betäubungsmittel geben, sie ruhigstellen, damit sie möglichst wenig von ihren Leiden und Schmerzen spüren. Als ich ihr sagte, für mich bestehe die Menschenwürde darin, dass wir lernen können, die Schmerzen und das Leid anzunehmen, " ja" dazu zu sagen, sah ich in große, fragende Augen. So erklärte ich, ich wolle gerne mein Sterben und meinen Tod bewusst erleben und ich sei überhaupt nicht damit einverstanden, wenn man mir mit einer Spritze die Möglichkeit des Denkens und des Dankens nähme,...- da wünschte Stephanie ein längeres Gespräch.
Welche Erfahrung machte ich? In meiner Hilflosigkeit war mir die Hilflosigkeit der jungen Frau begegnet, die gern ihren Beruf gut ausüben möchte und nun nach dem Sinn des Lebens und des Leidens fragte.
"Die Würde des Menschen ist unantastbar!" steht in unserem Grundgesetz. Sie wird uns nicht durch den Staat gegeben, sondern durch Gott; der uns nach Seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat! -
Heute beendet Stephanie ihr Praktikum. Sie nimmt einen Taize-Brief mit, in dem sie die Worte findet: "Gott gibt unserem Leben auch durch alles, was in uns verwundet... (an uns) "ohne schöne Gestalt" ... ist, einen Sinn. Er lässt in uns ein Licht brennen. Auch wenn sein Schein nur schwach ist, macht es bereits unsere Dunkelheit hell."

L. L. Groll