| Von Harald
Meyer-Porzky:
Rückkehr nach Karachi Lange hatte es gedauert, bis ich wieder nach Pakistan kommen konnte. Fast 4 Jahre war es her, dass ich das letzte Mal Ruth Pfau und ihr Team besucht hatte. Am 20.03. 2001 startete dann endlich mein Flieger in Frankfurt, um mich nach Karachi zu bringen. Ich hatte mich entschieden, nicht mit einer europäischen Fluggesellschaft zu fliegen und buchte bei der PIA, Pakistan International. Das hat zwei Vorteile: es ist preiswerter und man landet fließender, denn schon wenn man in Frankfurt einsteigt, betritt man Pakistan. So wird die Ankunft leichter. Man hat sich schon daran gewöhnt, dass Männer einen Turban tragen und findet es bald wieder selbstverständlich, dass ein Muslime (auch wenn er Steward ist und mit seinem Speisewagen kurz vor deinem Sitz ankommt) sich gelegentlich zum Gebet begibt. Doch bevor falsche Eindrücke entstehen: Ich bin noch auf keinem meiner zahlreichen Flüge so freundlich bedient und zuvorkommend bewirtet worden, wie von diesem PIA-Team. Gleiches Lob gilt dem Piloten. So sanft zu starten und zu landen grenzt schon an Virtuosität. Morgens um 5 Uhr rollte unsere Maschine dann auf dem Rollfeld von Karachi International aus. Gestartet waren wir bei leichtem Schneegestöber und Frost. Hier umfing uns die heiße Wüstenluft von Karachi. Selbst so früh am Morgen waren es schon 25 o. Das Einchecken in Pakistan verlief reibungslos. Freundlich, weit unbürokratischer als ich es vom letzten Mal in Erinnerung hatte. Nach einem letzten Röntgen meines Koffers öffnete Pakistan mir seine Türen. Draußen wieder Hunderte von Menschen: Taxifahrer, Abholer, Kofferträger, ein wildes Durcheinander. Und Swami, einer der treuesten Mitarbeiter von Ruth Pfau, etwas weiter hinten, am Rande der Menschenmenge, winkend, lachend. Der Weg durch die Masse, er ist leichter als beim ersten Mal. Geübter, ein wenig aufgesetzt abweisend, denn sonst kann man sich der "helfenden" Hände nicht erwehren. Freudiges Wiedersehen nach so langer Zeit. Wortfindungsprobleme, denn der Kopf denkt anfangs noch deutsch. Und die schüttelnde Fahrt im traditionellen SUZUKI Bus, den allround Minnivans, die für Karachi erdacht worden sein müssen. Schmal, geräumig, flink, und simpel zu warten. So wendig, dass nach dem Prinzip "solange noch eine Briefmarke dazwischen passt" gefahren wird. Einziges Manko: "Gelegentlich brechen die Räder ab!" so Ruth Pfau auf einer unserer späteren Fahrten. "Schneller als mit 60 würde ich mit so einem Bus nie in eine Kurve fahren. Das kann in den Bergen tödlich sein!" (Vielleicht ein Hinweis für SUZUKI-Konstrukteure?). Ich sollte erst 2 Wochen später ergründen, was mich schon auf der ½ stündigen Fahrt durch das noch schlafende Karachi irritiert hat. Nach einem Gespräch mit Ruth über die Auswirkungen der Militärregierungen klickte es plötzlich! Die Straßen waren so sauber. Viele Gebäude renoviert, Parkanlagen grün (obwohl es absoluten Wassermangel gab) und man sah praktisch keine Straßenhändler und Bettler mehr im Stadtbild. Die Regierung hatte kurzerhand allen Wildwuchs im Straßenhandel beseitigt, zur Not mit Bulldozern. Täglich kehrten nun Hilfskräfte die Straßen und sorgten dafür, dass die Hauptstraßen Karachis fast schon europäisch wirkten, wären da nicht noch die Kühe, die flinken Eselskarren und die Kamelgespanne (in der Größenordnung eines Sattelschleppers), die das Straßenbild bereichern. MALC, das Zentrum der Lepra- und Tuberkulosearbeit, 8-stöckiges Krankenhaus und Ausbildungszentrum im Herzen von Karachi: Es gelingt mir nicht, mein Gepäck selber auf das Zimmer zu bringen. Zu viele eifrige Menschen nehmen es mir ab und tragen es in den kleinen Gästetrakt des Gebäudes. Der Geruch, das Licht, alles ist wie früher. Kurz nach 5 Uhr. Das ist eine Zeit, um die Ruth Pfau schon auf den Beinen ist. Freudig begrüßt sie mich, schließt mich in die Arme. Sie hat sich Zeit für mich genommen, die ganzen nächsten 14 Tage. Hanne Glodny, unermüdliche, ehrenamtlich als Ärztin in den Projekten arbeitende Allrounderin lebt noch in dem Zimmer, das man mir zugedacht hatte. So hole ich etwas Schlaf im Treppenhauszimmer nach. Lange schlafen kann man hier nicht, da die Geräusche des erwachenden Krankenhauses einen zurückholen. Spätestens die URDU-Gesänge bei der Morgenandacht in dem angrenzenden Gebetsraum, der von den Christen im Krankenhausdienst genutzt wird, sorgen für die Wiederbelebung der Sinne. Überhaupt: Ruhe findet nicht (und sucht sie auch nicht), wer Ruth Pfau besucht und das Glück hat, die volle Zeit mit ihr zu teilen. Sie wirkt von 5 in der Früh bis um 22.00 Uhr in der Nacht und gönnt sich gerade einmal 20 Minuten Mittagsschlaf. Müßiggang ist ihr unbekannt. Zeit ist da, um genutzt zu werden. Menschen sind da, um mit ihnen zu sprechen, ihnen zuzuhören. So vieles liegt im Leben vor unseren Füßen und muss doch nur gesehen und aufgehoben werden. Da passen Freizeitvorstellungen, wie wir sie in Europa entwickelt haben, nicht ins Lebenskonzept. Ich musste doch lachen, als Ruth mir einen Wochenverlaufsplan überreichte, auf dem schon präzise jede Minute verplant war. Doch Glück gehabt, es gab da ein paar Blöcke, die noch zur freien Verfügung standen. Zur freien Verfügung bedeutet: Hier kann man alle die Termine reinpacken, die bis dato noch nicht konkretisiert waren! Endlich weiß ich, wie Ruth Pfau sich fühlen muss, wenn sie uns in Deutschland zu ihren Rundreisen besucht und gleich zu Beginn einen Verlaufsplan bekommt.
Die Zeit in Pakistan wurde einzigartig Die Zeit war so voll von Begegnungen mit Menschen, dass es Wochen und Monate dauern wird, sie alle zu verarbeiten. Und ich habe viel Material mitgebracht, Geschichten, Bilder, Interviews und Videosequenzen. Diese Eindrücke werden Sie in den nächsten Freundesbriefen mit mir teilen können. Wie geht es Ruth Pfau? Nun, lassen Sie es mich indirekt ausdrücken. Während der ganzen Zeit hatten wir selten einen Fahrer. Fast immer fuhr Ruth Pfau mit ihrem SUZUKI selber mit mir durch Karachi. Wach, in Erzähllaune, lachend, scherzend und sehr beglückt über ihr Team, das die Lepra- und Tuberkulosearbeit in ein neues Jahrtausend trägt. Beglückt darüber, dass es ihr gelungen ist, die Arbeit in die Hände von hochmotivierten Menschen zu legen, die in ihrem Sinne weiterarbeiten. "Das war wahrscheinlich überhaupt das Beste, was ich in all den Jahren erreicht habe, dass dieses Team die Arbeit übernommen hat!" so Ruth Pfau. Und wer sieht, wie sie arbeiten, teilt diese Einschätzung. Ein multinationales und multireligiöses Team von Idealisten, die mit einem hohen Maß an Sachverstand Lösungen in einem so schwierigen Land wie Pakistan erarbeiten. Menschen, die sich einer Tradition verpflichtet fühlen, die in über 40 Jahren entstanden ist. Menschen, die nicht dem Karrieredenken verfallen sind, sondern ihre Managementaufgaben als Verantwortung empfinden. Hier ist etwas gewachsen, das seinesgleichen sucht.
Geschichten, die das Leben schreibt: Der Geist der Arbeit, die ganzheitlichen Ansätze, dieses alles spiegeln die Geschichten wider, die Dr. Ruth Pfau tausendfach zu erzählen weiß.
Eine Geschichte, festgehalten im Februar 2001 in Karachi. Als wir die Frauenstation betraten, fiel mir eine Frau auf, die nicht auf mich reagierte. Normalerweise sind alle froh, wenn sie mich wiedersehen. Sie aber wirkte apathisch, nahm keinerlei Notiz von mir, hatte einen sehr verhärmten und hoffnungslosen Gesichtsausdruck. Auch als ich sie fragte, wo sie herkomme, reagierte sie nicht. Die einfachste Erklärung dafür: Sie verstand kein Urdu.^ Zunächst vermutete ich, sie spräche Baluchi. Es stellte sich dann aber als Sindhi-Dialekt heraus. Den spricht auch keiner von den Angestellten, obwohl diese in der Regel schon 5-6 Lokal-Sprachen beherrschen. Also mussten wir eine Patientin suchen, die nicht nur diese Sprache kannte, sondern auch noch Urdu verstand, damit ich sie als Dolmetscherin einsetzen konnte. Bei diesen Übersetzungen geht leider unheimlich viel an Feinheiten in der Geschichte verloren. Dennoch stellte sich schnell heraus, dass diese Frau seit wenigstens 7 Jahren an der Lepra erkrankt war. Sie wusste es schon lange. Bis die Symptome vor drei Jahren so schlimm wurden, dass sie anfing Lokalärzte zu besuchen.Das alles spielte sich praktisch vor unseren Augen ab. Sie hat immer hier in Karachi gewohnt. Als sie sich die rechte Hand einmal so sehr verbrannt hatte, dass sie dadurch fast vollständig verstümmelt war und gleichzeitig im linken Fuß ein Fußgeschwür bekam, in dem die Maden herumkrochen, ist sie zu einem Hautarzt gegangen. Der hat sie „endlich!" an uns überwiesen. Ja! Wie an diese alten Frauen herankommen? Karachi allein hat 14 Millionen Einwohner. Wir können nicht in jedes Haus hineingehen. Das ist unmöglich. Nicht zu finanzieren. Wir machen regelmäßig "Umgebungs-Untersuchu- ngen", d. h., wir suchen im Umfeld uns bekannter Leprapatienten. Aber auf diese Weise finden wir nicht alle. Ein weiteres Problem sind die Allgemeinmediziner. Offensichtlich denken die Ärzte nicht an Lepra. Diese Krankheit in den Lehrplan für das Medizinstudium aufzunehmen, ist fast unmöglich. Wenigstens in den dermatologischen Vorlesungen, die aber nur einen kleinen Teil der allgemeinmedizinischen Ausbildung ausmachen, werden jetzt 1 oder 2 Leprapatienten mit hineingenommen, und den Studenten gezeigt. Und: Wir bekommen Studenten hier in unser Krankenhaus geschickt, wenn die Sozialmedizin auf dem Lehrplan steht. Die Universitäten entsenden die angehenden Mediziner dann in bestehende Projekte. Wir haben es durch intensive Kontaktpflege geschafft, in den Kreis dieser „Projekte" aufgenommen zu werden. Wo es wirklich gelungen ist, Lepra in das Bewusstsein der Mediziner zu rücken, ist in der Ausbildung zum Hautfacharzt. Dort haben wir engen Kontakt zu einem der prüfenden Ärzte, einem hohen Militär, der in einer Militärklinik praktiziert. Dieser Prüfer ist bekannt dafür, dass er jeden durchfallen lässt, der einen Leprakranken falsch diagnostiziert. Also kommen nun angehende Dermatologen in Scharen in das MALC, um sich Informationen zu holen und Erfahrungen zu sammeln. Die Konsequenzen daraus sind enorm. Über die Hälfte aller Neufälle wird heute von Hautärzten zu uns geschickt. Ein Problem gibt es jedoch auch hier: Hautärzte haben hohe Honorarforderungen. Gerade von der Lepra bedrohte Bevölkerungsschichten können sich das selten leisten. Dort, wo es billiger wäre, in dem einzigen Regierungskrankenhaus, muss man extrem lange warten. Das motiviert wenig. So dauert es eben doch lange bis die Menschen Hilfe bekommen. Aber wenn sie dann schließlich bei einem Hautarzt untersucht worden sind, werden sie überwiesen. Das ist, bei allen beschriebenen Problemen, ein toller Erfolg unseres Programms. Keine Frage!
Zurück zu unserer Patientin: Es gibt da eine wahnsinnige Gefahr! Ich rege mich jedesmal wieder darüber auf. Die Frau ist ausgeheilt - im Computer. Sie ist mit der modernen Kombinationstherapie behandelt. Sie ist entlassen worden. Sie wurde in der Zeit, in der die Rückfallgefahr am größten war, nachuntersucht und danach ist sie, nach den Standards der Welt-Gesundheits Organisation (WHO), aus der Kartei herausgenommen worden. Wir können doch um Himmelswillen nicht sagen: „Wenn wir den Leprabazillus erfolgreich bekämpft haben, ist damit die Krankheit vom Tisch." Das Geschwür dieser Frau ist ein Sozialgeschwür. Da hat das Leprabakterium nichts mehr mit zu tun. Ihr Mann ist alt und verdient nicht mehr. Der Sohn (25 Jahre) ist so schwer geistig behindert, dass sie ihn immer noch füttern und wickeln muss. Sie hat nichts gelernt. Sie geht von Haus zu Haus, um dort Teller zu waschen, für ein paar Pfennige und für Essensreste. Wenn sie abends müde und total erschöpft nach Hause kommt, kann sie ihre Familie gerade so eben ernähren. Und morgens geht die ganze Runde wieder von vorne los.Als das Geschwür so stank und voller Maden war, dass sie schon aus dem Verband herauskrochen, da haben die Nachbarn sie wieder zu uns ins MALC gebracht. Wir hatten sie insgesamt schon dreimal stationär aufgenommen. Wenn Sie eine so starke Infektion hatte, dass sie Fieber bekam, dann kam sie zu uns. Wenn wir das Fieber nach 2-3 Tagen unter Kontrolle gebracht hatten, konnten wir sie nicht mehr halten. Dann wollte/mußte sie zurück zu ihrem Sohn. Diesmal hat es die Nachbarschaft fertig gebracht, Hilfe zu organisieren. Sie haben von uns gefordert, die Frau nicht eher zu entlassen, ehe sie nicht wirklich auf eigenen Füßen stehen kann. Sie haben dafür versprochen, sich um den Sohn und den Ehemann zu kümmern. Jetzt, vielleicht, können wir dieser Frau helfen. Aber wirklich ausheilen? Da braucht es mehr!Operation 2020 Deshalb haben wir das so heiß umkämpfte Programm "Operation 2020" eingeführt. Ein Patient ist erst ausgeheilt, wenn er Zugang zu sieben Menschenrechtsindikatoren hat. Er soll wissen, dass er ein Recht hat, Folgendes zu erwarten: 1.) Das Recht auf Essen und Trinken 2.) Das Recht auf Kleidung 3.) Das Recht auf ein Dach über dem Kopf 4.) Das Recht auf Zugang zum Basisgesundheitsdienst 5.) Das Recht auf Zugang zur Alphabetisierung 6.) Das Recht auf soziale Akzeptanz 7.) Gleiches Recht auf dem Arbeitsmarkt Nur wenn ein Patient diese Möglichkeiten hat und auch seine Umgebung das einsieht, können wir einen Patienten als geheilt bezeichnen. Und dann geht die Akte in die Ablage, nicht vorher!
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