*Weihnachtsbrief*
von Dr. Ruth Pfau:

„DAS ist die Welt,
in die dieses Kind,
freiwillig und schutzlos,
gekommen ist . . ."

Morgens, auf dem Weg zur Messe. Ich gehe den streunenden Hunden aus dem Weg, schlage einen Bogen um die Obdachlosen, die auf dem Bordstein liegen, auf einer Zeitung als Unterlage, in einen schmutzigen Umhang gehüllt; an der Basarkreuzung: die Drogenabhängigen, zwischen weggeworfenen Bananenschalen und verschütteten Abwässern, Abfall der 13 Millionenstadt.
Heute schläft ein Kind unter ihnen, nicht älter als 4 Jahre! Wie es wohl in diese Gruppe geraten ist? Während der Messe geht mir das Bild nicht aus dem Sinn, der Bub, auf der blanken Erde, eingeschlafen, tief und vertrauensvoll. Was wird einmal aus solch einem Kinde? Man müsste ihn mitnehmen, jetzt, am Beginn, ehe er sich an das Leben auf der Straße gewöhnt hat...

Auf dem Heimweg.

Die Drogenabhängigen sind im Aufbruch. Sie müssen den Fußsteig geräumt haben, ehe die erste Polizeistreife auftaucht. Abwesende Blicke, fahrige Bewegungen, jämmerliche Gestalten, verstaubt, unrasiert.
Der Vierjährige? Der hat sich in die Arme eines der Drogenabhängigen geflüchtet. Dort hat er sich eingekuschelt, lacht schelmisch und zärtlich, und der abgezehrte stoppelige, kaum 30 jährige Mann, wiegt das Kind in seinen Armen und lächelt, lächelt versunken und glückselig und zärtlich...

...Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.

Warum ist er gekommen..... Anklicken zum Vergrößern

Weihnachten
Warum ist er gekommen? In diese verlorene heillose Welt gekommen? Warum hat er sich uns ausgesetzt? Ausgesetzt im äußersten Akt der Solidarität? Ein Kind. Und er wird sein "Ja" nicht zurücknehmen, auch dann nicht, wenn alles seinen Sinn verloren zu haben scheint...

Seit mein einheimisches Führungsteam Arbeit und Verantwortung zunehmend übernommen hat, kann ich endlich Aufgaben in Angriff nehmen, die mir schon seit langem am Herzen liegen. Ich hatte nur keine Zeit dafür. Menschenrechtsarbeit z. B. schon unter unseren Patienten, unseren Angestellten ist so viel zu tun.

Indryas, des Raubüberfalles angeklagt. Er hatte ein kleines Gesundheitszentrum eröffnet, seine Frau ist ausgebildete Hebamme, er selbst Lepraassistent. Die Leute können für wenig Geld Rat und Hilfe bekommen in den täglichen Sorgen um die Gesundheit ihrer Kinder. Seither lief die Privatpraxis seines Nachbars nicht mehr wie früher. Der Nachbar hatte Verbindung zur Polizei. Gefoltert, bis er "gestand", ins Gefängnis geworfen. Die Familie ist jetzt finanziell ruiniert. Die Kinder mussten die Schulausbildung unterbrechen. Einer von Ihnen aus Deutschland, von unseren regelmäßigen Spendern, schickte uns eine zusätzliche Spende für den Rechtsanwalt. Jetzt ist Indryas zurück, aus dem Gefängnis entlassen. Wir versuchen ihm zu helfen, über die Erfahrungen der letzten Monate hinweg zu kommen...

Mohammed Ali, einer unserer afghanischen Leprapatienten ist wegen Mordes angeklagt. Ich habe noch keinen getroffen im Stamm, der gezweifelt hat, dass er unschuldig in den Prozess verwickelt worden ist. Der von der Menschenrechtsorganisation vorgeschlagene Rechtsanwalt vertritt den Patienten für 1/3 der Gebühren, die wir sonst bezahlen würden. Er hofft, noch in diesem Monat den jungen Afghanen freigesprochen zu bekommen.

Der Bruder einer unserer Lepra-Assistenten wurde unter Mordverdacht verhaftet und gefoltert. Monatelange Erhebungen haben keinerlei Beweise erbracht! Jetzt hat uns die Menschenrechtsgruppe einen Rechtsanwalt vermittelt, der den jungen Mann kostenlos vertritt.

Was diese Geschichten mit Weihnachten zu tun haben?!
DAS ist die Welt, in die dieses Kind, freiwillig und schutzlos, gekommen ist.... Gekommen, um uns zu sagen, dass die Liebe TROTZDEM stärker ist als die Verzweiflung.

DAS ist die Welt, in die dieses Kind, freiwillig und schutzlos, gekommen ist.... Anklicken zum Vergrößern

Und was diese Geschichten mit der Lepraarbeit zu tun haben?
Es überwältigt mich immer wieder und verschlägt mir schon hin und wieder den Atem, was in den vergangenen 40 Jahren rund um diese Lepraarbeit gewachsen ist...

Der Gesundheitsminister der ovinz Baluchistan: "..... Es ist mir eine Freude und eine Ehre, Ihnen in dieser Sache helfen zu können". Warum sagt er das? Er hat an dem Programm noch nie auch nur eine Rupee verdienen können.

Sitzung des kürzlich ins Leben gerufenen Nationalen Lepra-, Erblindungs-, Tuberkulosebekämpfungsausschusses, 14 Vertreter der Zentral-, Provinzialregierungen, von Hilfsorganisationen. "... Ich habe noch nie erlebt in Islamabad," sagt der Verantwortliche für die Zentralregierung, als wir den Sitzungssaal miteinander verlassen, "dass sich Delegierte vier Stunden lang konzentriert mit der Materie beschäftigt, so aufeinander gehört, konkrete Lösungen erarbeitet haben - wie haben Sie das nur gemacht!?" „Ich mache nichts" - sage ich. "Doch", sagt er, "das hängt mit Ihnen zusammen, sonst ereignet sich so etwas einfach nicht." Irgendwie stimmt es natürlich. Wir haben eine Kultur des aufeinander Hörens entwickelt, die man sonst in Pakistan schwer findet.

Friedensarbeit
Lepraarbeit ist mehr, viel mehr als nur Tabletten austeilen und körperliche Symptome heilen. Lepraarbeit heißt, die Würde jedes Einzelnen einzufordern - und auf diesem Weg ein wenig "Heil" zu stiften.Wir alle sind zusammen dabei, "den Weg zu bereiten". Auf dem Wege, auf dem uns verheißen ist, dass Frieden werde, "Friede den Menschen guten Willens".

Ihre Ruth Pfau

Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder.... Anklicken zum Vergrößern zurückDeutsches Aussätzigen-Hilfswerk e.V. · Aktionszentrale Nordwest · D-48145 Münster
Redaktion: Harald Meyer-Porzky, Jürgen Belker-van den Heuvel · Aktionszentrale Nordwest
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