Nach dem Anschlag

Die trotzige Entscheidung zum "Dennoch"
Denn das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht kennt

Liebe Freunde,
es tröstet mich und uns alle, dass neben der Vernetzung der Gewalt auch die Solidarität, die Sorge umeinander wächst - wir, die wir nahe an der mutmaßlichen "Quelle" sitzen, merken es in vielen Anrufen, Emails, Gebets- und Protestinitiativen. Ich möchte mich der Aufgabe nicht entziehen, allerdings sage ich zum Anfang, was ich seit langem aufrechterhalte: ich mache keine "Statements" mehr, ein langes Leben hat mich überzeugt, dass das Leben so differenziert, so unvorhergesehen, so bunt, so schön und so traurig und so aufregend und vielschichtig ist, dass man eigentlich nur in Bildern ein Stück der vieldimensionalen Wirklichkeit einfangen kann...
Es gilt auch für uns, soweit wir nicht (eine Überlebensstrategie) weitgehend abgeschaltet haben: seit dem Anschlag auf das WTC und das Pentagon ist die Welt nie wieder die gleiche... Wohl, weil damit unsere eigenen Erfahrungen in einen größeren Zusammenhang eingeordnet werden, und unser "warum?" weltweit ein Echo auslöst.

Globalisierungskrieg:

Sicher hat die angebotene Erklärung ein Stück Wahrheit für sich, aber wenn wir es nur als Reaktion gegen den reichen Westen sehen, machen wir es uns wohl zu einfach. Denn die Gewalt richtet sich ja nicht nur auf die USA. Solch ein Anschlag wächst doch nur auf einem Boden, der seit langem gewaltbereit ist: um so ein perfekt organisiertes Drama durchzuführen, müssen doch Mitläufer und Sympathisanten dagewesen sein, die die Durchführung ermöglicht haben. Wo liegen die Wurzeln für die herabgesetzte Hemmschwelle? In unserem eigenen Programm (und ich lebe viel mehr von und mit "Geschichten" als mit "Statements"):
wir haben jetzt unseren dritten Lepra-Assistenten verloren, alle drei während ihres Einsatzes in den Außenstationen. Während die ersten zwei noch erschossen worden sind (eines war sicher Teil eines Sunniten-Schiiten Pogroms, die Gründe für den anderen Mord wissen wir nicht), ist der dritte auf die schrecklichste Weise abgeschlachtet worden - nachdem man ihn erst bewusstlos geschlagen hatte, das ist noch der "tröstliche" Aspekt der Geschichte, ehe man dann das Blutbad angerichtet hat - verzweifelter Kommentar unserer Mitarbeiter:
"...früher ist es uns schwergefallen, einem Huhn die Gurgel durchzuschneiden, heute hat keiner Hemmungen, das mit einem Menschen zu tun".
Wir haben noch weitere 4 Morddrohungen im Programm, mit denen wir uns noch auseinandersetzen - ich würde mein Mobiltelefon nicht mehr abschalten.
Warum diese steigende Gewaltbereitschaft, und durchaus nicht nur den "Ausländern" gegenüber?
Diese tausendfache Frustration - kein Wasser- keinen Strom bei brütender Hitze - die hoffnungslos überfüllten öffentlichen Verkehrsmittel – der Dschungel des Verkehrs und gleichermaßen des Rechtssystems – die ständigen Bombenanschläge, in Bussen, im Bazar - und der rapide Zusammenbruch der sozialen Sicherheiten (der Großfamilie) und der Wertesysteme; ich höre die beunruhigte Frage wieder und wieder, von Kollegen im Regierungsdienst, im Team: "Wissen Sie eine Antwort? Ist eigentlich ein Unterschied zwischen haram (Todsünde) und halal-? (gottwohlgefällige Haltung) - ".
Alles Mini Erklärungsversuche.
Aber erklärt das
(unsere eigene, noch gar nicht so alte Geschichte. Anm. der Redaktion), die Konzentrationslager in Deutschland?!, erklärt das Auschwitz - erklärt das - - - Golgatha -? Ich weiß nicht, woher diese Freude an der Gewalt kommt. Die im Menschen zu liegen scheint. Ich habe nach der ersten Konfrontation mit einem Tötungskommando (in Gilgit, 1992) versucht, im Projekt für Pakistan spezifische Versuchungen zur Gewalt zu identifizieren und anzugehen, "unseren Jungs", den Lepra-Assistenten, existentielle Erfahrung zu vermitteln versucht, welcher Unterschied zwischen dem Kitzel der Macht (eine Kalaschnikow über der Schulter) und eigentlichem Glück besteht - ich glaube, dass jemand, der einmal GLÜCK erlebt hat, sein Leben lang danach hungrig ist und gegen Pseudobefriedigung immun.

Osama Bin Laden:

Ob er es organisiert hat oder nicht, das weiß ich nicht. "Osama Bin Laden" steht wohl auch gar nicht mehr für einen Mann, sondern für eine Strömung. Wenn man in diesem Zusammenhang auf die Taliban verweist, ist das wohl nicht ganz grundlos, aber auch hier müssen wir uns fragen, was diese Generation produziert hat -.
Wir alle haben die Verhältnisse in den afghanischen Flüchtlingslagern gekannt. Wir kennen auch die heutigen Verhältnisse, "Jalozai" steht heute schon für "Flüchtlingselend". Ohne Zukunftsperspektive kann eine Jugend nicht leben. Wenn "der Sinn" dann in einfacher Form von Fundamentalisten angeboten wird - wenn ein sinnloses Leben plötzlich im "Opfer" tieferen Sinn erhält - das Phänomen kennen wir ja noch von Nazideutschland. Nur wenn in der Familie Werte gelebt wurden, waren Christen, waren junge Katholiken bei den Judenpogromen nicht dabei - .

Weltweiter Vormarsch des Fanatismus/Fundamentalismus:

Ich sehe keine weltweite Strategie dagegen - das Leben ist kompliziert, und dass es überdies sozial ungerecht ist, wissen heute die meisten - dass sie nach Alternativen suchen, wer kann es ihnen vorwerfen? Wenn man jahrelang arbeitslos ist und als Mensch in seinem Wert nicht anerkannt - wir haben eine vor 5 Jahren noch unbekannte Selbstmordwelle in Pakistan, die meisten Opfer sind arbeitslose junge Männer. Wenn man dann plötzlich erfährt, existentiell erlebt, dass dieselben, die einen vorher verspottet haben, plötzlich strammstehen und wie die Aufziehmännchen parieren, wenn man ein Maschinengewehr auf sie richtet.(Und wen wundert es, wer würde nicht strammstehen, wenn er mit der Waffe bedroht wird. Anm. der Redaktion)
"Gerechtigkeit ist das neue Wort für Frieden " - hat das nicht einmal ein Papst gesagt?
und sind die kirchlichen Menschenrechtsorganisationen nicht überall unter dem Titel "Justice and Peace" - Gerechtigkeit und Frieden bekannt? Wir wissen es wohl alle - wir wissen auch, was wir, wenigstens im kleinen, dagegen tun können: anders leben, damit andere überleben - das hat noch nichts von seiner Aktualität eingebüßt.
Die Frage ist: sind wir bereit, den Preis zu zahlen?

Auf welchem Boden gedeiht die Saat?

Ich wäre ja froh, wenn die Saat nur auf muslimischen Boden gedeihen würde. Dann könnte man die Gründe analysieren. Aber wie kam es zum Nazi Reich? Arbeitslosigkeit war sicher ein Grund, aber nicht der einzige. Ich kenne genügend arme, wirklich ganz arme Gegenden in Pakistan. Gegenden, in denen man ein trockenes Fladenbrot unter die Kinder aufteilt, und trotzdem ist die Sozialstruktur intakt. Wenn ein Messias auftritt und ihnen das Paradies verheißt - was wird dann geschehen? Ich weiß es nicht. Dass die moralische Entwicklung der Menschheit mit der technischen nicht Schritt gehalten hat, das wissen wir auch alle. Dass damit den Christen eine dringende Aufgabe zufällt, das wissen wir wohl auch. Wie sie erfüllen? Es gibt keine Patentrezepte. Aber es gibt genügend Gelegenheiten für kleine Schritte. Hat unser Herr nicht auch als Schreiner in einem Kaff in Galiläa gearbeitet?

Die USA als Zielscheibe:

Ich meine, es hätte irgendein Sündenbock sein können. Warum Amerika? Sie haben sich als Schöne Neue Welt profiliert, oder vielleicht ist es auch nur geschichtlich so eingefahren. Warum waren in Nazideutschland die Juden an allem Schuld? Es gibt ein vorzügliches Buch, das auch in den letzen 20 Jahren nichts an Aktualität eingebüsst hat: The ugly American = Der hässliche Amerikaner.
Das einzige Mittel gegen diese Vorurteile: dass sich Menschen persönlich kennen lernen, und gemeinsam Aufgaben in Angriff nehmen. So dass man nicht mehr über "den Amerikaner" spricht, sondern von Bill, mit dem wir uns so amüsiert haben, und Steven, mit dem wir so vernünftige Gespräche geführt haben, und Ronald, der ein vorzüglicher Fahrer war -.
Das einzige Mittel gegen Vorurteile, das ich kenne: entdecken, und anderen entdecken helfen, dass Menschen ein Gesicht haben.

Gewaltpotential des Islam:

Jede Religion kann missbraucht werden. Der Islam ist im Kulturkeis der Wüsten-Stämme "inkarniert" worden. Es gibt Tendenzen, das "Auge um Auge, Zahn um Zahn" hochzuspielen. Zweifellos ist "Vergeben" ihnen fremd, auch wenn man es theologisch durchaus im Islam finden kann. Die "Liebe bis zum Äußersten" ist nicht drin. In seiner geschichtlichen Erscheinungsform ist der Islam sicher eine vorwiegend martialische Männerreligion. Auch wenn er im Sufismus mystische, poetische und zärtliche Formen angenommen hat.

Wie kann es dazu kommen, dass die Religion missbraucht wird?

Auch da können wir sicher von der Geschichte lernen. Immer, wenn wir die ewige Wahrheit als "Besitz" ansehen, und nicht als ein Geschenk, das wir in "irdenen Gefäßen" tragen, geht es schief. Gewiss: wir können die ewige Wahrheit des uns anvertrauten Offenbarungsgutes nicht verraten - die Überzeugung gilt für Muslime und Christen (und wohl auch für Juden, mit denen ich keine persönliche Erfahrung habe) gleichermaßen. Aber diese "ewige Wahrheit" ist schon durch unser endliches (und nicht un-endliches) Fassungsvermögen nicht mehr in ihrer ursprünglichen Reinheit präsent, sondern in einer geschichtlich verfassten Variation, und deshalb ist da immer ein Tropfen Irrtum drin, und damit sollten wir rechnen, und daraus entspringt unsere Toleranz (oder: Demut).

Religionen als Friedensmacht:

Ich meine, wir haben gerade jetzt eine Demonstration der Macht des Friedens, die uns wirklich Mut machen sollte (und es auch tut): die Gebete aller Religionen, Menschen, die sich zusammenfinden im gleichen Anliegen.
Dass in Islamabad eine öffentliche Demonstration stattgefunden hat, in der man für die betroffenen Familien und besonders für die USA hat beten können, ist enorm - dass Menschen den Mut haben, gegen den Strom der Angst zu schwimmen. Und das hat sich in allen Teilen der Welt ähnlich abgespielt.
Auch sonst im kleinen: Wir haben (ich sprach es schon an) im letzten Jahre zwei unserer Lepra-Assistenten durch Mordanschläge in jeweils einer Außenstation verloren. Einer war der Bruder eines unserer leitenden Angestellten, ein überzeugter Muslim.
Nach einer Woche von wiederholten Verhören kam Ghullam Haider zu mir und sagte, wenn es Ihnen recht ist: die Polizei droht mit Vergeltungsmaßnahmen, wenn ich ihnen keine Liste von Verdächtigen gebe - aber ich werde trotzdem sagen, foltern Sie mich, verhaften Sie
mich, ich gebe trotzdem keine Namen von Verdächtigen an, denn ich kenne keine - wenn ich irgendwelche Namen angebe, nur um Ruhe zu haben: ich weiß, wie die Polizei mit den Verdachtspersonen umspringt, und ich möchte nicht schuldig werden -.
Ich war so glücklich und so beschwingt an dem Tag. Man muss wohl in Pakistan gelebt haben, um zu wissen, wie tapfer so eine Verweigerung ist -.

Prozesse gegen die Missionare:

Ich würde das Missionskonzept dieser protestantischen Gruppe (shelter now – Anm. der Redaktion) nicht unterschreiben. Sie haben gewusst, welches Risiko sie auf sich nehmen, und ich bewundere sie für ihren Einsatz. Dass die Weltöffentlichkeit heute auch im hintersten Winkel von Afghanistan ein Machtfaktor ist, das kann man an der Reaktion der Taliban ablesen. Wir glauben nicht, dass es zu mehr als der Verweisung des Landes kommen kann.
Was uns noch mehr beunruhigt ist das Schicksal der mitangeklagten Afghanen (um die sich die gefangenen Missionskräfte bestimmt schreckliche Sorgen machen). Über die wird kaum geredet. Wir müssen auch für sie "Welt-Öffentlichkeit" schaffen. Denn sie sind wirklich in Gefahr.
Das Recht der Talibanen, sich so zu verhalten? Natürlich keines. Wir sagen manchmal: Das Islam ist 600 Jahre jünger als das Christentum. Wenn wir 600 Jahre zurückgehen, sind wir in der Zeit der Femegerichte und der Inquisition.
Man opfert eigenes und fremdes Leben. Nicht, dass das etwas entschuldigt. Aber es hilft vielleicht zu ein bisschen mehr Verständnis. Natürlich ist brutale Gewalt ein Zeichen von Unsicherheit. Soll man sie deshalb noch unsicherer machen?
- Bis hierhin hatte ich geschrieben, ehe die Nachricht kam, dass Pakistan weitgehend mit den USA kooperiert-. Jetzt weiß ich weder, was "Weltöffentlichkeit" in Kabul für eine Reaktion auslösen wird, noch, ob sich das negativ auf den Prozess auswirken wird. In einer Woche werden wir klarer sehen, vermutlich.
(Wenn Sie dieser Rundbrief in Händen halten, ist schon etwas mehr als diese 1 Woche vergangen. Anm. der Redaktion)

Die unversöhnliche Haltung der Taliban:

Natürlich habe ich keine Erklärung.
Außer "Warum hasst du mich? Ich habe dir doch nie geholfen".
Es ist unheimlich schwierig zu helfen und nicht die Unsicherheit der Empfänger zu verstärken. Deshalb vermutlich die Kampagnen gegen NGOs
(Nicht-Regierungs-Organisationen – Anm. der Redaktion), die wir überall beobachten. Die letzten Mordanschläge in Pakistan trafen überwiegend Ärzte, Pfleger, Krankenschwestern – neben Geschäftsleuten.
Soll man deshalb nicht helfen? Eine Frage, die ich in 40 Jahren Einsatz in Pakistan nicht habe beantworten können. Wir haben trotzdem weitergemacht, und ich würde es auch weiter so tun.

Positive Aspekte der globalen Vernetzung:

Wenn man durch die Erfahrung einer so tiefgehenden Enttäuschung geht, "Ent-täuschung", kommt man der Wahrheit ein wenig näher. Klar zu sehen, dass die Welt so ist wie sie ist - und (wenn man Christ ist) trotzdem daran festzuhalten, dass Gott die Welt liebt - liebt bis zur Torheit, dass also da etwas sein muss, was ich nicht sehe und nicht verstehe -
diese Zu-Mutung wird einem erneut bewusst. Und damit vielleicht auch die trotzige Entscheidung zum "Dennoch": "...und als er sich einmal entschlossen hatte, sie zu lieben, liebte er sie bis zum Ende". Ist das logisch? Natürlich nicht. Aber die Liebe hat ihre eigene Logik. Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht kennt.

Ihre
Ruth Pfau

Red. Ergänzungen: Harald Meyer-Porzky, Severin Rascopp