Rückblicke auf Deutschland

Das neue Führungs-Team von Ruth Pfau war begeistert

 

..eigentlich habe ich ja immer einen "Lebt wohl" Brief geschrieben zum Abschied. Hab noch einmal zurückgeschaut; zu sammeln versucht, was diese Wochen für mich und vielleicht auch für andere bedeutet haben. Diesmal bin ich gar nicht erst "gelandet". Ich habe Shalwal-Khamis (die pakistanische Landestracht) gar nicht erst abgelegt. Auch die deutsche Sprache hat mich nicht so fasziniert wie in früheren Jahren, mit ihren neuen Entwicklungen und Wortschöpfungen - wohl, weil meine wichtigsten Gesprächspartner während dieser Zeit Englisch sprachen, mein Führungsteam aus Pakistan, mein eigentliches Thema dieser Wochen.


Ich hatte ungeduldig und herzklopfend auf sie gewartet - ungeduldig, weil diese gemeinsame Fahrt schon lange auf dem Programm hätte stehen sollen; und herzklopfend, weil ich nicht wusste, wie sie auf "meine" Heimat reagieren würden. Ich habe Deutschland durch ihre Augen erlebt.
Ihre Reaktion? Durchweg positiv. "So grün - so friedvoll - so sauber - so freundlich."

Dr. Ruth Pfau und Dr. Zia vor der Marienkirche in Lübeck

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Ausstellung in Lübeck: die Trümmer am Ende des Krieges. Wir stehen in der Marienkirche. "Ist das wahr", fragt Dr. Zia: "dass sie Stein für Stein genommen und saubergeputzt und alles so wieder aufgebaut haben, wie es vorher war?!" "Ja", sage ich, "das ist wahr." Und kann es selbst kaum glauben. "Die Kindergärten", sagen sie, "wie kreativ. Und die Kühe so fett! Und die Menschen sind so nett und so zuvorkommend, und die Väter schenken ihren Kindern so viel Aufmerksamkeit..." "Und was mich am meisten fasziniert", sagt Dr. Ashfaq zum Abschluss einer Veranstaltung zu den Menschen, die gekommen sind: "Wir und unsere Patienten sind weder Ihre Landsleute, noch sprechen wir Ihre Sprache, und wir haben nicht mal Ihre Religion - und Sie setzen trotzdem Ihre Zeit, Ihr Geld, Ihre Mühen ein, um uns zu helfen." Was mein Führungsteam sagte, ist wahr.

Frau Waltraud Schreiner mit ihrer "Wegbegleiterein" Ruth Pfau.
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Und das, was mich so umtreibt, was mich an manchen Tagen selbst den Duft der Linden und die aufmerksamen Augen der Menschen in unseren Veranstaltungen nur wie im Nebel hat erleben lassen - diese nicht zu ertragende Ungerechtigkeit, dass ihr Wasser habt und wir nicht - einen Rechts-, einen Sozialstaat habt und wir nicht, dass eure Kinder in die Schule gehen und zum Arzt, dass eure Wagen TÜV-geprüft sind und wir nie wissen, ob sie morgens noch anspringen, dass ich zurück muss um Indryas im Untergrund zu suchen, weil es uns nicht geglückt ist, ihn vor Folter und Polizeiverfolgung zu bewahren - dass wir noch immer Salzwasser in den Garten ablaufen lassen, das B. keine Rente hat und nicht weiß, wie er seine Familie ernähren soll, er hat spät geheiratet und die Kinder sind noch klein - all das können Sie nicht "be"greifen, da es nicht in Ihrem deutschen Erlebnishorizont enthalten ist. Obwohl wir darüber gesprochen haben. Obwohl sie es wissen. Es gab Stunden, da habe ich ihren zärtlichen Blick auf Deutschland übernommen. Wirklich, Deutschland ist schön. Warum, warum genießen wir es nicht?! Es ist schön zu wissen, dass das Experiment gelingen kann: Es ist möglich, nicht das Paradies auf Erden zu schaffen, nicht die leidfreie Gesellschaft zu erzwingen, aber doch eine staatliche, eine Lebensform zu schaffen, die dem Menschen freies Atmen erlaubt. Die ihre Würde schützt. Schön.
Was mir aufgefallen ist? Viele der Fragen, seit langem gestellt, sind auch heute noch aktuell. Ein "Wohl"Stand, in dem sich keiner wohl zu fühlen scheint. Eine leidfreie Gesellschaft schaffen wollen hieße, die Liebe, die Leidenschaft zu verneinen. "Challenge" ist noch immer nicht eingedeutscht, nicht einmal im Neudeutschen: eine wertbedingte Herausforderung, die "Tugend, sich um des größeren Gutes willen verwunden zu lassen". Noch immer stimmt die Diagnose der "genetischen Unzufriedenheit der Deutschen", die noch immer auf "hohem Niveau weiterklagen".
Was gab es Neues? Vielleicht: die zunehmende Unverbindlichkeit. Eine unvermeidliche Folge des sich rapide ausbreitenden Marktes der Möglichkeiten. Wenn einem jungen Menschen kein Gefühl für Leitplanken mehr mitgegeben wird - wie lange soll er suchen und ausprobieren, ehe er im Markt der Möglichkeiten das entdeckt hat, was ein Leben trägt?! Ich habe selbst viele Jahre in dieser Grauzone gelebt und weiß, wie entmutigt, verzweifelt, frustriert man sich fühlt.
Es gibt Jeep-Pisten in Baluchistan, die bestehen nur aus den Spuren der Wagen, die vorher gefahren sind. Die verwehen im Sandsturm.
Und es gibt Jeep-Pisten, da haben sie sich die Mühe gemacht, kleine Sandhäufchen rechts und links der Piste aufzuwerfen und sie mit einem Stein zu beschweren. Und die führen zum Ziel, ganz gleich wie das Wetter wütet. Welcher Fahrer mit kühlem Kopf und klarem Verstand würde jemals freiwillig von einer solchen Piste abweichen?!

Dr. Ruth Pfau bei ihrem Besuch in Siedlinghausen

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Fortsetzung des Reiseberichtes von Dr. Hanne Glodny
Pakistan (31.08.99 bis 24.11.99)

.... Die Kletterei zurück am Steilhang ist schwieriger. Ich kann aber mit den anderen gut mithalten.

Gegen Abend erreichen wir das Dorf Drug, wo man im Haus eines Lepra-Assistenten ein sehr gutes reichhaltiges Abendessen für uns bereitet hat. Ein sehr liebenswürdiges und herzliches Haus, sehr sauber, in dem man es leicht für längere Zeit aushalten könnte. Es gibt eine Pumpe, aber kein fließendes Wasser und keine Elektrizität. Als ich nach einer Toilette frage, nimmt mich die Mutter bei der Hand und führt mich in den Ziegenstall! Nach der sehr guten und reichhaltigen Mahlzeit herzlicher Abschied.

Das nächste Dorf ist Karia. Dort ist ein Leprapatient, der kontrolliert werden muss, auch alle Frauen und Mädchen aus seiner Umgebung. Das ist ziemlich schwierig, weil viele sehr verschämt sind und ihre Haut nicht zeigen wollen. Auch einige Allgemeinkranke können wir behandeln. Die Gastfreundschaft ist sehr herzlich und das Abendessen ausgezeichnet. Dann geht es zurück nach Garguji, das wir spätabends todmüde erreichen. Hier gibt es wieder Wasser zum Waschen und einen eigenen kleinen Raum, in dem man sich ungestört an- und ausziehen kann.

Am nächsten Morgen wird nach dem gemeinsamen Morgengebet und Frühstück Medizin in den Store-Room gepackt und sorgfältig registriert. Es gibt ein Meeting, an dem alle teilnehmen. Die Möglichkeiten für die Entwicklung der Leprazentren Garguji und Warpragh werden besprochen, auch die notwendigen Arbeiten zum Erhalt und die Verbesserung der Bausubstanz beider Zentren und der Arbeitsplan für die nächsten Wochen und Monate. Dann beginnt der lange Weg zurück durch die Stein- und Felswüste nach Loralai. Die Landschaft ist grandios: zerrissene Berge mit verschiedenen Schichten und Farben des Gesteins, tiefe Schluchten, über denen sich die schmale, teilweise eingebrochene Piste an den Berghängen entlangwindet, Felsen, Steine in allen Farben und Formen. Der Jeep springt über Felsgestein, durch Furchen, Wasserlöcher, teilweise trockene, breite Flußtäler. Es ist fast ein Wunder, dass die Achsen nicht brechen. Spät nach Mitternacht erreichen wir Loralai. Alle sind geschafft, schmutzig, glauben ihre Knochen einzeln zählen zu können. Es ist nur eine Katzenwäsche. Dann liegt jeder todmüde auf seinem Bett.

Am nächsten Morgen einkaufen, den Meeting-Bericht in normales Englisch übertragen, waschen, Haare waschen, gemütlich zusammensitzen und frühzeitig zu Bett gehen.

Für den nächsten Morgen sind Besuche bei den leitenden Ärzten der verschiedenen Abteilungen des Goverment-Hospitals geplant. Überall ein sehr freundlicher Empfang und großes Interesse. Alle sind engagiert und voller Idealismus, aber die Einrichtung ist mehr als armselig.

Damit sind die Möglichkeiten der sehr gut ausgebildeten Ärzte zu ihrem Leidwesen sehr begrenzt. Der Nachmittag vergeht mit Büroarbeiten, danach bügle ich und bringe meine Sachen wieder in Ordnung. Am nächsten Morgen werden notwendige Dinge für das Augen-Camp in Harnai gepackt: Generator, Lampen, mehrere Trommeln mit OP-Wäsche zum Sterilisieren, Medikamente usw. Dann sind wir wieder auf der "Straße" sprich Piste; Steinwüste mit vereinzelt stehenden Lehmhäusern oder kleinen Dörfern aus Reisighütten. Wir durchqueren breite, meist trockene Flusstäler, fahren durch eine bizarre Felsenlandschaft mit senkrechter, schräger oder planer Schichtung und verschiedener Färbung. Manchmal scheinen die hoch aufragenden Felsen den Weg zu versperren. Doch dann öffnet sich ein schmaler Spalt, in dem sich die Straße eng und kurvenreich, neben einem vom Wasser tief ausgewaschenen Canyon voller Felsgestein an den Felsenwänden entlang windet. In einem kleinen Bazar an der Straße nach Santavi kaufen wir Chapatti, Obst und Gemüse für einen gemütlichen Lunch am Steilufer eines breiten Flusstales, wo wir ein kleines, schnellfließendes Rinnsal zum Waschen und als Kühlschrank benutzen können.

Am Spätnachmittag erreichen wir das Civil Hospital in Harnai. Wir werden freundlich empfangen. Aber die Augenärzte sind nicht da. Erst am nächsten Morgen sind sie in Quetta erreichbar. Gegen Mittag treffen sie ein. Viel gearbeitet kann an diesem Tag aber nicht werden. Es ist Freitag und der Gesundheitsminister hat seinen Besuch angesagt. Überall wird gefegt, geputzt und gescheuert. Bewaffnetes Wachpersonal steht an allen Türen. Das Klinikpersonal trägt ein weißes Schild mit grüner Schleife. Dann ist "Er" da, ein kleiner Mann mit teilweise rotgefärbtem Bart. Der lange Flur füllt sich mit vielen Menschen. Lange Reden werden gehalten. Alle wesentlichen Leute bekommen ein großes Schild angesteckt mit grün und rot gefaltetem Rand und grüner Schleife, auch ich.

Weil man meinen Namen nicht weiß, steht "Augen-Camp" darauf. Der Chefarzt bietet mir seinen Platz auf einem der drei rot gepolsterten Sessel zur Rechten des Ministers an. Da sitze ich nun als Repräsentationsfigur, zigmal abgelichtet von den Pressephotographen. I feel well? No!!

Dann kommt der Gang durch alle Räume. Immer wieder "Gruppenfotos", sogar in unserer Ambulanz mit Patienten und Augenspiegel, den er nicht richtig zu halten weiß. Am Spätnachmittag bis weit in die Nacht, werden alle Kisten ausgepackt und der Operationsraum möglichst steril für den nächsten Tag hergerichtet. Mit vielen helfenden und geschickten Händen gelingt das Werk. Am nächsten Morgen beginnt die Arbeit. Ein Augenarzt, Dr. Aziz und ich arbeiten in der Ambulanz. Wir finden neben anderen Erkrankungen viele schon überreife Katarakte (Linsentrübungen), die dem Chirurgen vorgestellt und für die Operation vorbereitet werden. Ab Mittag ist die Zahl genügend groß. Der Operationsbetrieb an 2 Tischen kann beginnen. Mit einer kleinen Tee- und Essenspause wird bis in die späten Abendstunden operiert. Um Mitternacht liegen alle müde und "geschafft" auf ihren Matratzen oder Decken. Am nächsten Tag morgens wieder Ambulanz bis in den frühen Nachmittag. Dann geht es mit Brillenbestimmungen weiter, bei denen ich wenig helfen kann. Der Operateur, Dr. Usman erlaubt mir, bei der Arbeit zuzusehen. Er arbeitet sehr sauber und sorgfältig, müht sich aber mit teilweise zu großen Instrumenten sehr vorsichtig ab. Mit richtigen Instrumenten könnte die Arbeit schneller gehen. Die Frauen bekommen ein Bett auf der Station, die Männer liegen auf einer Decke im Zelt. Die Familienangehörigen sitzen neben oder unter dem Bett. Nach 1-2 Tagen, wenn keine Komplikationen auftreten, werden sie entlassen und gehen an der Hand ihrer Angehörigen nach Hause.

Am nächsten Tag die gleiche Arbeit, zwischendurch Visite auf den "Stationen". Die Patienten, besonders die Frauen, strahlen vor Freude, wenn man sich um sie kümmert.

Brillenbestimmung bei Menschen, die weder lesen noch schreiben können und einen nicht verständlichen Dialekt sprechen: Fingertest oder das Einfädeln einer Nähnadel. Am Nachmittag helfe ich, die Patienten zur Operation vorzubereiten. Die alten Menschen sind zum Teil sehr ängstlich. Der nächste Tag vergeht in gleicher Weise. Viele Patienten konnten schon entlassen werden. Am dritten Tag ist am frühen Nachmittag alles geschafft.

Wir haben in diesen 3 Tagen 1070 Patienten untersucht und behandelt. 52 Katarakte wurden operiert, neue Linsen eingesetzt, 4 kleinere Kinder wurden zur Operation in die Kliniken Quetta oder Karchi überwiesen (Allgemeinnarkose).

Am Nachmittag werden wir von den Ärzten des Civil-Hospital zum Picknick eingeladen, das mit Verspätung stattfindet, weil bei einem der Jeeps die Frontscheibe gerissen war und sie erst repariert werden musste. Wir hatten Sorge wegen eines möglichen Unfalls. Aber nach einer längeren Zeit kamen alle gesund an. Mitten in der Steinwüste, unter schattigen Bäumen bei einer Quelle, waren Teppiche und Kissen ausgebreitet. Scharf gewürzte Fleischspeisen und Reis, Chapatti, Joghurt, Obst und Coca-Cola wurden serviert. Alle waren satt und zufrieden.

Dr. Hanne Glodny


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Redaktion: (v.i.s.d.P)  Harald Meyer-Porzky,
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Fotos: Harald Meyer-Porzky

hmp  13.10.00