Im Interview :

Waltraud Schreiner

„Ein kleines Radio veränderte mein Leben"

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Meyer-Porzky (hmp): „Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an Ihre erste Begegnung mit Ruth Pfau denken?"

Schreiner: „Es war das Jahr 1956. Ich lag mit einer Kopfverletzung im Krankenhaus von Winterberg im Sauerland. Ich durfte mich nicht bewegen, sollte nicht lesen, kurz, es war kaum auszuhalten. Da kam eine junge, angehende Medizinerin zu mir, gab mir ihr kleines Radio und sagte: ....aber Musik hören dürfen Sie! Als ihr Medizinalpraktikum endete, kam sie wieder zu mir, holte sich ihr Radio zurück und verschwand für die nächsten 2 Jahre aus meinem Leben."

hmp: „Haben Sie damals geahnt, wie sehr diese Begegnung Ihr Leben verändern würde?"

Schreiner: „Nicht im mindesten!"

hmp: „Glauben Sie, daß es Schicksal, Fügung oder vielleicht Zufall war?"

Schreiner: „Vielleicht war es eine Fügung! Zufällig erfuhr ich von einer Bekannten, daß Ruth zunächst nach Frankreich gegangen war, um dort in den Orden „Töchter vom Herzen Mariä" einzutreten und sich mittlerweile in Pakistan aufhielt. Über Umwege erhielt ich dann auch ihre Anschrift. Sie hatte mir mit dieser kleinen Geste, dem Radio, sehr geholfen, und ich dachte, daß sie vielleicht auch Hilfe braucht. Und damit hat alles angefangen, die ganzen 33 Jahre! Ich erhielt einen sehr langen Brief von Ruth, indem sie das unendliche Leid, die kaum vorstellbare Situation der Leprösen in Pakistan, beschrieb. Es war eine Liste der Materialien und Hilfsgüter angeheftet, die sie benötigte, um dort überhaupt arbeiten zu können."

hmp: „Wieviel Lebenszeit, wieviel Kraft haben Sie Ruth und den Leprakranken geschenkt?"

Schreiner (mit einem Lächeln): „Ich habe auf Urlaub verzichtet, auf Wochenenden, eigentlich auf jede freie Minute. Selbst wenn ich in Kur war, hatte ich noch Arbeit für Pakistan bei mir. Sogar während der Arbeitszeit waren meine Schwester und ich aktiv. Wir hatten gegenüber unseres Blumengeschäftes einen Informations- und Verkaufskiosk für das Projekt in Pakistan. Wer etwas benötigte, konnte sich bei uns den Schlüssel abholen und nach Herzenslust einkaufen. Das managten wir so nebenbei."

hmp: „Was hat eigentlich Ihr näheres Umfeld, Ihre Familie dazu gesagt?"

Schreiner: „Ich erinnere mich, daß mein Vater, der damals ja noch lebte, einmal am Wochenende fluchtartig unsere Wohnung verlassen hat. Hilfsgüter und Medikamentenspenden stapelten sich vor dem Haus, das Treppenhaus empor bis in den Flur. Wir hatten die Ärztekammer in Berlin angesprochen und durch Vermittlung des Bundespräsidenten Lübke, der damals auch gerade in Pakistan gewesen war, einen riesigen Hilfstransport organisiert. Wir arbeiteten Tag und Nacht, um die Medikamente und Hilfsgüter zu zählen und einzeln aufzulisten. So verlangten es die Einfuhrbestimmungen."

hmp: „Und die Nachbarn, Ihre Gemeinde?"

Schreiner: „Ich glaube schon, daß mich die meisten für ein bißchen verrückt gehalten haben. Aber steter Tropfen höhlt den Stein. Irgendwann ist dann der Funke übergesprungen. Allerdings war es am Anfang sehr schwer. Es fehlte an allem, vor allem an Geld. Wir versuchten es mit ersten Rundbriefen. Erste kleine Beträge kamen zusammen. Es war immerhin noch die Nachkriegszeit. Das Gute war, die Menschen konnten sich noch an die eigene Not erinnern und teilten auch das Wenige, das sie hatten, gerne."

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hmp: „Zurückblickend, hat es sich gelohnt?"

Schreiner: „Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, unser Freundeskreis Karachi war eine und ist eine gute und wichtige Stütze für Ruth. Und wir haben viel in den Köpfen der Menschen verändert. Wenn ich alleine an die Jugendlichen denke, mit denen wir 10.000 Flaschen Apfelsaft gemostert haben. Oder all die anderen Aktionen, bei denen Frauengemeinschaften, Kolping- und Schützenvereine gemeinsam mit uns an einem Strang gezogen haben. Ja, es hat sich gelohnt!"

hmp: „Was sehen Sie heute, wenn Sie an die 70jährige Ruth denken?"

Schreiner (spontan): „Wenn Ruth etwas passiert, ist der Kopf weg! Ich hoffe, daß es ihr wirklich gelungen ist, Menschen aufzubauen, die ihr Werk weitertragen können. Ich sehe auch eine Frau, die von vielen bewundert wird. Diese Bewunderung steht ihr in gewisser Weise zu. Sie ist und bleibt Vorbild für so viele Menschen, für so viele Jugendliche."

hmp: „Vermissen Sie Pakistan?"

Schreiner: „Ich vermisse Pakistan sehr. Nur bin ich gesundheitlich nicht mehr in der Lage, mich noch einmal auf die Reise zu machen. Leider bin ich erst mit 60 Jahren dort hingekommen. Wäre ich jünger gewesen, vielleicht mit 30, ich wäre sicher geblieben. Obwohl die ersten Eindrücke schockierend waren. Das Elend war so unvorstellbar, daß ich dachte hier kann es keinen Herrgott geben. Menschen, die im eigenen Stuhl lagen, Würmer, die überall herumkrochen. Man kann es nicht beschreiben. Aber ich bemerkte auch, daß Pakistan nicht nur ein armes Land war.

Ich war regelrecht schockiert, als ich einmal zufällig bei einer Hochzeit sah, mit wieviel Schmuck die Brautleute ausgestattet waren. Schon damals sagte ich: auch in Pakistan müssen Menschen selber etwas gegen das Unrecht tun. Und das ist ja auch in all den Jahren danach geschehen. Später dann, in Deutschland, habe ich oft gedacht, was geht es uns gut!"

hmp: „Hatten Sie je Angst bei der Begegnung mit Leprösen, mit anderen Kranken?"

Schreiner: „Komischer Weise überhaupt nicht. Es waren grausame Anblicke. Ich sah einen Mann mit offener Tuberkulose, der nur noch ein Schatten seiner Selbst war. Er hustete erbärmlich. Ich ging hin, gab ihm die Hand und hatte überhaupt keine Angst. Abgestoßen haben sie mich nie. Abgestoßen hat mich einmal etwas anderes. Als kleine Delegation besuchten wir damals ein Krankenhaus. Ich weiß nicht mehr, wer der Träger war. Dort zeigte man uns einen vollständig eingerichteten Operationssaal. Alles blitzte und funkelte. Zufällig entdeckten wir einen kleinen dunklen Raum, in dem Lepröse regelrecht eingesperrt waren. Es war schlimm. Allen war es sehr peinlich. Das hätten wir nicht sehen sollen. Später habe ich erfahren, daß Ruth und ihre Assistenten dieses Projekt übernommen und die Zustände geändert haben."

hmp: „Würden Sie dies alles wieder tun, wenn Sie heute noch einmal zwanzig wären?"

Schreiner: „Zwanzig sein, oh das wäre schön! Ja, sofort! Ohne wenn und aber!"

hmp: "Was bedeutet der Freundeskreis Karachi heute für Sie?"

Schreiner: „Freundeskreis? Freunde? Ja doch, ich glaube es sind Freunde. Mag sein, daß auch einmal jemand dabei war, der sich mit einer Spende loskaufen wollte. Doch! Der Freundeskreis Karachi ist etwas ganz besonderes."

hmp: „Haben Sie jemals an Ihrer Kraft gezweifelt?"

Schreiner: „Einmal - vor vielen Jahren - schrieb ich Ruth, daß ich aufgeben will, daß ich schon genug getan habe. Ruth war damals (1968) in Köln. Sie schrieb mir einen sehr deutlichen Brief zurück. Ich erinnere mich nicht mehr genau an jede Zeile. Sie sagte sinngemäß, daß man nie genug gegen das Unrecht getan haben kann. So machte ich weiter!"

hmp: „Haben Sie jemals Fehler gemacht?"

Schreiner (schmunzelnd): „Der größte Fehler war, in einem sehr schneereichen Winter, nachts mit meinem VW-Käfer, vollgeladen mit Häkeldecken und Handarbeitsmaterialien zu einem Basar zu fahren. Ich rutschte in den Graben ab und blieb im Schnee liegen. Ich hatte Glück, daß mich irgendwann jemand herausholte. Aber eigentlich war auch das kein Fehler. Wir erzielten mit dem Basar in Oeventrop in der Schützenhalle über DM 14.000,-. Das war 1973 sehr, sehr viel Geld."

hmp: „Was wünschen Sie Ruth zu ihrem 70sten Geburtstag?"

Schreiner: „Was kann ich wünschen? Gesundheit und Glück. Eigentlich wünsche ich ihr jemanden, der wirklich in ihre Fußstapfen steigt. Und dann sollte sie sich einmal für mindestens ein Jahr in Europa von all den Strapazen erholen könne."

hmp: „Ich danke Ihnen im Namen des gesamten Freundeskreises KARACHI."

 

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Liebe Freunde unserer Arbeit,

Am 9. September werde ich 70 Jahre alt. Vierzig Jahre davon habe ich in Pakistan verbracht. Wir, die Patienten, die Mitarbeiter, ich selbst, möchten Ihnen persönlich danken für die in Treue durchgehaltene Hilfe. Denn was hätte wir ohne Sie tun können?
Was hat sich eigentlich, durch Ihre Unterstützung und den Einsatz unseres einheimischen Teams, hier in Pakistan getan? Man muß wohl den Anfang miterlebt haben, um das Ausmaß der Veränderung einschätzen zu können.

1960 - Das Lepraghetto in Karachi - Schmutz, stinkende Abwässer, Hoffnungslosigkeit - keine ärztliche Versorgung, nachts fressen die Ratten die gefühllosen Gliedmaßen der Patienten an - die Stadtverwaltung, auf die verzweifelte Lage der Kranken angesprochen, sagt es gäbe keine Lepra in Pakistan und läßt sich durch nichts von dieser Überzeugung abbringen.

1999 - Wir haben ein nationales Leprabekämpfungsprogramm, das Pakistan flächendeckend überzieht. Von den 46636 in der Kartei erfaßten Patienten leiden noch 2049 an einer akuten Lepra, die anderen sind ausgeheilt. Wir haben Lepra landesweit im Griff!
In unseren wildesten Träumen hätten wir das nicht zu erwarten gewagt.

Aber: haben wir Lepra im Griff? Wirklich? Krankheit ist mehr als nur die körperliche Reaktion auf einen Bazillus - Lepra ist viel mehr als nur ein körperliches Geschehen!
Rashida, in unserer Kartei als „erfolgreich ausgeheilt" geführt, lebt noch (1999!) in einer Hütte außerhalb der Dorfgemeinschaft, die ihr die Fladenbrote bis an die Tür bringt, das schreibt das Stammesgesetz vor, denn sie ist behindert und kann weder ihren eigenen Unterhalt verdienen noch ihre Fladenbrote selber backen. Aber lebt Rashida von trockenem Fladenbrot und Tee allein? Braucht sie nicht, wie wir alle, so nötig wie das tägliche Brot menschliche Nähe, Wärme, ein Lächeln, ein Gespräch?
46.636 Patienten müssen besucht werden, um die Spätfolgen der Lepra in den Griff zu bekommen: Zerstörte Familienbande, verratenes Vertrauen, Verlust des Arbeitsplatzes, verpaßte Ausbildungschancen, verlorenes Selbstbewußtsein, körperliche Behinderungen. Bis zum Jahre 2020 wollen wir die Lepra und nicht nur den Leprabazillus besiegt haben. Wir haben eine Strategie entwickelt - nein, nicht nur geplant, sondern sie auch schon konkret und meßbar in Angriff genommen, im ganzen Lande. Und das Aufregendste vielleicht: Daß Lepraarbeit dadurch zunehmend soziale Impulse setzt, die weit über das hinausgehen was wir ursprünglich erwartet hatten, bis hin zu Menschenrechtsfragen, Impulse im Bildungssektor, in der Frauenfrage... Sauerteig. Wenn der aufgeht, geht der ganze Teig auf. Darüber würde ich Ihnen gern einmal mehr schreiben. Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit in einem der nächsten Freundesbriefe.
Bei einem Geburtstag denken viele über Geschenke nach. Mein schönstes Geschenk war es immer, wenn wir dem Schwächsten in der Gesellschaft helfen konnten. Denn was zählt mehr?

Ihre Ruth Pfau

SPENDENKONTO:
Sparkasse Meschede 9 021 007 Bankleitzahl: 464 510 12

Freundeskreis Karachi im DAHW e.V.
c/o Aktionszentrale Nordwest
Höltenweg 35

48155 Münster

E-MAil: dahw@muenster.de

Tel.: (0251) 6 21 81
Fax: (0251) 6 23 74


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Redaktion: Harald Meyer-Porzky, Jürgen Belker-van den Heuvel · Aktionszentrale Nordwest
hmp  16.09.99