Die Tragik eines Lebens
Habibullah erzählt mir von einem neuen Patienten, den junge Lepra-Assistenten in Mossakhel fanden. Gut!", sage ich, ohne damit zu rechnen, was ich mit dieser Bemerkung auslöse! Ich weiß nicht, ob Sie noch gut sagen, wenn Sie die ganze Geschichte hören," sagt Habibullah zögernd.
Es ist alles so einach in den Lehrbüchern,
aber die Realität hat eigene Gesetze!
Wali Mohammed ist schon hochgradig verstümmelt."
Oh," sage ich. Er ist seit 15, vielleicht auch 20 Jahren krank. Die Lepra
ist schon ausgebrannt, aber er hat alle seine Finger verloren, und hat Geschwüre an
Händen und Füßen, weil er nicht weiß, dass er sich wegen des Gefühlsverlustes so
leicht verletzt." Und wie habt ihr ihn schließlich gefunden?!", frage
ich.
In der Regel fänden sie heute nur Frühfälle. Menschen, die in der Inkubationszeit
seien, könnten sie nicht diagnostizieren. Erst wenn sie dann Symptome entwickelten,
stünde die Diagnose fest, und nur dann könnten sie mit der Behandlung beginnen.
Die Dörfler haben uns erzählt, dass noch ein unbehandelter Patient in den Bergen
lebe," sagt Habibullah. Der Spur sind wir natürlich gefolgt. Er hat sich
riesig gefreut, als wir kamen, mit ihm in seinem Hüttenverschlag gegessen und aus seiner
Hand ein Glas Wasser angenommen haben. Warum er uns nie Bescheid hat zukommen lassen,
wollten wir wissen. Wie es denn sein könne, dass er nichts davon gewusst habe? In seinem
ganzen Leben, hat er gesagt, da sei er nur einmal in der Kreisstadt gewesen, sonst nie aus
seinem Bergweiler herausgekommen. Auf dem Rückweg trafen wir seinen älteren Cousin. Der
war so aufgebracht, dass wir mit der Behandlung begonnen hatten, ohne ihn um Erlaubnis zu
fragen! Er habe andere Dinge zu tun als hinter den Medikamenten für seinen Cousin
herzulaufen ! Erst als wir ihm versicherten, wir würden die Verantwortung übernehmen,
dass sein Cousin die Medikamente regelmäßig bekäme, willigte er widerwillig ein."
Habibullah unterbricht seine Erzählung. Sucht nach Worten.
Wali war so glücklich!", sagt er nachdenklich, am Anfang. Und dann
plötzlich, nach der dritten Monatsdosis hat er die Weiterbehandlung verweigert - und
bislang haben wir ihn nicht überzeugen können... Er hat keinen Vater, keine Mutter,
keine Geschwister..... Wali hat nur seinen Cousin. Und er hat 600 Schafe."
Schafe?" sage ich, verständnislos. Ja, Schafe," sagt Habibullah.
Und der Cousin fürchtet, dass sich Wali durch die Behandlung bessert, Heiratspläne
schmiedet, eigene Kinder haben will, die die Ziegenherden erben - unsere Freundschaft ist
gefährlich für ihn. Wir hatten Wali bald überzeugt, dass seine Krankheit nicht
ansteckend ist, nicht erblich, kein Heiratshindernis.....
Langsam kam Klarheit in das Verhalten des Cousins. In Walis Reaktion auf unsere Behandlung."
Was sollen wir tun? Darauf hinarbeiten, dass sich Wali mit seinem Cousin überwirft? Wer wird ihm seine Tochter zur Frau geben? Wo sollen sie ihr gemeinsames Leben beginnen, wenn ihnen der Stamm das Heimatrecht verweigert?"
Medizinisch gesehen bräuchte Wali nicht unbedingt eine Behandlung, denn seine eigenen Abwehrkräfte könnten die Krankheit bändigen, wenn auch um den Preis hochgradiger Behinderungen. Sollten wir das soziale Gleichgewicht stören?, auch wenn es Wali Unrecht tut? Ich habe keine Antwort. Sehen, wie sich die Beziehung entwickelt - weiter bei ihm vorbeigehen, auch wenn es ein Umweg ist, ihm einen Gruß zunicken, so dass die Tür offenbleibt zum Gespräch. Helfen, wenn er einmal andeutet, dass er sein eigenes Leben leben wolle, Mensch sein wolle, nicht nur Besitzer von Schafen.
Es ist alles so einfach in den Lehrbüchern, in den Anweisungen der Weltgesundheitsorganisation. Aber Krankheit ist so viel mehr als nur das verursachende Bakterium, das man ausschalten kann, wenn das richtige Medikament entwickelt worden ist.
Was ist Walis Krankheit? Dass er nicht zu uns gefunden hat, als seine Krankheit noch nicht sein Schicksal war?

Die Behandlung ist auch eine Bürde:
Der Her- und Heimweg dauert oft viele Stunden.
Und es ändert sich doch etwas
Jandhi - irgendwann werde ich doch noch mal ein Buch über Jandhi schreiben. Aus vielen Gründen sollte es dokumentiert werden. Aber im Moment habe ich keine Zeit. Aber die Zusammenkunft mit den Ältesten von Jandhi, sollten wir alle doch nicht vergessen.
7 Uhr morgens, sonst hätte ich keine Zeit, hatte Ashraf der Delegation gesagt. 7 Uhr morgens waren sie in unserer neu erbauten Außenstation, zwei Räume aus rohen Steinen - bärtige Männer, Turban über den verwegenen Gesichtszügen, das Maschinengewehr über der Schulter, den Patronengurt umgeschnallt.
Das Gewehr müssten sie ablegen, sagt Ashraf, und die Patronengurte auch, ehe sie in den Raum könnten - ich sei dagegen.
Das Anliegen? Dank und Bitte. Sie wüssten es alle - die Alten noch von eigener Erfahrung, die Jungen aus der Geschichte des Stammes - mit dem Besuch jener Ärztin, die, der Herrgott weiß wie, es geschafft hatte, in ihr Stammesgebiet vorzudringen - mit diesem ersten Besuch habe sich alles gewandelt. Ashraf sei gekommen, regelmäßig, habe sie überzeugt, dass die Kinder zur Schule gehen sollten, und habe ihnen geholfen, eine Moscheeschule einzurichten. Die Moschee hätten sie selber gebaut, aus rohen Steinen. Morgens unterrichtete ein Lehrer, mittags kamen sie zu den Gebeten zusammen.
Fünf Buben vom Stamm habe er in der Schule der Kreisstadt ein Stipendium bis zur Mittleren Reife verschafft, und er habe sie überzeugt, dass es nicht gut sei für die Gesundheit der Kinder, wenn die Familie mit dem Vieh in der gleichen Hütte wohnt. Und das Aufregendste von allem: er und sein Team haben die Lepra unter Kontrolle gebracht. Jene Krankheit, die wie ein Steppenfeuer über den Stamm gefegt sei und keine Familie verschont habe.
Sie hätten uns ein Festessen gerichtet und sie kämen, uns einzuladen. Wie denn die Doktorin hinkommen sollte?, fragt Ashraf kritisch. 1995 bin ich das letzte Mal im Stammesgebiet gewesen. 7 Tage zu Fuß, teilweise zu Pferd. Aber man kann sich auf diesen felsigen Pfaden nur auf dem Pferd halten, wenn man im Hindernisspringen erfahren ist! Nein, ich hatte geschworen, dass ich es nie wieder versuchen würde, als ich unerwarteter Weise doch nach 8 Tagen wieder in Gargochi ankam. Sie würden mich hochtragen, versichert die Gruppe, auf einem Charpaoy, das sollte wir ihnen überlassen. Ich entsinne mich auf das erste Jhandi Abenteuer. Ich hatte der Regierung drei Briefe hinterlegt: dass sie mich gewarnt hatten, und ich trotzdem gegangen sei; dass es eindeutig nur auf meine Verantwortung hin geschehen sei; und an die Deutsche Botschaft: dass ich nicht wollte, dass irgendein Lösegeld für mich gezahlt würde, und dass ich sie bäte, internationale publicity zu verhindern.
Die erste Nacht im Stammesgebiet: es wird eiskalt, wenn die Sonne untergegangen ist, Wüstenklima. Da wir alles Gepäck tragen müssen, habe ich nur einen dünnen leichten Schlafsack dabei - und der Stamm kann keine Bettstelle anbieten. Sie haben keine. Sie schlafen in ihrem Wollumhang gehüllt auf der Erde. Ob es keine Steppdecke gäbe?, frage ich schüchtern auf Urdu. Es wird von meinem Team ins Jaffri übersetzt - nach 2 Stunden, in der stockfinsteren Nacht, Kamelschnaufen, Tritte - sie laden zwei Steppdecken vom Kamel. Damit habe ich eine Unterlage, und komme doch zu 4 Stunden Schlaf. Erst am nächsten Morgen erfahre ich, gegen Mittag, als wir die Abzweigung erreichen, aus welcher Entfernung sie eben jene Steppdecken transportiert haben, um uns die Bitte zu erfüllen. Jene Stammesangehörigen, von denen man prophezeit hat, dass sie uns als Geiseln gefangen nehmen und nur für Lösegeld wieder freilassen würden. Morgens: einer der jungen Leute geht mit seinem Gewehr auf "Jagd". Mittags schwimmt für die Gruppe von 7 Männern (und einer Frau) eine Wachtel in der Fettsoße, zu der Fladenbrote gereicht werden.....
Zurück zur Gegenwart. Was stand auf der Tagesordnung heute? Eine Außenstation. Jetzt, wo einer der Jungen vom Stamm aus Karachi zurückgekommen sei, voll ausgebildet als Lepra-Augen-Assistent, würden sie das Baugelände zur Verfügung stellen.
Und: eine Straße! Wenn einer krank würde in den Bergen, "dann tragen wir ihn drei oder vier Tage auf unseren Schultern, ehe wir ein Krankenhaus erreichen". Und wenn sie irgendetwas brauchten, müssten sie es auch aus dem Punjab in die Berge tragen. Sie hätten keinen einzigen Laden im Stammesgebiet. Die Arbeit würden sie selber tun, ehrenamtlich. Aber ein Fachmann müsste sie beraten, und an einigen Stellen müssten Felsen gesprengt werden, und das würden sie sich nicht allein zumuten.
Sie reden sich heiß. Auf Baluchi, auf Jaffri. Einer in der Gruppe versteht Urdu - die einzige Sprache, die ich spreche. Aber Ashraf und Fateh übersetzen. Saleh kommt mit einer Tasse Tee für jeden. Alle fünf Brüder, gestern noch verfeindet, haben sich heute über das gemeinsame Projekt gefunden. Die Atmosphäre ist voller Dankbarkeit und Bereitschaft zur Zusammenarbeit.
Ob ich auch eine Bitte äußern könnte?, frage ich. Oder auch zwei? Wir müssten etwas für die Frauen tun.
Jamal, der Urdu sprechende in der Gruppe, erinnert an 1995. Damals haben Sie uns gesagt, es wäre nicht fair, dass unsere hochschwangeren Frauen, ein Kind an der Hand, eines auf dem Rücken, eines im Bauch, auch noch die schweren Wassersäcke von weither schleppten! Wir haben darüber nachgedacht und begonnen, ihnen unsere Esel zur Verfügung zu stellen. Jetzt bringen sie die Wasser gefüllten Ziegenhäute auf den Eseln heim."
Damals. Sie haben gelacht, gelacht. Sie konnten sich nicht beruhigen. Der Gedanke, dass ein Mann die Wasser gefüllten Ziegenhäute schleppte ! Das war seit Urgedenken Aufgabe der Frau! Und trotzdem ist ein Denkprozess in Gang gekommen. Ich bin sehr glücklich. Und ich sage es ihnen, dass ich darüber sehr glücklich sei.
Wieder ist es Jamal, der für die Gruppe spricht, in Urdu. Wir wünschen das gleiche," sagt er nachdenklich. Wir empfinden unsere Gewehre auch als Bürde. Wir möchten aus diesem Teufelskreis der Blutrache heraus. Wir suchen nach Wegen. Beten sie für uns."
25 Jahre! Was 1972 als Zeichen der Mannesehre galt, eifersüchtig verteidigt, "bis zum letzten Blutstropfen", gilt den Jüngeren jetzt als Bürde. Irgendwann muss man einfach anfangen. Und dann den langen Atem haben. Bis eine neue Generation anfängt zu fragen. Ob es sinnvoll sei, sein Geld in Maschinengewehre zu investieren. Ob es nicht im Interesse des gesamten Stammes sei, wenn die Frauen nicht überarbeitet seien, ausgelaugt, sondern ihre Jugend und Gesundheit länger behielten als nur für die ersten 5, 6 Ehejahre?
Und man muss ihnen vertrauen.
Vertrauen daruf, dass das Samenkorn wächst, das man dem Boden anvertraut hat.

SPENDENKONTO:
Sparkasse Meschede 9 021 007
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c/o Aktionszentrale Nordwest
Höltenweg 35
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Fax: (0251) 6 23 74
Deutsches
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Redaktion: Harald Meyer-Porzky, Jürgen Belker-van den Heuvel · Aktionszentrale
Nordwest
hmp 08.06.01