Rundbrief Freundeskreis Karachi · März 1999
KarachiHamid ist verantwortlich für die Durchführung der Lepra-Bekämpfungsmaßnahmen im Großraum Karachi. Ohne seinen kompetenten Einsatz, seine Organisations- und Führungsgabe hätten wir Lepra in Pakistan niemals in den Griff bekommen - Karachi war die letzte Bastion.

Abdul Hamid Ansari, Leprosy Field Officer, ist zuständig
für die Leprakontrolle im Großraum Karachi.
Hamid litt unter dem Eindruck - und es war gewiss nicht unberechtigt- daß seine Leistung nicht anerkannt wurde - daß das Krankenhaus sich so sehr um sich selber drehte, daß die Arbeit im Außendienst, die doch über das Schicksal des Projektes entschied, nicht in den Blick kam. Und im Krankenhaus wurden die Entscheidungen getroffen - oftmals zum Nachteil der Fieldworkers, und er hatte mit den Folgen zu kämpfen.

Dr. Shahid Zafar. Medical Officer und
Dr. Muthari Zia. Medizinischer Direktor (rechts)
Jetzt hat ein Umdenken eingesetzt. Wir haben alle EIN Ziel: OPERATION 2O2O. Die Verwaltung begreift ihre Arbeit zunehmend als unterstützende Funktion der fachlichen Arbeit. So haben sie Hamid eingeladen, um ihn als "Rollen-Modell" zu fragen, ob er ihnen nicht sein Geheimnis verraten könne, wie er so erfolgreich gewesen sei?
Hamid scheint es nicht zu beeindrucken. Er macht es kurz, bleibt cool. In l5 Minuten hat er seine Strategie dargelegt: Planen, und das konkret, in Zahlen. Das Team entscheidet selbst, welche Zielvorstellungen es erreichen kann und soll. Und übernimmt dann auch die Verantwortung für die Durchführung. Alle drei Monate schauen, wie weit man gekommen ist. Sofort nachzuhaken, wenn sich Schwachstellen zeigen - es hört sich alles so einfach an. Und in der ganzen Gruppe weiß nur ich, wie das Programm unter Schweiß und Tränen gewachsen ist, und daß seine Durchführung auch heute noch verlangt, daß du dich, wenn nötig, den kalachnikoffbewaffneten Teenagern stellst -. Hör, Hamid", sage ich, als alles fertig ist, "das ist doch nicht die ganze Wahrheit - so einfach ist es doch nicht gewesen."
Hamid schaut auf. Sein Blick geht in die Ferne. "...ich bin 34 Jahre beim Projekt," sagt der knapp 5o jährige. "Ich war ein Teenager, ein Junge noch. Ich verdiente gut - wir verkauften handgewebte Stoffe, und ich wußte, wie man die herstellt, als die Krankheit zuschlug. Und obwohl die Familie von meinem Verdienst abhing, wiesen sie mir eine Ecke in dem Webstuhlraum an, erlaubten mir nicht, an den Familientisch zu kommen. Nur meine Mutter hielt zu mir, aber auch die durfte es nicht offen zeigen. Ich wußte, ich würde dieses Leben nicht aushalten - ich war entschlossen, von der Brücke in den Indus zu springen, und war schon auf dem Weg nach Hyderabad. Mein Schutzengel schickte mir einen Menschen, der mir sagte, daß meine Krankheit heilbar sei, sie hätten ein Krankenhaus in Karachi eröffnet." "Sie" - er wußte nicht, wer "Sie" waren. Ausländer, ja, und Frauen. "Ich entschied, es noch einmal zu versuchen.
Ja - und in diesem Krankenhaus bin ich geblieben. Denn da war Seifried (ein deutscher Krankenpfleger), der mir sagte, ich hätte eine Aufgabe im Leben - der mir die medizinischen Grundbegriffe beibrachte - der mich während seiner Arbeit ständig um sich haben wollte - mich. Der mit mir zusammen Tee trank. Ich wurde ausgeheilt, nahm am Lepra-Assistenten Kursus teil und bestand die Prüfung."
Einen Augenblick herrscht Stille. Man könnte eine Stecknadel fallen hören. Dann bricht der Beifall los. Ich schlucke an meinen Tränen.
Und der Rück- und Ausblick?
l998 - war es ein besonderes Jahr? Oh - das Leben- das Leben ist immer "besonders". Es kennt keine banalen Zeiten. Wenn es uns banal erscheint, dann haben wir es selbst dazu gemacht.
Was hat das Jahr l998 für mich bedeutet? Manchmal, da habe ich gedacht, ich sei ganz nah, ganz nah an der Erfüllung meiner Träume - als das Krankenhaus nach dem Führungswechsel aufwachte, und TRÄUME hatte, eine Vision (und das - in Pakistan!); als wir in Yaseen (Yaseen!, dem äußersten Zipfel des Hindukusch) im Hause unseres behinderten Leprapatienten eine Tasse Tee tranken und er uns nebenbei erzählte, sein Sohn sei jetzt mit der Nachbarstochter verheiratet, und ein Dörfler kommentierte, manchmal habe Ibrahim ja noch Wunden, aber sie wüßten, das habe mit der Krankheit nichts mehr zu tun, er könne nur nicht fühlen und verletzte sich deshalb so leicht. Als Ghazala, Chefin eines renommierten Werbe-Unternehmens in Karachi, ihre Jugend und ihren Charme der Sache "Leprabekämpfung" zur Verfügung stellte und die Oberschicht Karachis soweit brachte, in einer Nacht, während eines Frühlingsballes, 5 Mill. Rupees zu spenden (25 Rupees = l DM).
Und manchmal habe ich gedacht, daß es nie, nie etwas würde mit unseren Träumen-. Als Qurban seine Frau und seine Kinder nach Pakistan zurückbrachte, (oh, wie ich sie noch vor mir sehe, jungverheiratet, auf ihren Pferden, auf der Hochebene von Zentral-Afghanistan!) und Masooma mich anflehte, ihr eine Stelle im Krankenhaus zu verschaffen, und es war einfach nichts frei. Vier Kinder, sie hat die schwere Zeit in Afghanistan durchgestanden. Wer will ihr vorwerfen, daß sie irgendeinmal ein wenig mehr Sicherheit für sich und ihre Kinder haben möchte? Ich weiß, obwohl Qurban noch einmal zurück ist, "um es zu versuchen", ich weiß, daß er auch zurückkehren wird. Seine Außenstation ist von den Taliban geplündert worden. Wenn Lebensmittel Zentral-Afghanistan erreichen, sind sie unerschwinglich im Preis ich weiß - ich weiß - und kann doch nicht helfen. Rajjab ist auch zurück, und Mubarik, dessen Frau eine schwere Depression entwickelt hat... Wie ihnen Arbeit verschaffen?!
Mervyn Lobo und ich verbrachten einen ganzen Tag auf der Polizeistation in New Karachi, um den Sohn eines Angestellten freizubekommen, der nachts verhaftet und gefoltert worden war- weil die Polizei Geld haben wollte. Und am Abend (als wir unsere Mission erfolgreich erfüllt hatten) erfuhr ich im Gemeinschaftshaus, daß sich die privaten Unternehmer ihre eigenen Foltertruppen halten - der Mann einer unserer Lehrerinnen, der die Unterschlagung eines Schecks aufgedeckt hatte, ist so lange gefoltert worden, bis er zusagte, das Geld rückzuerstatten (das er nie unterschlagen hatte).
Pakistan - es ist schwer, es zu ertragen - wenn man zusehen muss, wie das Land auf den Abgrund zusteuert. Die Anzahl der Angestellten in privaten Sicherheitstrupps überschreitet schon die Anzahl der offiziell vom Staat angestellten Sicherheitskräfte. In der Provinzialregierung in Quetta konnten sie meine Beunruhigung nicht verstehen:"...in Ihrem Programm," argumentierten sie, "sind nur lo% aller Angestellten nicht qualifizierte politische Günstlinge - in allen anderen Gesundheitsprogrammen sind es 8o% -." Unser Gesundheitsminister aus der gleichen Provinz ist nicht lese- und schreibkundig, in keiner Sprache (und trotzdem die letzte Autorität in allen Entscheidungsfindungen).
Jeannine's Hilfe für die Frauen:
eine junge Frau, von ihrem Mann ins Feuer gestoßen, schwerverbrannt. Wir haben sie jetzt zur Hauttransplantation ins Missionskrankenhaus der Schwestern der Heiligen Familie überwiesen. Wer wird die Kosten zahlen? Unmöglich, den Fall der Polizei zu übergeben. Es käme nichts heraus dabei, und die Mutter, die das Kind gerettet hat, würde nur verfolgt. Eine Frau mit 7 Kindern, zwei davon behindert - der Mann hat sie verstoßen und eine junge geheiratet. Er wolle gesunde Kinder haben. Wie soll die Frau die Kinder ernähren - und selbst in unserem Programm.

Sie haben mehr Sicherheit verdient
Jan.99, keine Geschichte aus der Zeit Ben Hurs: eine Witwe, Flüchtling aus Afghanistan, 7 Kinder, der älteste Sohn, l2 Jahre, arbeitet den ganzen Tag (l4 Stunden) am Backofen, Tagesverdienst lo Rupees (4o Pfennige). Sie ist aus dem Haus gejagt worden, als es sich herausstellte, daß ihre Tochter Lepra hat, und Quetta hat Temperaturen unter Null. Wo sollen sie übernachten? Ach, ich könnte die Liste endlos verlängern! Wie soll man mit all dem Elend umgehen, wie helfen?
Irgendwann, denke ich manchmal, läuft man voll... Aber was ist die Alternative? Aussteigen? Es ist noch immer besser, hilflos die Tränen der Frauen zu teilen, als sich heimlich davonzustehlen.
Der Ausblick
Besser wird es nicht werden in Pakistan, da geben wir uns keinen Illusionen hin. Aber: daß das Team trotz allem seine Hoffnung nicht verrät, daß wir nicht nur versuchen werden, nein: daß wir auch, soweit unsere Kräfte und unsere Mittel reichen, etwas TUN werden, daran habe ich keinen Zweifel. Auch wenn es tausendfach in Gefahr gerät, durch uns selbst und durch andere - das Leben ist doch stärker als der Tod.
l999: unsere Rentenkasse kann erstmals auszahlen!! Und auch wenn die Beträge mini sind (zwischen 5o und 75 DM pro Monat), es gibt den Menschen, die in den Ruhestand treten, das Maß an Freiheit und Sicherheit und IZZAT (Respekt), das ihnen ein menschenwürdigeres Leben ermöglicht.
Die Teams, die die Verantwortung übernehmen werden im nördlichen und südlichen Teil Pakistans, und im Krankenhaus, formieren sich; im Norden ist die erste Experimentierphase vorbei, das Modell hat sich als tragfähig erwiesen. PToD = Prevention/Treatment of Deformity, das familienbasierte Behindertenprogramm, hat seinen ständigen Platz im Projekt erobert und läuft jetzt in allen Provinzen.
Die Sozialabteilung hat ihr Modell in Karachi entwickelt, ausgewertet, und ist nun bereit, es auf andere Provinzen zu übertragen; zwei ausgebildete Mitarbeiter sind bereits in der Nördlichen Grenzprovinz und Baluchistan eingesetzt.
Die Abkommen mit der Weltbank und mit KFW (Kreditbank für Wiederaufbau) sind endlich unterschrieben. Für 3 Jahre werden wir jetzt die Gelder für das Tuberkuloseprogramm aus diesen Quellen bekommen.
Dr. Zia arbeitet mit seinem Team die Antwort auf die Veränderungen aus, die uns durch die Globalisierung der Gesundheitsdienste aufgezwungen werden. Heute können durch die Privatisierung des Gesundheitswesens unsere Familien nicht einmal mehr medizinische Grunddienste bezahlen. Irgendwie müssen wir darauf reagieren. Was machen sonst unsere Patienten und ihre Familien? Eine Analyse, die uns die Sozialabteilung zunehmend zugespielt hatte, und die sich klar in den Bedürfnissen im Krankenhaus niederschlägt...
Dazu: Die Anforderungen durch die verschärften Menschenrechtsverletzungen. Ich weiß nicht, wie oft wir schon gebeten worden sind, etwas für die Frauen zu tun? Und wie oft ist in unserem eigenen Kreis der Patienten und Mitarbeiter diese Not aufgetaucht. Es ist bekannt: keiner wagt sich, solche mißhandelten oder entführten Frauen aufzunehmen, es ist zu gefährlich. Aber wir sind doch bekannt dafür, daß wir ein Risiko einzugehen bereit sind! Und noch immer verhindern Projektprobleme, daß sie mich für diese Arbeit freistellen...
Weitermachen ist unsinnig. Aufhören ist noch unsinniger. Also machen wir weiter. Ich vertraue, darauf, daß unsere Freunde in Deutschland weitermachen, daß Sie mit uns dafür kämpfen, die Würde unserer Patienten, und derer, mit denen wir durch unsere Arbeit in Verbindung kommen, zu schützen oder wiederherzustellen.
Ihre Ruth Pfau


Deutsches
Aussätzigen-Hilfswerk e.V. · Aktionszentrale Nordwest
· D-48145 Münster
Redaktion: Harald Meyer-Porzky, Jürgen Belker-van den Heuvel · Aktionszentrale
Nordwest
hmp 20.04.99