Zwei entfernte "Reiche"
Ich habe mein Leben im Pakistan der Männer verbracht. Weil ich einen Job zu tun hatte, den ich anders nicht hätte durchführen können. Ich habe die Botschaft der Frauen ins Land der Männer getragen - manchmal haben sie zugehört.
Seit wir die neue Militärregierung haben, sind die Grenzen ein wenig durchlässiger geworden. Es gibt Vorläufer der Entwicklung: Gen. Zia hatte ein "Frauenministerium" ins Leben gerufen, noch ein traditionelles: Männer wurden bezahlt, dass sie sich um die Frauen kümmerten. Heute findet man Frauen in leitenden Stellungen: die Staatssekretärin fürs Gesundheitswesen in Sindh, die Ministerin für Bildungsfragen, die Gesundheitsministerin in der Nordwest Provinz... Und immer das Gleiche: Ich komme ins Zimmer. Man erkennt sich. Die Atmosphäre ist warm und entspannt.
Wir finden Lösungen zu Problemen, bei denen ich monatelang mit meinen männlichen Kollegen gegen eine Wand gerannt bin. Warum dann plötzlich? Weil wir das Reich der reinen Buchstaben und Verordnungen, der Gesetze und Paragraphen verlassen und die Menschen sehen, um die es uns geht. Dann suchen wir, was ausserhalb der Paragraphen noch möglich ist - und entdecken, dass VIEL, erstaunlich viel möglich ist!
Antrittsbesuch mit meiner neuen Management-Gruppe bei der ebenfalls neu ernannten Staatssekretärin. Sieben Punkte auf der Tagesordnung, einige zum Teil seit Jahren. Zu fünf Punkten finden wir eine Lösung, wegen der restlichen muss sie sich erst noch erkundigen, sie kennt die Sachlage noch nicht genau.
Beim Abschied sage ich, ich hätte viele Söhne, auf die ich stolz bin (sie lächelt und sagt, das könne sie sehen!), aber ich hätte keine Tochter... Sie gibt mir die Hand. Zählen Sie mich", sagt sie. Das unter den gebildeten Frauen. Meistens aus dem Panjab. In Regierungskreisen - als Ärztinnen, Rechtsanwältinnen - in der Geschäftswelt. Ghazala Ahmad hat ihre eigene Reklamefirma. Sie spielt uns einmal im Jahr, bei einem Frühlingsball, den sie für MAC organisiert, bis zu 5 Millionen Rupees ein ( Wechselkurs: 1 Pakistanische Rupee = 0,0483 DM).
Frauenpower wird noch belächelt!
Frauenpower wird von den Männern noch mit mitleidigem Lächeln toleriert, entwickelt sich aber langsam zum Reizwort.
Und die Lage der Frau der mittleren und unteren Schichten? Der Millionen Frauen und Mädchen der schweigenden Mehrheit? Karo-Kari: mehr als 600 Frauen sind im letzten Jahr wegen Untreueverdacht umgebracht worden, erschossen, oftmals mit der Axt erschlagen. Die Zahl der Vergewaltigungen ist nicht bekannt, weil man sich nicht wagt, sie der Polizei zu melden; alle drei Stunden wird eine Frau vergewaltigt, sagt die Menschenrechtskommission, die Hälfte der Fälle sind Minderjährige. Täglich stirbt eine Frau durch Gewalt in der Ehe, zusätzlich sind "häusliche Unfälle", besonders schwere Verbrennungen, selten zufällig geschehen.
Und trotzdem:
Sanjida´s Mann ist schon vor Jahren gestorben. 5 Kinder hat sie großgezogen, mit
ihrem kleinen tragbaren Laden, in dem sie billigen Schmuck und billiges Parfüm feilhält,
für Frauen wie sie: arm, aber noch mit einem Traum von Duft und Schönheit. Dann wurde
der Älteste schwer krank: Lungentuberkulose. Ehe sie den Weg zu uns fand, hatte sie ihre
gesamte Habe verkauft, um die Medikamente zu erstehen, von denen gesagt wurde, sie
könnten das Leben ihres Kindes retten. Jetzt ist Krischan im Krankenhaus aufgenommen,
kostenfreie Behandlung, und Sanjida haben wir ein Darlehn gegeben, DM 45.-. Damit hat sie
ihr "Geschäft" wieder eröffnet und ernährt die Familie. "Ich
dachte", sagt Sanjida und schluckt tapfer an ihren Tränen, Tränen der
Erleichterung, "ich dachte, es gäbe keinen Ausweg für mich und meine Kinder - und
sieh: ich habe wieder genügend verdient heute, um ihnen zwei Mahlzeiten zu geben -".
Zohra: ihr Mann stellt sie vor die Alternative, entweder ihre geistig behinderte Tochter auszusetzen, oder von ihm verstoßen zu werden. Sie überläßt die Söhne dem Mann, nimmt ihre beiden Töchter und schlägt sich von Zentral Afghanistan nach Pakistan durch. Verdient für sich und ihre Kinder den Unterhalt, indem sie Gras-Seile dreht und verkauft. Erkrankt an Lepra, wird uns überwiesen. Jetzt hält sie ein gesundes Enkelkindchen in ihren Armen. Die jüngste Tochter hat einen Afghanen geheiratet, Mohammed Taqi, ebenfalls ein ausgeheilter Leprapatient, der ihre geistig behinderte Tochter in sein Haus aufgenommen hat. Taqi ist bei uns angestellt und verdient regelmäßig.
Malanbi: Hochgradig verstümmelt, die Krankheit hat beide Hände
und beide Füße zerstört, sie kann sich nur noch kriechend fortbewegen. Ob sie nicht mit
uns zum Behindertenheim kommen wolle, fragen wir sie, als wir sie in ihrer Hütte
besuchen, ein Raum, eine Bettstelle, Fliegen überall, in einer Flasche lauwarmes
Trinkwasser, ein trockenes Fladenbrot in ein Tuch geschlagen...
O nein, sagt Malanbi, schaut uns aus ihren triefenden Augen an und lächelt - ein schiefes
verzerrtes Lächeln, die Krankheit hat die Gesichts- und Augenmuskeln gelähmt, man muss
hinter die grauenvolle Zerstörung sehen können, um die Schönheit ihrer Seele zu
entdecken, "Oh nein," sagt Malanbi, "ich habe hier eine ganz wichtige
Aufgabe zu erfüllen, die jungen Frauen sind mir so dankbar, es gibt keine Sicherheit für
sie, aber wenn die Banditen kommen, dann schieße ich auf Händen und Füßen aus der Tür
und mache "HUU!!" und wedle mit meinen Handstümpfen, dann drehen sie sich auf
ihren Hacken herum und stieben davon, die denken, ein Gespenst habe sie angegriffen!"
Drei junge Frauen, die in die Hütte gekommen sind, stimmen in Malanbi´s amüsiertes
Gelächter ein.
Malanbi hat drei Söhne geboren und drei Söhne begraben. Jetzt hat sie fünf Töchter,
die sie beschützt.
Ihre Ruth Pfau
Reisebericht von Dr. Hanne Glodny
Pakistan 31.08.99 bis 24.11.99
Nach problemlosem Flug lande ich abends gut in Karachi, werde erwartet und in die Klinik gebracht. Dr. Pfau ist in den ersten Tagen noch in der Wüste Baluchistan. Ich kann es aber in meinem Zimmer - neuerdings mit Klimaanlage - gut aushalten und mit dem Unterricht für die jungen Lepra - und TB-Assistenten beginnen. Weil die Frauenstation z. Z. keinen Doktor hat, betreue ich sie nebenbei. Draußen liegen die Temperaturen zwischen 30 und 40° C mit hoher Luftfeuchtigkeit. Nur morgens, vor 6°° Uhr, wenn ich mit Ruth zur Messe gehe oder fahre, ist es noch angenehm kühl.
In der Klinik ist viel Betrieb. Zur Zeit läuft ein Fortbildungskurs für die
Lepra-Assistenten der Northern Aerea. Meine alten Freunde freuen sich sehr mich
wiederzusehen, obwohl wir traurig sind, dass der geplante Survey im Norden Kaschmirs wegen
der anhaltenden Unruhen nicht möglich ist. Ruth wurde immer wieder darum gebeten, dass
ich mich einige Wochen in den Ambulanzen im bitterarmen Baluchsitan um Frauen und Mädchen
kümmern und den Stoff unterrichten soll; das Gleiche im November in der Umgebung von
Peschawar. Wenn Dr. Ashfaq damit einverstanden ist, müsste der Unterricht auf den
nächsten Frühsommer verschoben werden.
Es gibt hier viel zu tun, viel zu besprechen und zu regeln. Ich bewundere die
Liebenswürdigkeit und Geduld des Stationspersonals bei der Betreuung der sehr armen,
manchmal schwierigen und fordernden Patienten. Auch das gute und vertrauensvolle
Miteinander der Ärzte ist bewundernswert, keine Eifersucht, kein
"Pöstchenstreben". Jeder tut sein Bestes an seinem Platz. Morgens um 8°° Uhr
findet man sich zusammen, spricht über Lepra mit Differentialdiagnosen und möglichen
Behandlungsmethoden. Die Rollen sind verteilt unter der Leitung von Dr. Zia. Alle
Meinungen werden gehört, auch die der jüngsten Kollegen, und besprochen. Schwierige
Fälle werden gemeinsam angeschaut. Ein vertrauensvolles Miteinander, wie ich es in
deutschen Kliniken nicht erlebt habe.
Am 9.9. war Ruths 70. Geburtstag, der mit einem sehr würdigen und feierlichen Festhochamt in St. Patrick´s gefeiert wurde. Die große Geburtstagsfeier für die Patienten und Mitarbeiter mit ihren Familien fand am 25.9. statt, ein gelungenes Fest, zu dem alle nach ihrem Vermögen beigetragen haben, auch die stark behinderten, fortgeschrittenen Leprapatienten aus dem Handicapt - Home und die Leute aus dem Slum. Alle waren glücklich und zufrieden. Heute noch seh ich die strahlenden Gesichter bei der Visite auf der Station.
28.9. Früh am Morgen der Flug nach Quetta, der Aufbruch ins Unbekannte. Ich werde am Airport erwartet und in die Ambulanz gebracht. Sehr herzliche und freudige Begrüßung durch die Helferinnen, die zur gleichen Zeit mit meinen LT´s in Sultanabad unterrichtet wurden.
Wir schauen uns das Haus an und begrüßen alle Mitarbeiter. Im Haus
von Moh Ashraf hat seine Frau den Lunch für uns vorbereitet. Dann geht es auf den weiten
Weg nach Loralai. Unterwegs wird eingekauft: Milch, etwas Gemüse und Obst, Tee, Zucker
usw. Bei beginnender Dunkelheit Rast mit einer kleinen Mahlzeit in einem "Hotel"
in einem Dorf, in dem der Mullah gerade zum Abendgebet ruft. Spät Abends treffen wir
müde in Loralai ein.
Am nächsten Morgen Fahrt durch die Steinwüste auf ungebahnter Piste zu einer Highschool, wo sich viele Patienten nach einer vor Wochen durchgeführten Augenoperation zur Nachuntersuchung einfinden. Hier in Garguji haben wir einen ganzen Tag zu tun. Auch ein ausgedehntes Ekzem um beide Ohren nach langjähriger Mittelohr-Eiterung kann erfolgreich behandelt werden.
Am nächsten Tag erreichen wir nach langer Fahrt über die manchmal kaum erkennbare
Piste, über Steine und Wasserläufe, durch eine herrliche Landschaft mit immer wieder
unterschiedlichen Felsformationen, die verstreuten Häuser von Manka, manchmal Rundbauten
aus Holzstämmen, bedeckt mit Reisig, manchmal mit Stroh und Lehm verschmierte Hütten aus
zusammengetragenen Steinen, manchmal sauber, manchmal nur mit schmutzigen Matten
ausgelegt. Sehr angenehm ist die Kühle und gute Luftzirkulation in den Reisighäusern.
Wir kontrollieren hier Leprapatienten, sehen und behandeln auch Allgemeinkranke. Sorge
macht eine sehr schwache Hochschwangere, bei der die Wehen nicht in Gang kommen. Erst
früh am nächsten Morgen wird das Kind geboren. Aber die Nachgeburt kommt nicht. Die
Mutter ist zu schwach, um Tee und Milch und Zucker zu schlucken. Wir legen einen Tropf an,
geben Dexamethasan und Coramin und lassen einen jungen Lepra - Assistenten zurück. Alles
ist zu spät. Sie stirbt kurze Zeit später. 6 Kinder sind allein, aber in der guten
Dorfgemeinschaft geborgen.
Das nächste Dorf ist Karamare, wo wieder Leprakranke kontrolliert und Allgemeinkranke gesehen werden. Abends geht es zurück nach Manka, wo alle auf den landesüblichen Bettgestellen unter den Sternen schlafen, entweder im Schlafsack oder eingerollt in eine Decke. Morgens ist alles feucht. Es hat über Nacht geregnet! Bald, nach dem Morgengebet und einem kleinen Frühstück, sind wir wieder auf der Piste. Es ist fast ein Wunder, dass der Jeep auf diesem !!! Grund voller Felsgestein, tiefen Furchen, die ihn fast umkippen lassen, Wasserlöchern und hoch über Abgründen nicht auseinanderbricht. Der Fahrer ist ein Künstler!, ruhig, voll konzentriert und voller Gottvertrauen. Wir fühlen uns alle sehr sicher. Bald geht es nicht mehr weiter: ein steiler Abgrund voller Felsgestein. Nun heißt es hinunterklettern zum Dorf Bakit. Gut dass ich für den geplanten Survey im Norden Kaschmirs Turnschuhe und Socken eingepackt habe. Mit Sandalen könnte man diesen steinigen Steilhang nicht bewältigen. Nach längerer Kletterei erreichen wir das sehr saubere Dorf, wo ich viele Frauen und Mädchen, die Kontakt mit Leprakranken hatten, nach frühzeitigen Symptomen untersuche. Wir finden eine fragliche Neuerkrankung. - Die Kletterei zurück am Steilhang ist schwieriger. Ich kann aber mit den anderen gut mithalten.
Fortsetzung folgt
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