Rundbrief Freundeskreis Karachi Juni 1999
Eines darf nicht geschehen:
VERGESST DIE
LEPRAKRANKEN NICHT!
Wie lange ist es
her, daß Roaul Follereau zum ersten Mal das Gewissen der Welt aufgerüttelt hat mit
seinen erschütternden Aufrufen zum Welt-Lepra-Tag?1996:
Die Weltgesundheitsorganisation erklärt einen weltweiten Kampf gegen die Lepra mit dem Ziel, Lepra im Jahre 2000 zu eliminieren". Bald wird die Presse mit Erfolgsmeldungen überflutet . Und dann die Nachfragen: wenn Lepra bereits "eliminiert" ist warum sich dann noch für diese Kranken einsetzen? Gibt es denn nicht tausendfaches anderes Elend auf der Welt?Erfolg?
1997 hat Pakistan das Ziel der Weltgesundheitsorganisation erreicht. Das Lepravorkommen ist unter die Gefahrenschwelle von 1 Fall unter 10.000 Einwohnern gesunken. Ich habe Schwierigkeiten, das Team zu einer geziemenden Feier zu animieren. Lepra eliminiert? Das ist eine reine Lüge, Frau Doktor - schauen Sie sich um - die Anzahl von Neuerkrankungen, die wir auch heute noch bekommen - das Elend der Ausgeheilten. Viele von ihnen bleiben verkrüppelt und ausgestoßen, sind nur von ihren Bazillen befreit." Die Regierung - wer kann es ihr verdenken: Gesundheit und Bildung teilen sich in Pakistan nur 2% des gesamten Jahresetats! Die Regierung fragt an, ob wir die Lepradienste nicht auflösen könnten? Die Krankheit sei doch eliminiert! Wir bieten die Infrastrukturen anderen Gesundheitsdiensten mit zur Nutzung an, übernehmen neben Lepra auch Tuberkulose- und Erblindungsbekämpfung - und erhalten so unsere dringend benötigten Lepradienste im Regierungsgesundheitsdienst.
Das wissen wir schon seit vielen Jahren:
daß Lepra nicht ausgerottet ist, wenn wir den Sieg über den Bazillus errungen haben! Wir
sind zu nah am Schicksal der Menschen, die wir durch jahrzehntelange Behandlungen
begleitet haben. Wir wissen, welches Ruinenfeld die Krankheit in vielen Fällen
zurückgelassen hat. Die verlorenen Jahre, zerstörtes Vertrauen, verlassene Jahre, um
Zukunft und Gegenwart betrogen. Wir haben es seit langem gewußt - und versucht, uns der
Flut des Elends entgegenzustemmen - aber systematisch angegangen haben wir das Elend
nicht, wir hatten nicht die Zeit, nicht die Mittel, denn der weiteren Ausbreitung der
Krankheit entgegenzuarbeiten, war unsere erste Aufgabe.

HEUTE?
Wir genießen es noch immer, unsere Erfolgskurve" in unseren Außenstationen aufzuhängen. Aber neben der Erfolgskurve, damit wir nicht vergessen, was noch vor uns liegt, neben der Erfolgskurve hängt heute schon die Kurve der OPERATION 2O2O, die Vision vom wirklich leprafreien Pakistan! Von einem Pakistan, in dem den Leprapatienten die gleiche Würde gegeben wird, wie ihren gesunden Brüdern und Schwestern. Begonnen haben wir OPERATION 2020 damit, daß wir Krankenakten von allen Patienten aus dem Archiv geholt haben, von denen wir nicht mit Sicherheit wußten, daß die Behandlung mit 101% Ergebnis abgeschlossen wurde. So wie bei dem jungen Khud Bausk. Dieser hatte nur einen verständnislosen Blick für einen Reporter, der ihn fragte, was die Lepra in seinem Leben bedeutet. Habe ich vergessen", sagte er, und wandte sich wieder seinem Kricket Team zu - und wir konnten nur noch der lachenden, kreischenden Gruppe von Jungen hinterherschauen! Aber das ist nicht die Regel. Rahima in Dabbad, einem Gebirgsweiler bei Skardu. Vor 18 Jahren, als wir Dabba das erste Mal besuchten, da gab es kein Haus, in dem wir nicht einen Leprakranken fanden! Aber auch das ist lang vorbei - vergessen!" - nur Rahima hält die Erinnerung an diese Zeit lebendig. Denn Rahima ist von der Krankheit schwer gezeichnet. Ihr Mann hat sie verlassen, hat den Sohn mit sich genommen, nach Lahor", hat er gesagt, um ein neues und unbeschwerteres Leben zu führen". Ihre beiden Töchter sind verheiratet - aber ihre Enkelkinder hat sie nie gesehen. Die Töchter haben sie angefleht, bitte besuche uns nie. Vater hat Dich verlassen. Wir wollen nicht, daß unsere Schwiegereltern erfahren, daß wir aus einer leprakranken Familie stammen." So lebt Rahima allein und verlassen in einer winzigen Hütte außerhalb des Dorfes. Kaum 9m2, Möbel hat sie keine, aber der gestampfte Lehmboden ist sauber gefegt, die Steppdecke und die Schlafmatte ordentlich in der Ecke zusammengefaltet. Wir wollen wissen, wer sie versorgt. Das Dorf brächte die Fladenbrote. Sie konnte ja nicht selber backen, und woher Holz und Mehl nehmen? Manchmal vergessen sie es, und dann würde sie halt nicht essen. Rahima ist ausgeheilt. Ihre Akte ist seit Jahren im Archiv. Inayat atmet schwer. Ich habe 100 Rupees dabei, sagt er, wer hat mehr? Wir sammeln am Schluß 500 Rupees ein. Was sie damit machen kann, wissen wir auch nicht so recht. Vielleicht sich ein paar Zwiebäcke kaufen vom Dorfladen und die als eiserne Ration in der Hütte halten, wenn sie hungrig ist und keiner davon weiß...

Mohammed Durrah, den wir blind und ausgedörrt in einer Hütte in der Steppe von Baluchistan finden, wird in unserer Statistik unter erfolgreich behandelt" geführt.
Ein weiteres Beispiel: Bei der Tochter von Saleh Joo wurde erst bei der Entbindung ihres Kindes von einem Gesundheitshelfer erkannt, daß sie Lepra hatte. Zu diesem Zeitpunkt war sie hoch infektiös und schon stark deformiert. Wir wußten nicht, daß es Lepra war," sagen beide, der Vater, die Tochter. Wußten sie es wirklich nicht? Oder hatte die Familie die Augen geschlossen, weil sie fürchtete, die Rede von der Erblichkeit der Krankheit würde wieder aufkommen? Saleh Joo ist vor 10 Jahren ein Patient gewesen...
Oh, ich könnte Geschichten erzählen! Geschichten, traurige und frohe, Geschichten zum Mutmachen, wie die von Hakima. Hakima, die heute wieder vor meiner Tür stand. Zwei ihrer Kinder hatten sich schon vorher nach Karachi durchgeschlagen. Jetzt hat sie ihre Jüngsten wiedergefunden, befreundete Dorfbewohner brachten das 7jährige Kind aus Afghanistan mit. Endlich ist die Familie wieder vereint. Den Kostenpunkt für die Ausheilung des Patienten kennen wir: für 50 DM können wir einen Kranken bakterienfrei machen. Der Kostenpunkt für die Ausheilung von Hakima?
Dieses Heilwerden", dieses leib- und seelische Heilwerden brauchen wir auch heute noch! Dafür brauchen wir zunehmend Ihre Hilfe! Nein, keine Alarmmeldungen von Epidemien. Geschichten von einzelnen, nur" einzelnen Menschen. Menschen wie Du und ich oder unsere lieben Brüder und Schwestern.
Daß die Einzelnen" auch eine langfristige Bedeutung haben für uns alle, auch das spricht sich langsam herum - sogar die Weltgesundheitsorganisation hat es zunehmend in ihrer Agenda: daß der Mensch wichtiger ist als das Bakterium. Langfristig wird ein Gesundheitsprogramm von einer Bevölkerung nur akzeptiert und mitgetragen, wenn die Menschen sich darin als Menschen ernstgenommen wissen, mit ihren Sorgen und Nöten und Hoffnungen und Träumen -. Und nur wenn die Menschen ein Programm mittragen, kann es langfristig zu wirklichen Änderungen führen. Wir haben genügend Erfahrung, um sagen zu können, daß nur langfristig wirksame Programme wirklich die Welt verändern:
Tuberkulose
, die wir vor langer Zeit als besiegt glaubten, ist weltweit zurückgekehrt - Malaria ist erneut einer der gefährlichsten Killer in Pakistan - und Angola sollte uns allen als Warnung dienen: 1975 hatten sie die Epidemie dort auf 45 Patienten reduziert. Nach 20 Jahren, 1995, war die Krankheit im Lande wieder auf 1,5 Millionen angestiegen, weil die Bekämpfungsmaßnahmen nicht mehr finanziert worden waren.Ihre Ruth Pfau
Aus den Aktivitäten des Freundekreises
Besuch bei der AG
Mission-Lepra der
St. Johannes Pfarrgemeinde in Siedlinghausen
Waltraud Schreiner und Maria Wiegelmann
Am Nachmittag des 28.April besuchten wir die AG Mission-Lepra in Siedlinghausen, um den
Kreis der Aktivistinnen mit ihrer Leiterin Frau Wiegelmann über den aktuellen Stand der
Arbeit zu informieren und über die Entwicklungsmöglichkeiten der Gruppe zu sprechen. Es
war für alle eine große Freude, daß wir Frau Waltraud Schreiner als Ehrengast
mitbringen konnten. Wir hatten es uns nicht nehmen lassen, vorher Frau Schreiners 75sten
Geburtstag im engsten Kreis der Freundesbrief Redaktion, nachzufeiern.
Ausblick: Mit frischem Mut plant die Gruppe schon jetzt einen großen
Erntedankbasar anlässlich des 70sten Geburtstages von Dr. Ruth Pfau.
ihr Freundeskreis Karachi
Deutsches
Aussätzigen-Hilfswerk e.V. · Aktionszentrale Nordwest
· D-48145 Münster
Redaktion: Harald Meyer-Porzky, Jürgen Belker-van den Heuvel · Aktionszentrale
Nordwest
hmp 09.08.99