| HINWEIS DER REDAKTION
Der Freundesbrief KARACHI dokumentiert grundsätzlich Geschichten und Fakten der Gesamtarbeit in Pakistan und Afghanistan. Viele Hilfsorganisationen, Stiftungen und Förderkreise verbergen sich mit ihren unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten hinter diesem Gesamtwerk. Alleine könnte diese Aufgabe niemand bewältigen. Den Erfolg aber dürfen sich alle Förderer und Spender zu Recht teilen!
Donnerstag, 12. September 2002 Die Redaktion des Freundesbriefes freut sich, Ihnen mitteilen zu können, dass Dr. Ruth Pfau im Rahmen ihrer Deutschlandtour 2002 auch gezielt den Freundeskreis KARACHI besuchen will. Wir haben dafür am Donnerstag, dem 12. September, in Absprache mit Frau Waltraud Schreiner, die Mehrzweckräume der Schützenhalle in Freienohl gebucht. Nutzen Sie diese tolle Gelegenheit und treffen Sie Dr. Ruth Pfau. Die Schützenhalle in Freienohl ist leicht zu finden. Sie liegt 50 Meter neben der Hauptstraße, die in diesem Verlauf „Breiter Weg" heißt. Die kleine Zufahrtsstraße zur Halle ist die „Pestalozzistraße". Gegenüber liegt der Parkplatz einer Schule, der uns zur Verfügung steht. Einlass ab 18:00 UhrStehimbiss im Vorraum Begrüßung im Saal ab 18:45 Uhr Diavortrag, Talkshow und Gespräch mit Dr. Ruth Pfau bis max. 21:00 Uhr Es gibt auch die Möglichkeit, Dr. Ruth Pfau anderenorts in Deutschland zu erleben. Weitere Termine erhalten Sie auf telefonische Anfrage oder unter http://www.dahw.de/pfau.html Geschichten, die das Leben schreibt: Schäden, Lourdes, fehlende Motorräder und das Gefühl, nie genug getan zu haben. Ilyas ist beunruhigt. Seine Frau in Afghanistan hat Tuberkulose, sagt er. Zwei seiner Kinder sind leprakrank, er selbst behindert. Wie soll er das Geld für die Lastwagenfahrt aufbringen? Wir versprechen ihm zu helfen, damit er nach Afghanistan reisen und mit seiner Familie wieder nach Pakistan zurückkehren kann. Dann können wir Frau und Kinder aufnehmen, ausheilen. „Und danach nehme ich sie zurück nach Afghanistan! Wir haben Felder dort, mein Bruder wird sie bestellen, aber Behandlung, die gibt es dort nicht", erwiedert Ilyas überglücklich. In Uresgan haben wir noch keine Außenstation eröffnen können. Es ist so dünn besiedelt, dass sich es sich nicht lohnt. Nicht lohnt? Natürlich würde es sich lohnen, trotzdem: finanzieren können wir es nicht.Iqbal ist jetzt soweit, dass er Verantwortung für die Verwaltung unserer drei Werkstätten übernehmen kann: 148 Frauen verdienen sich ihr Geld mit Heimarbeit in unserem Stickereizentrum, 18 in der Lederwerkstätte, 12 junge Mädchen ihr Schulgeld im Nähzentrum. Shah Jehan kommt spät abends. Er hat keinen Platz, wo er schlafen kann. Seine Lepra ist ausgeheilt - wenigstens sagt seine Krankenakte das. Was die Akte nicht sagt: Shah Jehan hat es nie überwunden hat, dass ihn seine Familie verstoßen hat, als er, ein halbes Kind noch, schwer krank und hoch fiebrig an Lepra litt. Seither sucht er nach seiner „Familie", in jeder Beziehung erneut. Wir haben einen Koch aus Bengalen. Er spricht seine Sprache und wird ihn aufnehmen, bis wir eine andere Lösung für ihn gefunden haben. Dann: Endlich habe ich ein wenig Zeit für eine unserer treuen Freiwilligen. Sie ist zum ersten Mal in den Tropen, spürt ihr Alter - und wird urplötzlich mit sehr existentiellen Fragen konfrontiert ... Rosenkranz vor unserer „Lourdes-Grotte". Wir haben sie aus Schwemmsteinen gebaut und die Mädchen aus dem Schülerinnenheim haben in alle Nischen Kerzen gestellt. Jetzt veranstalten sie einen Wettbewerb, wer mit einem lautstärkeren Ave die Aufmerksamkeit unserer Lieben Frau zuerst gewinnen kann - hier draußen im Garten noch erträglich, ohrenbetäubend in der Kapelle.Indryas hat kein Motorrad, um dringend notwendige Besuche bei einigen Sozialfälle zu machen. Aber immerhin: Das Wasser rauscht noch immer durch unsere Gummischläuche in die Untergrundreservoire! Wir haben eine neue Verbindung zum Wasserversorgungsnetz der Stadtverwaltung bekommen. Jetzt muss ich mich bei allen Beamten und dem Militär bedanken, die uns geholfen haben Die Sprechstunde am Abend nimmt mir Dr. Hanna ab. Die Delegation aus der Hindusiedlung berichtet, dass es Jughni merklich besser geht. Er hatte eine akute manische Psychose, in der wir ihn kaum davon abhalten konnten, dass er seine Kinder dem Gott Krischna zum Opfer brachte. Alle Beruhigungsspritzen hatten nichts geholfen. Morgen können wir ihn zur psychiatrischen Konsultation bringen. Endlich: bislang hatte er sich geweigert. Jeannine erzählte beim Abendbrot, dass Suraya, 6 jährig, auf sie zugestürzt sei: „Danke, Schwester, vielen vielen Dank, du hast mir einen neuen Vater geschenkt. Er verprügelt uns nicht mehr!" Wer denkt hier schon daran, dass diese Symptome Zeichen einer psychischen Erkrankungen sein könnten und dann behandelt werden können? Maslia ist von einem Muslimjungen „entführt" worden - jeder in der Siedlung kennt die Geschichte. Das Team ist ganz auf Seiten des jungen Paares. „Ist das nicht gut, wenn sich ein Pathanjunge in ein Hindumädchen verliebt?" Für die Familien (beide!) bedeutet das eine Katastrophe. Da wir nicht bereit waren, die Sache bei der Polizei anzuzeigen, sind sie jetzt zu ihrem politischen Hinduvertreter gezogen - genau das wollten wir. Wir sind gerne bereit zu helfen: Aber nachdem sie uns „ihren" Fall bereits dreimal geschildert hatten, mußte er zunächst wieder dorthin, wo er von den Streitparteien selbst geklärt werden konnte. Als ich um 22 Uhr, nach dem Abendgebet in der Kapelle, todmüde ins Bett falle, habe ich immer noch das Gefühl, dass ich eigentlich heue nichts getan habe, oder: dass sich heute nichts getan hätte... gemessen an dem, was getan werden sollte und eigentlich getan werden könnte.
Waltraud Schreiner: Von schwerer Krankheit genesen „So lange ich irgenwie kann!" Waltraud Schreiner, von der wir, vor einigen Jahren treuhänderisch die Führung des Freundeskreises KARACHI übernommen haben, hat mit ihrem ehrenamtlichen Einsatz ungezählten Menschen geholfen. Sie hat gemeinsam mit dem Freundeskreis KARACHI Leben verändert und gerettet. Jetzt stand ihr eigenes Leben auf des Messers Schneide. Wir berichten -in Absprache mit ihr- erst jetzt darüber. Wir trafen uns in Freienohl, um über die vergangenen Monate zu sprechen. Und wir freuten uns, dass das überhaupt wieder möglich war. Ein Schlaganfall hatte Waltraud Schreiner im vergangenen August fast völlig handlungsunfähig gemacht. "Als ich in der Klinik lag, war mir alles gleich. Alles war fremd. Ich fühlte mich, wie sich ein Kleinkind fühlen muss!" Die Erinnerung kam erst in der vertrauten Umgebung ihrer Wohnung wieder. Hier fühlte sie sich Woche um Woche besser. Was für Sie, die es gewohnt war, sich deutlich zu artikulieren, die Welt kritisch zu betrachten und zu kommentieren, wohl das Schlimmste war: ihr Sprachzentrum funktionierte nicht mehr wie gewohnt. Ausgerechnet sie, die so vielen geholfen hat, lehnt jedoch Hilfe von außen ab. "Nein, in die Pflege wollte ich nicht! Solange ich irgendwie kann, will ich selbstständig bleiben!" Sie blieb zu Hause und kämpfte konsequent weiter. Unter der treuen Fürsorge ihrer Schwester kam das alte Leben langsam zurück. "Ich brauche sogar die Gehilfe nicht mehr!" und als wollte sie es uns beweisen, läuft Sie mit uns behend die steile Treppe aus dem ersten Stock herunter. Wir genießen unser Treffen, kehren in einen schönen Gasthof ein und schwelgen nicht nur in Erinnerungen, sondern schwärmen auch von der der guten Küche. Selten in unserem Gespräch tauchen ihre Wortfindungsprobleme auf. Sie kämpft dagegen an, ärgert sich darüber! Uns stören sie nicht. Wir freuen uns über diesen Lebensmut und die Kraft, die von ihr ausgehen, und gemeinsam denken wir an den Besuch von Ruth Pfau. "Wenn Ruth da war, das war immer etwas Besonderes," so Waltraud Schreiner. Dass Sie jetzt kommt, zu den Wurzeln zurückkehrt, haben wir lange im Vorfeld mit Frau Schreiner abgestimmt. Und wir sind sicher: Es wird auch diesmal etwas ganz Besonderes!
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hmp 14.07.02