| HINWEIS DER REDAKTION
Der Freundesbrief KARACHI dokumentiert grundsätzlich Geschichten und Fakten der Gesamtarbeit in Pakistan und Afghanistan. Viele Hilfsorganisationen, Stiftungen und Förderkreise verbergen sich mit ihren unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten hinter diesem Gesamtwerk. Alleine könnte diese Aufgabe niemand bewältigen. Den Erfolg aber dürfen sich alle Förderer und Spender zu Recht teilen! |
Über Träume und Realitäten: „Nein! Wir können nicht vorüber gehen." 18.3.2002 Pastellblauer Frühlingshimmel. Es ist März, der Schnee auf den Bergen ist noch nicht geschmolzen, die Morgensonne lässt die weißen Gebirgskämme flimmernd aufleuchten, die überschäumende rosa Blütenpracht der Pfirsichbäume weckt Frühlingsträume. Ich stehe am Ufer des Gupisflusses, klares blaues gurgelndes Gletscherwasser, die Welt ist voller Zukunft und Verheißung.Mohammed H. bringt mich zurück in die Wirklichkeit. Ob ich fünf Minuten für ihn Zeit hätte? H. ist Koch in unserem 20 Betten Krankenhaus für Lepra- und Tuberkulosekranke in Gilgit, verantwortlich vom Frühstück 7 Uhr morgens bis zum Abendbrot um 18 Uhr. Er könne von seinem Gehalt nicht leben, sagt H., er habe 6 Kinder, die müssten essen, gekleidet und zur Schule geschickt werden. Da reichten seine 3000 Rupien (60 Euro) im Monat nicht aus. Aber er habe Erfahrung als Schneider. Die Leute wüssten, dass er gut arbeitet und dass seine Preise fair seien. Sie kämen zu ihm, er könnte in den Abendstunden noch dazu verdienen - wenn, ja wenn er eine Nähmaschine bekommen könnte! Abendstunden? Ich weiß, wie lange er im Krankenhaus Dienst tut. Aber Mohammed H. ist zuversichtlich. "Schreib einen Antrag", sage ich, "das sollte sich einrichten lassen. Wie viel kannst Du monatlich zurückzahlen?" (Am Abend diesen Tages hat uns das Militär eine Nähmaschine gespendet - sie besäßen Sozialgelder, sagte mir der General, der uns beim letzten Einsatz in den Bergen getroffen hatte und sich noch gut erinnerte.)Yaseen hat die steile Böschung geschafft. Er lächelt uns an – ein Morgenplausch ist nicht möglich, denn Yaseen ist seit seiner Kindheit taub: Jodmangel. Er hat ein Auge verloren, vor langer Zeit. Ein Splitter ist ihm ins Auge gekommen beim Holzhacken. Er trägt einen zerschlissenen Pullover. Wie lange ist es hergewesen, dass er sich hat waschen können? Das Krankenhaus hat seit drei Wochen kein Wasser. In einer Woche seien die Leitungen gelegt, hat man mir gestern versichert. Das Flusswasser ist zu kalt um diese Jahreszeit. Aber Yaseen lächelt. Ein entwaffnendes zufriedenes Lächeln. Das Team hat ihn aus Pereshing mitgebracht. Dort galt der ausgeheilte Leprapatient als Dorfnarr. Ein Fladenbrot, ja, das hat man ihm noch zugeworfen, aber Rechte, Aufmerksamkeit, hin und wieder ein Lächeln, darauf hatte er keinen Anspruch. Hier hat er ein Bett und Menschen, die ihn morgens grüßen und ihm während des Tages gestikulierend ihre Nähe bekunden. Er hat zwei warme Mahlzeiten am Tage und zwei Tassen Tee, und die Freundschaft eines Schicksalsgenossen, einem zweiten ausgeheilten Patienten, der ebenfalls keinen Schutz einer Großfamilie hat und auch im Krankenhaus lebt.
Es macht mich froh. Und dann verbreitet es die Buschtrommel weiter: Dort, in Manghopir, arbeitet die Gruppe, die uns auch in Zentralafghanistan geholfen hat, sie hört uns zu. Nein, wir können nicht vorübergehen an dem von den Räubern Überfallenen, der halbtot geschlagen an unserem Wege liegt - auch die Muslime in unserem Team reagieren seit langem so. Freilich: das alles wäre nicht möglich gewesen, wenn uns unsere Freunde in Europa, in Deutschland nicht immer wieder die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt hätten, fraglos, unbürokratisch, vertrauensvoll. Und wir hoffen, nein, wir dürfen wohl sagen: wir wissen, dass wir weiter zusammenarbeiten werden, um Menschen in Not ihr Schicksal ein wenig erleichtern zu können.
Was würde ohne uns geschehen: „Kraft schöpfen aus demZusammenbruch" ...irgendwie muss ich doch damit zurechtkommen - mit diesem 11. September 2001, mit diesem heutigen Morgen, mit diesem Leben! Ich kann es meinem Team nicht antun, diese gebrochenen Flügel... Ob es wirklich einmal über das hinausgeht, was man tragen kann? In unseren heiligen Büchern ist es geschrieben, und die Frömmigkeit der Jahrhunderte hat die Einzelheiten ausgemalt, dass unser Herr unter dem Kreuz zusammengebrochen sei. Generationen haben daraus Kraft geschöpft. Wir reden heute über so was nicht mehr! Warum? ist sicher die ungeeignetste aller Fragen. Obwohl sie die logischste, die nächstliegendste ist. Trotzdem: sie führt uns nicht weiter. Es ist besser, wir sagen uns (was ja alles stimmt): wenn wir nicht mit diesem Lepra-Bekämpfungsprogramm in Pakistan begonnen hätten, hätte Sabira heute nicht gewusst, was sie ihren hungrigen Kindern vorsetzen soll (wissen wir noch, was es heißt: Hunger haben?). Dann hätten die Kinder von Khair Mohammed wieder vor leeren Schüsseln gesessen - hätte Gul Buddin die vierte Nacht unter freiem Himmel verbracht, halb erblindet, bedeckt von Wunden, 14 Jahre, ein Waisenjunge aus Afghanistan... Ich weiß nicht, wo sie ihre Energie hernehmen, die
Assistenten Indryas und Seema und Veno. Seit 6 Uhr morgens unterwegs, und
noch immer in den Hütten der Afghanflüchtlinge, mit einem Elend
konfrontiert, dem gegenüber wir so hilflos sind.
Erinnerungen.... Ich musste einen Augenblick Luft holen. Ich kann nicht mehr so: Augen zu und durch! Ich weiß auch nicht, vielleicht sind es all die Erinnerungen an die Bombennächte meiner Kindheit. An meinen kleinen Bruder, den wir doch verloren haben. Er hat geweint, wenn der Teller leer war, und als er starb, habe ich mich gefragt, wieder und wieder, ob ich nicht meinen Teil des Essens doch hätte an ihn abgeben sollen? Erinnerungen an die Flüchtlinge von Dresden, wir hatten Jungschar-Einsatz im Hauptbahnhof von Leipzig, das Entsetzen stand ihnen in den Augen geschrieben. Ich hatte es alles vergessen, jetzt ist es wieder da.
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Deutsches
Aussätzigen-Hilfswerk e.V. · Aktionszentrale Nordwest
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Redaktion: Harald Meyer-Porzky, Jürgen Belker-van den Heuvel · Aktionszentrale
Nordwest
hmp 06.05.02