Rundbrief Freundeskreis Karachi · September 1998

 

Dr. Ruth Pfau · Foto: Inis SchönfelderEinsatz für die Menschenrechte
Ich weiß schon genau, was ich tun will!

Was mich beschäftigt?

16 Tote in Karachi. Frauen, Kinder, Männer. Damit hat die Zahl der Todesopfer in diesem Monat die 100 überschritten. Politische Gründe, keine religiösen. Es war schon einmal so: 1995.

Danach hat die Regierung "Ruhe geschafft". Wie? Sie haben "durchgegriffen". Paramilitärische Einheiten gegen Zivilisten - oder Terroristen. Auf die grausamste Weise.

Eine ganze Generation junger Leute ist diesen Aufräumungskommandos zum Opfer gefallen. Danach war Ruhe. Friedhofsruhe. Aber man konnte wieder seiner Arbeit nachgehen - den kargen Unterhalt für die Familie verdienen -.

Jetzt sind aus den Vierzehnjährigen von 1995 Achtzehnjährige geworden. Junge Menschen, die in ihrem Leben nichts anderes gekannt haben als Gewalt. Über 100 Todesopfer allein in diesem Monat. Blindlings erschossen. Zu Tode gefoltert - der jüngste 15 Jahre alt. Und wieder beginnt die Polizei durchzugreifen -. Heute morgen, 6.30. Auf dem Wege zur Messe muß ich an der Polizeistation vorbei. Vor mir hält ein Auto. Zwei Polizisten stoßen eine Gruppe junger Männer aus dem Wagen. Die Augen verbunden. Hilflos stolpern sie in eine feindliche Umgebung -. Die eigentlichen Mörder haben Geld, die können die Polizei bestechen und werden freigelassen.

Wann war es? 1938? Nein, "offiziell" ist es die "Säuberung der Stadt von Terroristen". In Wirklichkeit .........! Auch wenn wir die Tatsachen nicht wissen: Hinweise haben wir genug.

Das erste Evangelium heute war die Berufung des Elisha. Elias warf den Mantel über ihn....... Ich bin in der Menschenrechtsorganisation. Mein Reisepensum läßt mir wenig Zeit zu Einsätzen. Der Jüngste jener getriebenen Herde, die Augen mit einem weißen Umhängetuch verbunden - ich muß noch die Ochsen schlachten und meine Pflüge verbrennen, um meine Leute abzufüttern, von Mitte Oktober gehört ein Teil meiner Zeit den Aktionen der Menschenrechtskommission. Ich weiß schon genau, was ich tun will.

Und es melden sich auch schon Mitstreiter.

 

Reihenuntersuchungen in Sindh
Arbeiten bei 50 Grad Hitze

Die letzten drei Wochen waren wir in Sindh. Wüsten- und Steppengebiet, 45, 50 Grad Hitze, das Team läßt sich nicht zurückhalten. Es stehen Reihenuntersuchungen in den Dörfern an, in denen früher Lepra häufig war. Hin und wieder finden wir einen Neufall. Danach werden alle Dorfbewohner auf Augenkrankheiten hin untersucht. Das macht die Vorsichtsuntersuchung für Lepra einfacher und gibt uns die Befriedigung, daß wir wirklich etwas für die Gesamtbevölkerung tun können: Vitamin-A-Mangel, Trachom, unbehandelter Weißer Star.... es läßt sich mit ganz einfachen Mitteln viel tun, um Erblindung zu verhüten, und in vielen Fällen sogar rückgängig zu machen.

Frauenschicksale

Am meisten gehen mir die Frauenschicksale nach.

Rahima: Vater und Mutter waren leprakrank, die Mutter noch in Behandlung, der Vater schon ausgeheilt. Als wir die Kleinen zur Untersuchung rufen, läuft sie mit den Ziegen fluchtartig davon. Später wird sie uns gestehen, sie hätte Angst gehabt, daß wir eine Blutprobe entnehmen würden...

Rahima ist 13, vielleicht 14 Jahre alt. Die Untersuchung ergibt den ersten Lepraflecken. Bei der Anlage des Krankenblattes erfahren wir, daß Rahima seit 6 Monaten verheiratet ist. Verheiratet. Warum? Um dem Vater eine zweite Frau einzuhandeln. "Meine erste Frau hat mir keine Söhne geboren", sagt der jetzt schon Fünfzigjährige, "deshalb habe ich nach einer zweiten Frau Ausschau gehalten. Geld hatte ich keines. Aber ich konnte meine Tochter gegen die Tochter eines Dorfbewohners eintauschen." Die junge Frau des 50jährigen ist vielleicht 18 Jahre alt.

Imdad, Lepra-Assistent, ist die Sache offensichtlich zu viel. "Die Männer bestimmen das Geschlecht des Kindes", braust er auf, "wenn Du jetzt Töchter gezeugt hast, wirst du auch mit deiner jungen Frau Töchter zeugen!" Das Gespräch spielt sich vor der ganzen Dorfgemeinschaft ab. Mir ist es recht – eine Information, die unbedingt bis zu den Männern durchdringen muß, die nichts von X- und Y-Chromosomen verstehen. Nur: keiner sagt, was ist denn verkehrt daran, Töchter zu haben?

Amina: Seit drei Jahren ist Amina krank, Schmerzen im Hüftgelenk, seit zehn Monaten bettlägerig. Nicht älter als Mitte 30. Dreimal haben wir dem Ehemann geraten, seine Frau zum Kreiskrankenhaus zu bringen; wir würden dafür sorgen, daß sie stationär aufgenommen und untersucht würde. Einmal haben wir ihm die Fahrtkosten vorgelegt. Stattdessen hat der Ehemann sich eine zweite Frau genommen, ein junges Mädchen...

"Es wäre besser zu sterben, als diese Schmerzen auszuhalten", sagt Amina. Schmerzen, die nicht nur körperlich bedingt sind.

Wir entscheiden, ihr Tuberkulose-Medikamente zukommen zu lassen; das Krankheitsbild läßt auf Hüftgelenktuberkulose schließen. Wenn sie nicht darauf anspricht, wird Gul Hassen, verantwortlich für den District, die Frau nach Karachi überführen, "egal, was es kostet, Du bezahlst eine Ambulanz", der Mann stimmt zu.

Wir können nicht zulassen, daß Amina noch weiter "Opfer" wird und es vielleicht genauso endet wie im nächsten Beipiel beschrieben.

Tahira: An Tuberkulose erkrankt, Feldarbeit konnte sie nicht mehr leistern, aber für eines war sie immer noch brauchbar, eine gute Summe Geld zu verdienen. Tahira wurde des außerehelichen Verhältnisses mit einem Manne von einem anderen Stamm bezichtigt – nein, vielleicht ist es ihr nicht vorgeworfen worden, aber als der Mord geschehen war, mit der Spitzhacke, wurde er dem Dorfe so erklärt: die Ehre des Stammes kann nur durch das Blut des Sünders wieder hergestellt werden. Der Mann?, Man verdächtigt jemanden, der das Blutgeld bezahlen kann. Ihm wird der Vorwurf gemacht, mit der Frau ein Verhältnis gehabt zu haben (auch wenn keinerlei Beweise vorliegen, und jeder weiß, was hinter dem Mord steckt) – um sich freizukaufen, muß er die Polizei bestechen, dem Stamm der ermordeten Frau das Bußgeld zahlen...Der letzte Fall dieser Art hat gerade ein abruptes Ende gefunden, weil der Verdächtige an einer Hepatitis B starb. Nein, Amina darf dieses Schicksal nicht ereilen.

Mariam: Neun totgeborene Kinder. Niemand hat ihr gesagt, daß man heute Rhesus-Unverträglichkeit behandeln kann. Und wenn es ihr jemand gesagt hätte, wer hätte die Behandlung bezahlt? Wir sagen der Familie, sie solle uns bei der nächsten Schwangerschaft sofort Bescheid geben.


Vorbemerkung der Redaktion zum folgenden Abschnitt:

Am 6.Mai diesen Jahres hat sich der katholische Bischof von Faizalabad (Pakistan) mit einer Schußwaffe das Leben genommen. Offensichtlich/wahrscheinlich handelte es sich um eine Verzweiflungstat, mit der er gegen die Diskriminierung der Christen in Pakistan protestieren wollte. Hintergrund der Tat sind die zahlreichenTodesurteile gegen Mitglieder der christlichen Minderheit in Pakistan aufgrund des Blasphemiegesetzes, welches die Todesstrafe zwingend vorsieht, wenn der Prophet Mohammed direkt oder indirekt verunglimpft wird.

 

Nur wenn wir uns als Brüder fühlen
Demonstrationen nach dem Tode von Bischof John Joseph

Ich bin gerade in einer mittleren Kreisstadt im Inneren von Sindh, die eine kleine christliche Gemeinde hat. Sie wagen sich das erste Mal auf die Straße. Es ist gut organisiert – alle zweihundert Meter hält die Demonstration, der Katechist erklärt den muslimischen Brüdern durchs Mikrophon: "Wir wollen keine Gewaltakte. Wir wollten überhaupt nicht auf die Straße. Aber heute sind wir gezwungen, mit unseren Schwestern und Brüdern an euch zu appellieren: wir sind Pakistani, wie Ihr Pakistani seid. Wir haben ein Recht, in diesem Lande zu leben, wir Ihr ein Recht habt. Nur wenn wir uns als Brüder fühlen, können wir unser Land entwickeln."

Später: Eine Jugendgruppe stößt zu uns. Einer der Jungen hat das Mikrophon ergattert. Ayub Massih war gerade wegen einer angeblichen Blasphemie zum Tode verurteilt worden. Die Jungen hatten offensichtlich ihre eigenen Sprechchöre eingeübt. "Den Richter von Faizalabad..." – "...hängt ihn an den Galgen!" röhrt die Meute. "Den Richter von Faizalabad..." Ehe ich es mir überlegt habe, bin ich in ihrer Gruppe. Seid Ihr Christen?, will ich wissen. O ja, natürlich, sonst wären sie ja heute nicht auf der Straße. Paßt es dann rein, zum Todschlagen aufzufordern? Betroffenes Schweigen.

Dann lauthals ins Mikrophon: "...das war eben eine Panne", gibt der Junge bekannt, "Christen sind für die Vergebung, egal, was geschehen ist – nein, wir wollen ihn nicht am Galgen sehen! Aber wir wollen auch Ayub Massih nicht am Galgen sehen!" Und sie stimmen in die vorbereiteten Sprechchöre ein: "Gleiches Recht – für alle!" –

"Widerruft das Blasphemiegesetz!"

Es gibt, neben allen Übergriffen, auch noch ein anderes Pakistan. Am Ende des Einsatzes bittet uns der Pater, doch noch eine Sprechstunde für die christliche Gemeinde abzuhalten. Die Anzahl und Schwere der Augenerkrankungen unter dieser Kleinstadtbevölkerung erschüttert das Team. Wir schlagen vor, eine Haus-zu-Haus-Untersuchung vorzunehmen – an dem Tag, an dem die Muslime auf der Straße sind und lautstark den Tod jedes "Gotteslästerers" verlangen, heißen die christlichen Familien das muslimische Team in ihren Häusern willkommen. Die Muslime trinken den Tee, den die Christen ihnen anbieten. Und am Ende des Einsatzes wird gemeinsam geplant, im Herbst auch noch die restlichen christlichen Siedlungen in das Behandlungs- und Vorbeugungsnetz mit einzubeziehen – mit einem Team, in dem kein Christ mehr sein wird, weil ich im Herbst in Northern Areas im Einsatz sein werde.

RuthPfauSign.gif (6403 Byte)

Ihre

 


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Redaktion: Harald Meyer-Porzky, Jürgen Belker-van den Heuvel · Aktionszentrale Nordwest
tke · 22.12.99