„Nebenwirkung" der Lepra-Bekämpfung:

Muslimisch-christliches Verstehen

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Liebe Freunde,

eigentlich würde ich am liebsten nicht schreiben. Um auszudrücken was geschehen ist, müssten wir erst ein neues Vokabular erfinden ...Aber vielleicht ist es richtig. Wort-losigkeit führt uns in die Vereinsamung - in die Sinn-losigkeit, die Sinn-vergessenheit – oder vielleicht sogar in den Sinnverlust.
Ja - was wir hier so tun? Ich bin gerade von Baluchistan zurück. Der Flughafen von Quetta war manchmal geschlossen (aus Sicherheitsgründen) und manchmal wurde er benutzt. Wir wollten kein Risiko eingehen und sind mit dem Bus zurück nach Karachi, 12 Stunden Fahrt. Es ist Fastenmonat, also haben wir mitgefastet. Heute habe ich Jeannine das erste Mal wiedergetroffen. Sie hat mit ihrem Team in der Zwischenzeit hier in Karachi das Afghan-Flüchtlings-Programm begonnen. Pakistan hat ja die Grenzen während des kriegerischen Konfliktes in Afghanistan versiegelt, damit keine Flüchtlinge ins Land konnten. Aber sie kamen trotzdem! Über Berg- und Wüstenschleichwege, erschöpft und apathisch, „...eigentlich", sagt Jeannine, "eigentlich, wenn man in so ein selbstgegründetes „Flüchtlingslager" geht, sieht alles so normal aus." Die Familien sind bei Verwandten und Bekannten untergeschlüpft. Allesamt Flüchtlingsfamilien der ersten Fluchtwelle, die sich selbst mühsam über Wasser halten. Man muss genau hinsehen, um das Elend zu entdecken - denn selbst erzählen sie ihre Geschichten nicht mehr. Sie glauben nicht mehr, dass ihnen jemand zuhört. Sie gehen einen auch nicht um Hilfe an. Man erfährt nur so nebenbei, dass Sabirakhatoon sich den Oberschenkel gebrochen hat auf der Flucht und unter unsäglichen Schmerzen hier angekommen ist, jetzt erschöpft auf dem einfachen Bettgestell liegt und keine Pläne hat. Wieso auch? Geld für die Behandlung hat sie doch nicht, wer wird das auch aufbringen-.
Und Noor Banu weiß, dass sie Tuberkulose hat. Sie ist nur noch Haut und Knochen. Wenn sie mit jemandem spricht, hält sie sich den Schleier vor den Mund. Wo sie die teure Behandlung herbekommen könnte, weiß sie nicht. Warum das Unmögliche träumen? Und ganz nebenbei erfahren wir, dass die Fladenbrote nicht ausreichen. Wenn sie unter die Kinder verteilt werden, bleibt für jedes Einzelne nicht viel übrig. Geklagt wird nicht. Es führt ja doch zu nichts. Diese stumpfe Ergebenheit, die so aussieht, als sei alles in Ordnung. Als ob es in Ordnung sei, dass Kinder hungrig sind und Mütter nicht behandelt werden können - hier in Karachi, dort in Quetta, und wer weiß wo sonst noch diese „illegal" dem Chaos entronnenen Familien Unterschlupf gefunden haben. Wenn ich nachdenke, verfolgt mich der Gedanke bis in meine Träume...
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Mehl, Milchpulver, Speise-Öl, Hülsenfrüchte - die werden wir über einen kleinen katholischen Hilfsdienst organisieren. Sie haben die Nahrungsmittel und wissen nicht, wo die Flüchtlinge sind. Die Flüchtlinge wissen nicht, wo die Hilfsorganisationen sind, die ihnen helfen möchten. Wir wissen, wo beide sind. Wir können sie zusammenbringen, denn die österreichische Caritas hat etwas Ungewöhnliches und höchst Vernünftiges getan: Die haben uns gesagt, wir könnten einen unserer fähigen Lepra-Assistenten für 6 Monate abstellen, sie würden das Gehalt bezahlen. Und während wir die illegal eingewanderten Familien aufspüren, können wir auch gleich herausfinden, ob sie Lepra oder Tuberkulose mitbringen.

(Anm. der Redaktion: Dr. Ruth Pfau wird von sehr vielen verschiedenen Hilfsorganisationen und Freundeskreisen unterstütz. Einer alleine könnte diese gewaltige Aufgabe nicht bewältigen!)

Als wäre "nichts" geschehen

Auf der Rückfahrt von der Grenzstation Chaman in Baluchistan (hier hat die Regierung ein Lager für 10.000 Flüchtlinge erlaubt und Hilfsorganisationen sind dabei, es zu organisieren) flogen die Kampfflugzeuge über uns hinweg. Und Ehsan, am Steuer des Jeeps (es war Sonntag und der Fahrer hatte frei), auf der Pass-Strasse, seufzte zufrieden. "Ich bin so dankbar", sagte er, "ich bin ja so dankbar, dass mich Allah in Ihr Team gerufen hat - wo wir Menschen helfen können und sie nicht umbringen müssen". Ich dachte das Gleiche. Und ich sagte es ihm auch! Was uns hilft, in all dem Elend und in der offensichtlichen Irrsinnigkeit doch weiterzumachen?
Wir fuhren von Chaman in einer Vollmond-Nacht zurück. Ein runder, goldener, schimmernder Vollmond, der die kahle feindliche Berglandschaft mit seinem sanften Licht verzauberte. Ein Vollmond, so atemberaubend schön wie der Vollmond vor 50 Jahren, als Hermann und ich, auf unsere Fahrräder gelehnt, auf der Bergstraße die überwältigende Schönheit in uns einströmen ließen. Die Welt war im Lot, Gott meinte es gut mit uns.
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Die Welt ist die gleiche, auch heute noch: voller Wunder. Der Mond ist der gleiche und das Rot, das R O T der Hibiskusblüte, und das Gezwitscher der Spatzen und das Zirpen der Grillen und das Lachen der Kinder. Die Welt ist voller Wunder, und wir sollten es unserem Herrn und Schöpfer nicht antun, dass wir die Schönheit seiner Schöpfung nicht mehr sehen - nicht er hat sich geändert, wir haben uns geändert... Können wir unsere verwundete Welt noch heilen? Wir in Pakistan sind verd..... nah an dem Geschehen. Ich konnte es nicht abwenden und nicht verhüten, ich konnte den Mob nicht stoppen und Bahawalpur (Angriff auf eine christliche Gemeinde) nicht ungeschehen machen. Wenn es sich wiederholen sollte, irgendwo in Pakistan, der Angriff auf eine betende Gemeinde in einer Moschee, in einer Kirche, ich kann es nicht verhüten. Ich konnte den Angriff auf das Krankenhaus in Gilgit (vor einigen Jahren, wir berichteten darüber. Anm. der Red.) nicht verhüten, fünf Todesopfer. Ich konnte nur eines tun: nicht weglaufen. Das alles bedeutet aber doch nicht, dass wir nichts tun können. Ein kurzer Gang am Abend über die Station. Ich bin einen Monat nicht im Krankenhaus gewesen. Amjad ist operiert worden. Das Lächeln in seinen Augen, als ich an sein Bett trete - und Sher Mohammed wird eine Hautverpflanzung bekommen. Er ist schon ganz aufgeregt. Er möchte sein Geschäft wieder beginnen, eine kleine Reparaturwerkstatt als Mechaniker. Und Banobibi hat mir einen Plastik-Blumenstock gebastelt. „Seit drei Wochen versuche ich, es Ihnen zu bringen. Sie sind nie im Krankenhaus", beschwert sie sich und ich sage, "Oh, gelb ist meine Lieblingsfarbe, woher hast du das gewusst?". Wir haben ihren Sohn aus dem Gefängnis geholt. Er war angeklagt, eine junge Frau verführt zu haben. Todesstrafe durch Erhängen. Alles aus den Fingern gesaugt. Ein befreundeter Rechtsanwalt, in der Menschenrechts-Organisation aktiv wie wir, hat uns geholfen. Jetzt ist der Prozess zu seinen Gunsten entschieden.

Alltag in Quetta

Katharinas Mann ist auf grausamste Weise ermordet worden. Katharina ist „sweeper", Reinemachfrau in unserem Krankenhaus. Die unterste Klasse der „Unberührbaren". Ehsan, Muslime, unser Angestellter für die Kontrolle dieses Lepradistrikts, Ehsan sagte, sie sei eine „wunderbare Frau". ... Der Mörder ist geschnappt worden - zum Tod am Strang verurteilt worden. Noch drei Tage waren es bis zu seiner Hinrichtung und ich habe Katharina gefragt, "Was gewinnst du, wenn er auch stirbt? Wenn seine Kinder auch Waisen werden?" Und sie ist am nächsten Tag zurückgekommen und hat gesagt: "Du hast recht, mein Glaube sagt mir, ich solle vergeben - wenn du sicherstellst, dass er nicht mehr nach Quetta zurückdarf, dass meine Kinder ihn nicht mehr sehen!" "Sie hat solch ein Opfer gebracht", sagt Ehsan, "eine Straßenfegerin! Sie ist in Allah ‘s Augen bestimmt so viel kostbarer als manch ein dicker, reicher, aufgeblasener Geschäftsmann". An diesem Tage war ich richtig beschwingt. „Nebenwirkung" der Lepra-Bekämpfung. freunddez2001a.JPG (74319 Byte) Muslimisch-christliches Verstehen. Gegenseitige Annahme. Damit wird dem Terrorismus der Nährboden entzogen, hundertfach, wo immer wir arbeiten in Pakistan. Es ist möglich. Alltag. Nichts Besonderes.
Ihr in Deutschland mit Eurem Dennoch - mit Eurer Bereitschaft, das Gute zu stärken, was es hier auch gibt, hundertfach gibt - wir mit unserer Bereitschaft weiterzumachen, der Entmutigung nicht nachzugeben - warum sollten wir nicht dazu beitragen können, dass unsere verwundete Welt doch Heilung findet?


Kurz nach Redaktionsschluss des Rundbriefes erreichten uns noch folgende Gedanken von Ruth Pfau:

Wir glauben noch nicht daran, dass sich das alles bald erholt und beruhigt, so völlig erstaunlich der amerikanische „Blitzkrieg" auch gewesen ist, mit dem keiner gerechnet hat, nicht mal seine Erfinder. Aber quickfix ist nie eine Lösung. Das haben nur die amerikanischen Geschäftsleute in Umlauf gesetzt. Ich musste doch wirklich schmunzeln, als der neue deutsche Botschafter zum ersten Mal nach Karachi kam. Er erzählte, dass sein Vorgänger bei der Übergabe gesagt habe, er glaube nicht, dass sich sein Nachfolger langweilen würde. Aber es sei eine gemütliche Station mit wenig Überraschungen - das war am 9.9.2001. Quintessenz: das Leben lässt sich nicht voraussagen. Mit der Afghanistankrise muss man umgehen lernen - wie mit der deutschen Vergangenheit und all den Menschenrechtsverletzungen. Man kann es nicht verstehen und nicht mal zu verstehen versuchen, von Auschwitz zu Golgatha - aber man kann eben Tatsachen auch nicht ableugnen. Und wenn man nun einmal Christ ist (es zwingt einen ja keiner, es zu sein oder zu bleiben), dann heißt das eben auch, dass man sich mit dem „...die Wahrheit wird euch freimachen" auseinandersetzen muss: der schlimmste Verrat an den Opfern ist, nicht hinzuschauen.

 

Der Freundeskreis KARACHI
im DAHW trauert um Pater Rabanus

freunddez2001e.JPG (25980 Byte) Der Heimgang von Pater Rabanus ist auch für das Deutsche Aussätzigen-Hilfswerk ein großer Verlust, denn seit 1968 war er dem DAHW auf das Engste verbunden. Seit dieser Zeit hat er unsere gemeinsamen Ziele in der Leprabekämpfung tatkrätig unterstützt, besonders die Arbeit von Frau Dr. Ruth Pfau in Pakistan. Er war ihr und uns ein sehr verlässlicher Wegbegleiter. Ähnlich dem Freundeskreis KARACHI baute er die sehr erfolgreiche „Lepra-Hilfe Karachi e.V." auf.
Seine Lebensdevise waren die Regeln des Ordensvaters St. Benedikt. Seine Aktivitäten richteten sich im festen christlichen Glauben nach der Devise „Ora et labora". Seinen Einsatz für die Leprakranken tat er mit großer Überzeugung und Hingabe, „für Laacher Währung", also für ein „Vergelt’s Gott", wie er immer zu sagen pflegte.
Über den Tod hinaus bleiben unser Dank und unser Respekt für den Einsatz von Pater Rabanus. Wir alle werden ihm ein ehrendes Gedenken bewahren.

Ruhe er in Frieden.