Dank und Grüße aus Karachi
Es ist eine große Familie,
die sehr an ihrer "Mutter" hängt

Liebe Mitglieder im Freundeskreis Karachi!

Allen, die Dr. Ruth Pfau zu ihrem 70. Geburtstag Grüße und Glückwünsche geschickt haben, herzlichen Dank. Sie hat sich sehr darüber gefreut, ist aber so eingebunden in ihre Arbeit, daß sie kaum Zeit findet den vielen, die an ihren Ehrentag gedacht haben, ihren Dank persönlich zu sagen. Da ich ihr schon lange Jahre helfe und gerade wieder in Karachi bin, habe ich ihr diese Pflicht abgenommen, damit Sie bald wissen, wie sehr sie sich über Ihr Gedenken gefreut hat. Ich konnte das sehr würdige und feierliche Festhochamt an ihrem Geburtstag miterleben und die große Geburtstagsfeier für die Patienten und Mitarbeiter der Klinik. Sie kamen mit ihren Familien und es wurde ein gelungenes Fest, zu dem alle nach ihrem Vermögen beigetragen haben, auch die stark Behinderten aus dem Handicapped-Home und die vielen Besucher aus dem nahen Slumgebiet. Alle waren froh, glücklich und zufrieden. Heute noch sah ich viele

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So oft sie kann, packt Dr. Hanne Glodny in den
Projekten von Dr. Ruth Pfau mit an.

der strahlenden Gesichter bei der Visite auf der Station wieder. Es ist hier eine große Familie, die sehr an ihrer "Mutter" hängt.
Wir hoffen alle, daß wir sie noch lange in unserer Mitte haben
Mit vielen Grüßen aus Karachi
Dr. Hanne Glodny für Dr. Ruth Pfau

 

Tagebuch Gargochi

Ein Wiedersehen nach 20 Jahren

07.08.99
5.40 Uhr Abfahrt zum Flughafen. Kurz nach neun landen wir in Quetta - den Flug habe ich verschlafen. Nur den Flugstil unseres Piloten habe ich noch genossen: senkrechter Start, und eine Landung wie ein Stukka-Kampfflugzeug; offensichtlich genießt er das Steuern!
Hamid ist am Flughafen. Wir fahren direkt weiter - also Umziehen nicht möglich. Das Kleid, das ich anhabe, ist für klimatisierte Räume in Flughäfen gedacht. 6 Stunden Jeepfahrt durch die endlose staubige, trockene Steppe, eine Fahrt in die Unendlichkeit, ohne Grenzen, ohne Horizont. Nach 4 Stunden eine Tasse Tee am Wege. Später biegen wir in die kahle, felsige Bergwüste von Lorelai. Der Distrikt-Arzt von Zhob, sagt Hamid, hatte uns eigentlich gesagt, wir sollten das Camp absagen, und unser Chirurg wollte auch nicht so richtig?
... sie hatten uns Drohbriefe geschickt - Und ?
Ich habe gesagt, wir gehen doch. Und dann ist Dr. U. auch mitgekommen. Ich habe natürlich erst recherchiert. Unser Lepraassistent vor Ort hat gesagt, das ist nur ein Akt des Psychoterrors (der im Moment gegen das Leprosy-Blindness Control Programm läuft - Anm. d. Red.) und hat nicht viel zu sagen. Dann haben wir 63 Patienten operiert. 63 Menschen, denen wir das Augenlicht zurückgeben konnten. Die Statistiken habe ich im Koffer.
...wenn das Team nicht so dahinterstünde, sagt Hamid nachdenklich, wäre es schwierig. Ashraf hat sich eindeutig hinter meine Entscheidung gestellt: Wir lassen uns doch nicht bange machen!
3 Uhr Ankunft in Lorelai. Ashraf’s Dienstwohnung gleicht einem Kriegslager, aber sie haben ein Zimmer nur für mich bereitgestellt, und im Garten blühen die Sonnenblumen. Die Eukalyptusbäume sind gewachsen und geben schon Schatten, um 5 liege ich im Bett, aus zwei Gründen: einmal, um den Streß von Karachi auszuschlafen, ehe die Fahrt beginnt, und dann: ich könnte nicht zuschauen, wie sie den Wagen packen!! Generator, Operationssaal-Ausrüstung, einen Mehlsack und Speiseöl, Zwiebeln, Medikamente. Wie sie das Gleichgewicht wahren wollen? Ich kenne die Gebirgspisten....Zuschauen würde mich die letzten Nerven kosten.
08.08.99
5.30 Uhr Abfahrt. Ich entscheide mich für den kleinen Suzuki Jeep, den Ashraf fährt. Ob er nicht einen Fahrer mitnehmen wolle? Wenn etwas kaputt ist am Wagen, Reparaturmöglichkeiten gibt es in Gargochi doch nicht? Er habe keinen zweiten Fahrer, sagt Ashraf, und überdies hätten wir nicht genügend Platz im Jeep.
Die Straße verliert sich geradeaus im Nirgendwo. Kilometerweit asphaltiert, kilometerweit eine Sammlung von Schlaglöchern verschiedenster Größe und Ausprägung. Ashraf erzählt Räubergeschichten - alles wahre Geschichten, alle während der letzten sechs Monate geschehen, hier im Umkreis, auf dieser Straße; alle wert, daß man sie niederschriebe. Die schönste vielleicht: wie drei Söhne, Afghanen, ihren Vater aus pakistanischer Gefangenschaft befreiten. "Sie brachten ihm eine Polizei-Uniform in den Polizei Gewahrsam. Sie selbst hatten sich vorher schon Uniformen verschafft. Mit dem Wächter freilich hatten sie sich schon vorher angefreundet, er ist dann auch mit ihnen entkommen".
Und die beunruhigendste Geschichte vielleicht: die von den sieben Soldaten der Grenzwacht, die monatelang die Überfälle auf der Straße ausgeübt haben,. "... und wenn sie bloß ausgeraubt hätten, wäre das ja auch okay gewesen, aber es sind Menschen dabei ums Leben gekommen...."
Nach drei Stunden die übliche Tasse Tee in einem Tea-Shop am Straßenrand. "Der Suzuki ist wirklich gefährlich," sagt Hamid, "er muß irgendwann mal einen Unfall gehabt haben, ehe sie ihn zu uns geschickt haben, jetzt hat er einen deutlichen Rechtsdrall." Baluchistan hatte doch Anspruch auf einen neuen Suzuki? Ja, sagt Hamid, aber wem sie den gegeben haben, das haben sie uns nicht gesagt. Wir haben den alten bekommen.
Am 10. September haben wir unsere Zusammenkunft mit der Zentrale in Karachi. Wir setzen den Punkt auf die Tagesordnung.
60 km später, als uns im Gebirge der Wagen außer Kontrolle gerät und Ashraf ihn gerade noch abfängt, wünschte ich, derjenige säße im Wagen, der die Entscheidung getroffen hat, den unzuverlässigen Wagen nach Baluchistan zu schicken .
(Obwohl ich natürlich auch deren Schwierigkeiten kenne: was tun, wenn die Decke zu kurz ist?!)
Das Evangelium heute: Petrus geht über das Wasser. Das war kein stiller blauer Wasserspiegel, das war eine tobende Flut! Und das noch bei Nacht. Und trotzdem ist geschrieben: "... warum hast du gezweifelt!?" Also: es geht in der Regel gut aus!

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1 Uhr. Picknick unter einem Mimosenbaum, der in Blüte steht. Blaßgelbe Blütendolden, man muß genau hinsehen, sonst fallen sie einem nicht auf. Der erste wirklich Schatten gebende Baum, den wir auf der Fahrt gesehen haben - und vielleicht der einzige. Wir sammeln Reisig, wärmen das in Lorelai vorgekochte Kartoffelgulasch. Fladenbrote haben wir im letzten Basar eingekauft. Der Fluß nahebei ist seit dem letzten Regen noch nicht wieder ausgetrocknet. Eine Libelle zuckt im flimmernden Sonnenlicht über dem Wasser.
Das Team ist in Hochstimmung - sie erzählen mir vom letzten chirurgischen Augencamp. Es seien Drohungen aller Art eingegangen. Von verfeindeten Stämmen, die mit Gewalt drohten, wenn wir die Dienste auch dem anderen Stamm leisten würden; von Augenärzten, die befürchteten, daß ihnen die Patienten davonliefen, wenn wir Operationen zum Selbstkostenpreis anbieten würden. Von Feinden, die wir uns bei der letzten Säuberungsaktion von seiten der Regierung eingehandelt hatten, und die einfach nicht wollen, daß wir Erfolge haben. Der Bezirksarzt hätte es gern gesehen, daß wir das Camp abgesagt hätten, und die Chirurgen wollten auch lieber kein Risiko auf sich nehmen -. "....und als Hamid mich fragte, was er tun solle," fragte Haji Ashraf, ob er das Risiko fürs Team auf sich nehmen sollte. Da hab ich ihm gesagt, "tu, was dir dein Herz diktiert, auf mich kannst du zählen."
Wie es denn ausgegangen sei? Oh wie erwartet: ein grosser Erfolg! "..... wenn wir uns nicht bange machen lassen, läßt sich der Herrgott nicht lumpen". Am tollsten sei der Major des örtlichen Militär Kontingents gewesen. Jeden Tag hat er Wasserflaschen für die Patienten zur Verfügung gestellt, und jeden Tag sei er dreimal vorbeigekommen und habe gefragt, ob wir irgendwelche Probleme hätten?
Und die uns vorher gedroht haben, haben sich dann doch geschämt - "der Privatarzt ist am dritten Tage selbst aufgekreuzt und hat gebührenfrei mit operiert, und die verfeindeten Parteien haben sich bei uns entschuldigt."
Hanif ist der einzige Christ im Team, die anderen alle Muslime. Aber darin sind sich alle einig: wenn man das Rechte tut, ist Gott mit uns.
Später, in Quetta, werde ich unzählige Dankesbriefe schreiben an die, die dem Team beigestanden haben. Einen besonderen an den Major, den ich nicht kenne.

 

19.45 Uhr Bei Einbruch der Dunkelheit fahren wir schließlich in unsere neue Außenstation in Gargochi ein. Die letzten 15 Minuten brauchten wir die Scheinwerfer am Wagen, um die Piste nicht zu verlieren. Allerdings: der Konvoy besteht nur noch aus einem Wagen. Ashraf’s Suzuki haben wir doch zurückschicken müssen, wegen der ungleichen Belastung sind die Sprungfedern gebrochen, wir haben sie noch zu reparieren versucht, uns dann aber doch entschieden, mit diesem unzuverlässigen Wagen nicht in die Berge und in die Nacht zu fahren. Ashraf und Moinuddin fahren den Wagen zurück in die Kreisstadt zur Reparatur. Sie haben das Privatgepäck im Jeep. Zwei Tage werde ich

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Das Vertrauen in Dr. Pfau ist groß und hilft, die Angst zu überwinden.

in dem verschwitzten Kleideranzug, den ich auf der 18stündigen Fahrt angehabt habe, schlafen und arbeiten. Ich habe kein Handtuch und keinen Schlafsack und kein Mosquitonetz dabei, keine Zahnbürste und kein Neues Testament, kein medizinisches Spezialgerät, nicht einmal ein Stethoskop.
Der Neubau ist gerade fertig geworden, sie streichen noch die Zimmer, also schlafen wir alle draußen auf geborgten Bettstellen (auf dem Boden sollte man wegen der Schlangengefahr nicht schlafen), unter dem samtschwarzen leuchtenden Sternenhimmel. Es regnet nicht. Morgen wird das Lern- und Lehrcamp beginnen, und die Vorbereitungen auf das chirurgische Augen-Camp.
Vor 20 Jahren bin ich schon einmal hier gewesen, zu Fuß und zu Pferd. Eine Jeep-Piste gab es damals noch nicht... und natürlich keine Außenstation.

Ihre Ruth Pfau

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