Rundbrief Freundeskreis Karachi · Dezember 1998
Dr. Ruth Pfau ist
voller Zuversicht
"Ich vertraue auf unsere
Kraft"
Auch nach 39 Jahren in Pakistan ist die Kraft
von Dr. Ruth Pfau ungebrochen. Sie ist begeistert über die Unterstützung, die sie
erfährt. Sie freut sich über die heranwachsenden Generationen, die sowohl hier, als auch
in Pakistan Ideen entwickeln und Verantwortung übernehmen. Ihr großer Traum, daß ihr
oder besser "unser" Werk weiterlebt, scheint in Erfüllung zu gehen. Sie
vertraut fest darauf, daß wir ihr und den Projekten die Treue halten. Jedes einzelne
Schicksal ist es wert. Jeder einzelne gerettete Mensch allein schon Grund genug für
unsere Bemühungen. Dr. Ruth Pfau im September in Münster erleben zu können, war ein
Geschenk. Zu hören, "daß sie (gerade
69 Jahre alt geworden) endlich
Zeit habe, sich um weitere Probleme zu kümmern, daß sie sich jetzt neben ihren sonstigen
Aufgaben noch stärker für die Einhaltung von Menschenrechten einsetzen will (z.B. auch für zu Unrecht inhaftierte
Frauen), das hat eine eigene Dimension. Sie und ihre Mitstreiter weiterhin zu
unterstützen, ist mehr als eine Verpflichtung, es ist eine Freude.
Ihr Redaktionsteam
Verlobungsfeier
Geschildert von Mechthild Kramm
Bei meinem dreimonatigen Freiwilligeneinsatz
als Lehrerin in Karachi/Manghopir hatte ich das Glück, gleich an mehreren Feiern
(Erstkommunion, Taufe, Verlobung und Hochzeit), Höhepunkten im Leben der Leprapatienten
und deren Angehörigen, teilnehmen zu dürfen. Die erste Feier, die bei mir einen
bleibenden Eindruck hinterlassen sollte, war die Verlobungsfeier von Masooma, einer
14jährigen Schülerin unserer Schule, und Taqui, meinem Privatschüler, der als
ehemaliger Leprapatient mit Masooma im Handicapped Home unter einem Dach lebt. Masooma
wurde mir bei meinem ersten Besuch im Handicapped Home von Dr. Hanne aus Deutschland
vorgestellt, zusammen mit ihrer Mutter, einer ehemaligen Leprapatientin, und ihrer
Schwester Sadiqua. Warum lebt ein gesundes 14jähriges Mädchen zusammen unter einem Dach
mit Leprapatienten? Dr. Hanne erzählte mir ihre Geschichte: Masoomas Mutter war mit ihrem
Mann und ihren beiden Töchtern nach Manghopir gekommen, wo sie, wie viele ehemalige
Leprapatienten, Aufnahme im Handicapped Home fand. Als sich herausstellte, daß ihre
ältere Tochter geistig behindert war, stellte ihr Mann sie vor die Wahl: entweder Sadiqua
oder er. Die Mutter entschied sich für die kranke Tochter. Der Mann verließ sie und
heiratete wieder. Am Tag der Verlobung machen wir uns zusammen mit festlich gekleideten
Hostelgirls, die in der Heimküche oder bei der Pflege der Heimbewohner ihren Dienst tun,
und mit Sr. Jeannine auf den Weg zu Masooma. Im Haus herrscht eine heitere Atmosphäre. Es
war eine Mischung aus Geschäftigkeit und freudiger Unruhe. Laute Musik aus dem knallroten
Mini-Kassettenrekorder lenkt unsere Aufmerksamkeit in den Flur. Masooma, ganz in Weiß
gekleidet und mit dem für pakistanische Bräute obligatorischen gesenkten Blick, wird von
zwei Frauen in den festlich geschmückten Speisesaal geführt. Kurz darauf erscheint
Taqui, ebenfalls in Weiß gekleidet und von zwei Männern geleitet. Ich vergesse nie den
Ausdruck seiner Augen, wie er langsam den Flur entlang schreitet. War es Angst vor der
neuen Verantwortung, Unsicherheit oder einfach nur Freude?! Nachdem beide Platz genommen
haben, nehmen sie von Mitbewohnern und Freunden Geschenke entgegen. Unter dem Beifall der
Gäste werden ihnen immer wieder neue Girlanden aus Rupienscheinen umgehängt. Unter den
Gästen befindet sich auch Masoomas Vater. Er und seine Tochter aus der neuen Ehe nehmen
abwechselnd Platz an Masoomas Seite. Keine Spur von Bitterkeit bei der verlassenen Mutter!
Schließlich gehört der Vater zur Familie. Plötzlich höre ich einen bekannten Namen:
Zakia. Zakia wird liebevoll auf einen Stuhl gesetzt, und ich kann ihr endlich die Puppe
schenken, die ich auf einem Basar für sie gekauft hatte. Zakia liebt Puppen, hatte ich
erfahren. Ich kannte Zakia bereits aus Reportagen über Dr. Pfaus Arbeit in Pakistan.
Dennoch war ich entsetzt über das Ausmaß ihrer Verstümmlungen an Händen und Füßen,
den Folgen einer zu spät behandelten Lepraerkrankung. Zakia war mit acht Jahren an Lepra
erkrankt und von ihrer eigenen Familie 20 Jahre lang in einem Stall versteckt worden, bis
Dr. Pfau sie fand und nach Karachi brachte. Als gegen Ende der Feier die Stimmung ihren
Höhepunkt in ausgelassenen Tänzen findet, bricht Zakia plötzlich in Tränen aus. Ich
bin bestürzt und lasse mir den Grund erklären: Zakia war traurig darüber, daß sie nie
würde heiraten können. Ihre Puppe ist nur ein schwacher Trost als Ersatz für ein
eigenes Kind. Zurück zu Masooma. Wie wird ihre Zukunft aussehen? Ist eine
Vierzehnjährige nicht etwas zu jung für eine Verlobung? Nicht in Pakistan, wo 90 Prozent
aller Ehen von den Eltern arrangiert werden. Masooma und Taqui lernten sich im Handicapped
Home kennen und lieben. Also werden sie in einigen Jahren Insh `Allah (so Gott
will) eine Liebesehe eingehen, eine große Ausnahme in Pakistan. Taqui baut bereits
an einem kleinen Haus. Wenn Masooma in zwei Jahren die Mittlere Reife hat, ist sie 17, und
dann soll der Hochzeit nichts mehr im Wege stehen.
Mechthild Kramm
Aufenthalt in Manghopir: Oktober 1997 bis
Januar 1998
Post aus Karachi
Liebe Freunde,
wir sind sehr glücklich über Ihre
freundliche und großzügige Unterstützung im vergangenen Jahr. Ihre regelmäßige Hilfe
ist eine große Stütze für unsere Lepra-Kontrollarbeit in Pakistan. Wir sind zum
überwiegenden Teil auf die Spenden von Menschen wie Ihnen angewiesen. Nur aufgrund Ihrer
Unterstützung sind wir in der Lage, über 43.000 registrierten Leprapatienten eine frei
zugängliche Behandlung zu ermöglichen. Kombiniert mit der Leprabehandlung heilen wir die
Patienten auch von anderen Krankheiten wie Tuberkulose und Malaria, und genauso verhindern
wir, daß Familien in die völlige Verarmung abgleiten. Eine ganz wichtige Aufgabe, für
die wir auch sehr viel Geld benötigen, ist die tatsächliche Rehabilitation von
Leprapatienten. Als ehemalige Leprapatienten, die mehr oder weniger ausgestoßen leben
mußten, sind sie völlig verarmt. Wir müssen ihnen finanzielle Starthilfen geben, damit
sie wieder für sich selber und für ihre Familien sorgen können. Die von uns
eingeleiteten Rehabilitationsmaßnahmen zeigen sehr gute Wirkung, und fast immer gelingt
es, den Menschen wieder eine Lebensbasis zu geben. Gleichzeitig erweitern wir auch die
Behandlung von Augenkrankheiten bei Leprapatienten und das Augenvorsorgeprogramm. Wie Sie
wissen, gibt es auch ein Trainingsprogramm für Lepra-Assistenten im MALC. Die dortige
Ausbildung ist eine entscheidende Stütze für die Arbeit unserer Mitarbeiter in den
landesweit über 148 Zentren. Derzeit sind 16 Studenten im neuen Trainingsprogramm. Es
kombiniert die Lepra- mit der Tuberkulosebehandlung. Der Kurs dauert drei Jahre, und am
Ende erhalten alle Absolventen ein staatlich anerkanntes Zertifikat.
Ein weiteres sehr wichtiges Projekt, das Dr. Ruth Pfau vorantreibt, ist die Verhinderung
von Behinderungen bei den Leprapatienten. Regelmäßig machen unsere Lepratechniker
Hausbesuche bei den Leprapatienten und erklären ihnen immer wieder die verschiedensten
Methoden, um Behinderungen zu vermeiden. Dieses Programm schließt alle Gebiete ein, in
denen wir Lepratechniker haben. Die Ergebnisse eines jeden Besuches werden sehr genau
protokolliert, um den Erfolg dieser Maßnahme garantieren zu können. Schon jetzt sehen
wir, daß sehr viele Leprapatienten durch dieses Programm vor Behinderungen geschützt
werden konnten und dadurch ein normales Leben führen können.
Mindestens genau so wichtig ist der Bereich der Gesundheitserziehung in unserem
Kontrollprogramm. In all unseren Außenstationen gibt es speziell ausgebildete
Lepratechniker, die diese Aufgabe mitübernehmen. Die Mitarbeiter besuchen die
verschiedensten Schulen und Universitäten, informieren medizinisches Fachpersonal und
erläutern dort, anhand welcher Symptome man die Lepra erkennen kann und vor allen Dingen,
wie sie zu behandeln ist. Selbst in die entlegensten Dörfer und Vororte gehen unsere
Mitarbeiter und sorgen mit großen Werbekampagnen dafür, daß möglichst viele Menschen
sich die Dia- und Filmvorträge anschauen, in denen ausführlich erklärt wird, was es mit
der Lepra auf sich hat, wie man sie entdecken kann, und daß sie behandelbar ist. Die
Menschen sind dankbar für diese Aufklärung und helfen mit, Lepröse von ihrer Erkrankung
zu heilen.
Ihnen allen unseren aufrichtigen Dank für die langjährige und kontinuierliche Unterstützung auf dem langen Weg. Im Namen aller Mitarbeiter und all unserer Patienten wünsche ich Ihnen Gesundheit und Erfolg.
Ihr Edgar Gonsalves
Deputy Director Publik Relations
&Fundraising
Deutsches
Aussätzigen-Hilfswerk e.V. · Aktionszentrale Nordwest
· D-48145 Münster
Redaktion: Harald Meyer-Porzky, Jürgen Belker-van den Heuvel · Aktionszentrale
Nordwest
hmp 17.12.98