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Hörspiele

Schallpaltteninstallation von Claus van Bebber
Februar – März 2017










Ausstellungsdauer: 10. Februar –  11. März
 


Einladungskarte Tatoy

Hoerspiel.Front-Foyer

Hoerspiel-Front-Foyer-2




Hoerspiel-Back-Foyer-1

Hoerspiel-Back-Foyer-2

Hoerspile-Back-Foyer-3



www.cvbebber.de

im Projekt Hör-Spiel, gefördert von: Hoer-Spiel-Muenster

 

SCRATCH ME IF YOU CAN
von Stephan Trescher

Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Ganz gegen meine Gewohnheit werde ich heute nicht über die Bilder an der Wand sprechen, auch wenn mich bei ihrem Anblick eine seltsame Mischung aus seliger Kindheitserinnerung, träumerischer Nostalgie und ästhetischem Schüttelfrost befällt – brrrr! Was konnten die 70er Jahre scheußlich sein, aber offensichtlich nirgends so häßlich wie bei der graphischen Verunstaltung von Hörspielplattenhüllen.

Ach Europa! Das ist kein politisches Statement, nur ein Enzensberger-Zitat und ansonsten ein Hinweis auf die guten alten Europa-Platten. Die spielen hier nämlich die Hauptrolle, besser gesagt: Die Hauptrille. Auf gut deutsch, sie liefern den Löwenanteil für den Materialfundus von Claus van Bebbers Doppelinstallation seiner „Hörspiele“. Der Titel macht auch klar, daß ich die Hüllen getrost von meinen Betrachtungen ausklammern kann. Geht es doch vor allem um deren innere Werte, also den auf Platte konservierten Klang.

Hier hinten, im Trio, sogar im fliegenden Wechsel.

Ich weiß nicht, ob Ihnen solche Plattenwechsler noch geläufig sind – ich kenne die noch aus meinem Elternhaus. Als Kind durfte ich mit meinen Geschwistern den ausrangierten elterlichen Plattenspieler benutzen, zu unserer großen Freude noch mit vier Geschwindigkeiten. Angeklemmt an das alte rote Küchenradio meiner Mutter. Dazu gab es auch einen Plattenwechsel-Aufsatz für Singles. Leider hakte die Mechanik manchmal und dann fiel die nächste Platte nur halb herunter, hing schräg in der Luft und man mußte sich sehr beeilen, um den Tonarm vor der Kollision bzw. dem Totalabsturz zu bewahren und rechtzeitig mit der Hand nachhelfen um die nächste Single in die Waagerechte zu bringen.
Denn uns war damals natürlich beigebracht worden, daß man die Abtastnadel behandeln mußte wie ein rohes Ei – und überhaupt ging es uns ja um ein fehlerfreies und pausenloses Abspielen von Musik, um nacheinander so kostbare Schätze der Musikgeschichte wie El Condor Pasa, She Loves You, Ich wünsch mir ‘ne kleine Miezekatze und Waterloo immer und immer wieder hören zu können.

Bei Claus van Bebber geht es natürlich ungleich hochkultureller zu, hier kommen Martin Luther, Tom Sawyer und Winnetou, Odysseus und der Polizeikasper zum Zug. Und zwar gleichzeitig.

An dieser Stelle muß ich aber doch noch ein wenig weiter ausholen. Mögen die Platten überwiegend aus den 70erJahren stammen, die Gerätschaften, die der Künstler verwendet, sind meistens noch um einiges älter, kommen aus den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts und haben deshalb auch noch jenes möbelhafte Aussehen, das nicht nur eine gewisse mechanische Robustheit verspricht, sondern auch diese skulpturale Qualität, die dreidimensional noch etwas hermacht.
Insgesamt ist es natürlich trotzdem ein unprätentiöses Äußeres, das nach Flohmarkt und Trödel aussieht und das heutzutage, in einer Kunstwelt mit vorwiegend geleckt glatter Oberflächenästhetik, wie von einem anderen Planeten zu kommen scheint. Dabei stammt es viel eher aus einer altehrwürdigen Tradition, die wir mit dem Namen Fluxus belegen könnten – und tatsächlich sehen Claus van Bebbers Installationen gar nicht mal jenen so unähnlich, die wir in bedeutenden Museen von Beuys, Cage und vor allem Nam June Paik finden können.

Von Paik gibt es z.B. sein berühmtes Schallplattenschaschlik und John Cage hat schon in den 40er Jahren sein Stück Imaginary Landscape No. 1 aufgeführt, eine Komposition für Klavier, chinesische Becken und zwei Plattenspieler. Die Geschichte der Schallplatte in der Kunst reicht aber noch weiter zurück – schon im Jahre 1923 hat der Bauhauskünstler Laszlo Moholy-Nagy mit Hand und Nadel Schriftspuren in Blanko-Schallplatten geritzt und sie auf Grammophonen abgespielt. (Und falls sich das jetzt jemand bei diesem Trip in die Vergangenheit fragen sollte. Die erste Schallplatte gab es bereits im Jahre 1887)
Um zum Bauhaus zurückzukehren und die kunsthistorische Klammer ordentlich zu schließen: So wie Paul Klee einst die Zwitschermaschine erfunden hat, so Claus van Bebber die Knistermaschine. Und das Krächzophon. Und die Knacksplatte und und und….Nur daß das damals bei Klee noch ein ganz gewöhnliches Bild war, wenn auch ein hübsches. Claus van Bebber hält es da eher mit Jospeh Beuys: „Der Fehler fängt schon an, wenn jemand sich anschickt, Keilrahmen und Leinwand zu kaufen.“ Bilder jenseits der Cover entstehen hier also nur vor dem inneren Auge und im dritten Ohr, hier geht es, wie es der Ausstellungstitel schon verrät, um Hören & Spielen.

Spielerisch geht Claus van Bebber in jedem Fall mit seinem Material um, man könnte auch sagen, souverän anders oder anarchisch; auf jeden Fall künstlerisch und im Freistil.

Auch der Zufall spielt immer eine große Rolle in den entstehenden Klangschichtungen und mehrlagigen akustischen Collagen. Wer nun Aleatorik für ein japanisches Essen hält , aber auch wer weiß, was das ist und es trotzdem für eine unzulässige künstlerisch-musikalische Gestaltungsform hält, dem sei immerhin verdeutlicht, daß bei aller Zufälligkeit Claus van Bebber sehr wohl auswählt, welche Schalplatten er wo und wie verwendet, miteinander oder gegeneinander abspielen und antreten lässt, wie laut  – und wo er sie unterbricht.

So gibt es zum Beispiel hinten nur LPs, vorne nur Singles und draußen nur Kännchen.
Vorne nur Märchenhörspiele, hinten jeweils zwei Hörspiele in Kombination mit einer Geräuschplatte.
Hinten von nur einem Bewegungsmelder angesteuert, vorne dagegen von dreien.
Das ist überhaupt noch ein wesentliches Element dieser beiden Installationen, daß diese Musik- bzw. Sprechmaschinen, die leuchten oder blinken, sich bewegen und dann auch noch Krach machen, ganz gespenstisch in Gang gesetzt werden durch zunächst nicht bemerkbare Bewegungsmelder.
Schon nach wenigen Sekunden ist der Spuk vorbei. Es sei denn, man setzt sie gezielt erneut in Bewegung. Da kommt dann natürlich der Spieltrieb der Besucher zum Tragen, man kann ganz nach Wunsch mal hier-, mal dorthin wedeln und so entweder beim Trio ganze LP-Seiten am Stück hören oder vorne beim Kammerensemble wechselnde Kombinationen aus mehreren Plattenspielergruppen.

Ach ja, das Kammerensemble! Darüber habe ich ja fast noch kein Wort verloren. Das muß sich ändern:
Musik ist ja üblicherweise auch eine Stilfrage. Hier ist es eine Stielfrage. Der Stiel ist der Hammer.

Das heißt, jeder der sechs Plattenspieler besitzt einen beigesellten, auf dem Kopf stehenden Hammer. Dieser dient nun nicht dazu, berserkergleich alles zu zertrümmern, sondern jeder einzelne Hammer hindert den jeweiligen Tonarm daran, weiter seine Kreise zu ziehen; das heißt also, die Platten kriegen eine Art von künstlichem Knacks verpasst und spielen immer nur dasselbe.

Mit den Hammerstielen setzt Claus van Bebber tatsächlich einen Punkt. Wie ein Wiederholungszeichen in der notierten Musik, also einen Doppelstrich mit Doppelpunkt: an dieser Stelle wird zurückgesprungen, in diesem Fall je nach Härte des Aufpralls und Gewicht des Tonarms um genau eine Rille oder mal ein bißchen mehr, aber der springende Endpunkt ist gesetzt, da ist der Knacks, hic salta!

Die Sprache ist babylonisch-kakophonisch, kommt aus zwei bis sechs Kanälen, mal deutsch, mal auf Französisch.
Zunächst freut man sich, wenn man in dem Durcheinander etwas verstehen kann, dann merkt man, daß es immer nur dasselbe ist und schon fängt es an, einem mächtig auf die Nerven zu gehen, wenn man, zum Beispiel, zum zehnten Mal „ Zwei Taler, zwei Taler, zwei Taler“ hört (ohne daß sie sich im eigenen Portemonnaie gleichermaßen vermehren würden) – aber wenn man durch diese Phase der Genervtheit hindurch, sozusagen unter der Woge der Wortbedeutung hinweggetaucht ist, kommt man an den Punkt, an dem man plötzlich nicht mehr auf die Sinnhaftigkeit der Wörter achtet, sondern vor allem auf Sprachmelodie und Sprachrhythmus, und dann kann es tatsächlich anfangen zu grooven.

Grundsätzlich kann man sagen: Claus van Bebber geht sehr viel weiter als jeder DJ, er bürstet die Schallplatte gegen den Strich.
Und jemandem wie mir, als Musikliebhaber und Besitzer vieler Schallplatten, die er beinahe für seine größten Schätze hält, dem sträuben sich bei dieser Begriffspaarung sämtliche Nackenhaare. Ich habe sofort die Vorstellung, daß da jemand nicht etwa eine Kohlefaserbürste nimmt und sanft den Staub aus den Rillen wischt, bevor er mit ganz viel Fingerspitzengefühl und fast zärtlich die Abtastnadel in die Anfangsrille gleiten lässt – sondern vor meinem geisteigen Auge steht eher eine Drahtbürste in den Händen eines Derwischs, die dazu genutzt wird, alle Musik wie mit dem eisernen Besen aus dem Vinyl der Schallplatte herauszukehren.

Wie gesagt, das tut weh. Aber wozu um alles in der Welt ist die Kunst gut, wenn nicht, um unsere liebgewonnenen Gewohnheiten und Ansichten zu überwinden? Um unsere Gedanken wie den Saphir des Plattenspielers gezielt aus der Spur zu bringen, um endlich mal was Neues in der endlosen Spirale der Schallplatte unseres Lebens zu entdecken, die ohnehin schon seit Ewigkeiten im immergleichen Sprung hängenbleibt, hängenbleibt, hängenbleibt……

Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Claus van Bebber – Hörspieleim cuba-cultur-Foyer, Münster, am 20. Februar 2017 im cuba-cultur-Foyer




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