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Komposition für selbstspielende Triangeln

Foyerausstellung von Tina Tonagel
August – Oktober 2016



 






Ausstellungsdauer: 31. August – 2. Oktober 


Einladungskarte CRAZY

Triangeln-1

19 Triangeln im cuba-Foyer

Triangeln-2

Triangeln_Deatail-1

Triangel_Detail-3

Triangeln_Detail-2

 

www.tinatonagel.de

im Projekt Hör-Spiel, gefördert von: Hoer-Spiel-Muenster

TTT - Tina Tonagels Triangel
von Stephan Trescher

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
normalerweise springt man ja im Dreieck aus Gründen der Überforderung – hier und heute dürfen wir im Dreieck springen vor lauter Begeisterung.

Aber vorher müssen Sie noch diese Rede überstehen, die ich annähernd auch an drei Eckpunkten festmachen werde, an Claude Debussy, Georg Kreisler und AC/DC. Na, vielleicht werden es bei mir auch vier.
Das klingt in Ihren Ohren so, als hätten wir es hier mit Musik zu tun? Haben wir auch. Mit Musik von 19 Triangeln in 6 verschiedenen Größen. Dazu kommen wir auch noch. Aber momentan brauche ich natürlich absolute Stille, um Ihre geschätzte Aufmerksamkeit in volle Konzentration verwandeln zu können.

Außerdem sollten wir nicht außer Acht lassen, daß es sich hier um eine Klanginstallation handelt, die eine präzise, ästhetische Gestalt besitzt, also etwas, das wir mit unserem Sehsinn wahrnehmen. Im Fall von Tina Tonagels Triangeln ist die Gestalt eine ziemlich lineare, man könnet auch sagen: graphische. Es ist eine strenge, minimalistisch anmutende Beinahe-Wandzeichnung aus Dreiecken, die jeweils auf einer senkrechten Linie zu balancieren scheinen; wie eine Reihe von Pfeilen oder ein stilisierter Wald, am ehesten ein Schilderwald von Verkehrszeichen unterschiedlicher Größe. (Zu den hier geltenden Verkehrsregeln komme ich später noch).

Das Ganze hat fast etwas von einem Notationssystem, wobei wir uns allerdings nicht in die Irre führen lassen sollten: die physische Gestalt hat nichts mit dem Klangbild zu tun. Wenn also beispielsweise drei Triangel in gleichmäßigen, abwärts führenden Stufen gehängt sind, aber von gleicher Größe sind, ist ihr Ton natürlich jeweils genauso hoch und sie spielen keinesfalls eine aufsteigende oder absteigende Linie. Können sie gar nicht.
Und da liegt das Problem des Instrumentes Triangel. Genauer gesagt: Sein Imageproblem. Es ist ein Ein-Ton-Instrument! Kann es etwas Armseligeres geben? Genau dieses traurige Thema verhandelt Georg Kreisler in seinem wunderschönen und nicht ganz unbekannten Lied vom Triangelspieler:
„Ja, da sitz' ich mitten im Orchester drin
Und halte bereit mein Triangel
Und endlich zeigt der Dirigent auf mich hin
Und schon steh' ich auf und mach': [ping]
Ich komm' erst auf Seite neunundachtzig dran
Ja, an Zeit hab' ich keinen Mangel
Ich könnt' ja was lesen, doch da schaut er mich an
Und schon steh' ich auf und mach': [ping]“
Meistens werd' ich schläfrig von all dem Getös' –
Besonders bei Richard Strauss
Doch schlafen geht nicht, der Dirigent wär' ja bös' –
Er braucht mich ja wegen dem [ping]
– Ach, wär' doch die Oper schon aus

Keine Sorge, ich werde jetzt nicht alle Strophen singen, dazu bräuchte ich auch einen versierten Pianisten – und überhaupt ist es besser, man hört sich das Wiener Original an.
Aber jedenfalls ist es so, daß dank Tina Tonagel das Leiden des Triangelspielers ein Ende hat, denn hier hat er endlich frei! Wie es der Titel der Installation schon ganz korrekt ankündigt, handelt es sich hier schließlich um selbstspielende Triangel.
Das heißt, so ganz von alleine tun sie das nicht, auch wenn es diesen Anschein erweckt – da hat die Künstlerin vorher schon kräftig mitgemischt. Jedes Triangel wird von einem Hubmagneten angeschlagen und alle diese 19 Magneten werden von einem Mikroprozessor gesteuert.
Deswegen ist an die Stelle eines herkömmlichen Kompositionsprozesses auch ein Akt der Programmierung getreten, so daß sich ein Auszug aus der ersten und bislang einzigen „Partitur“ für die 19 Triangeln liest wie folgt:

„ digital Write (gelb [index], HIGH). Das heißt: Ein Hubmagnet aus der Gruppe "gelb" bekommt Strom, also wird der Stift in den Hubmagneten eingezogen.

Delay Time = 200; bedeutet: die Dauer der Pause wird auf 200 Millisekunden festgesetzt

Digital Write (gelb [index], LOW); Der Strom wird vom Hubmagneten aus der Gruppe gelb weggenommen, daher flutscht er hervor und schlägt gegen die Triangel“

Hurra, ein Ton!

Die Künstlerin hat mir noch weitere Ausschnitte aus ihrem Programmiercode zu lesen gegeben, aber Sie können sich ja nun in etwa vorstellen, wie viel sie programmieren mußte und entsprechend wie viel ich vorzulesen hätte, um auch nur die Abfolge von drei gleichen Tönen zu beschreiben. Also erspare ich Ihnen diese geistige Verrenkung, zum Zuhören ist das wirklich nicht geeignet – die Informatiker unter Ihnen dürfen sich gerne nachher noch mit der Künstlerin austauschen.

Zu diesen grundlegenden Steuerungsprozessen kommt, daß Tina Tonagel in ihre Komposition auch noch Zufallskomponenten eingebaut hat, so daß bestimmte Töne mal von dieser, mal von einer anderen Triangel gleicher Größe produziert werden, was die Komposition tonlich nicht verändert, wohl aber den Klang im Raum stark beeinflußt. Ohnehin ist der Raumklang eine wesentliche Komponente im musikalischen Geschehen dieser Installation.
Es gibt sogar Stellen, da wandert der Klang einmal komplett im Kreis, das heißt es erklingen 19 Töne von 19 Orten nacheinander und wir stehen mittendrin – Dolby Surround ist nix dagegen!

Der musikalische Gesamtablauf dauert nur zwei Minuten und ein paar Zerquetschte; durch einige Generalpausen, die eben beschriebenen räumlichen Variationen und die Tatsache, daß das Ganze in einer Endlosschleife läuft, verliert man als Zuhörer aber tatsächlich das Gefühl für Anfang und Ende und weiß nie genau, ob und wann man alles gehört hat.
Faszinierend ist dabei natürlich, daß man den Vorgang des Spielens nicht wirklich sieht, man  also doch einen gewissen geisterhaften Eindruck gewinnt, alles geschieht wie von Zauberhand, denn um die Hubmagneten bei der Arbeit zu beobachten, muß man schon ganz genau hingucken.
Damit die überhaupt ihre Präzisionsfunktion erfüllen können, brauchen sie natürlich Gleichstrom, der aus dem Wechselstrom der Steckdose erst transformiert werden muß – das meinte ich eingangs auch mit AC/DC: Wechselstrom/Gleichstrom. Nicht so sehr, daß die Musik hier nach einem AC/DC-Stück klingt (wenn überhaupt, dann sowieso nur nach dem Beginn von Thunderstruck, falls das jemandem was sagt)
Jedenfalls: Wenn die Musik erst mal loslegt und durch den Raum wandert, dann erinnert das vielleicht ein wenig an Glockenspiele (wie es allein in Münsters Stadtgebiet 3 gibt), aber Tina Tonagels Triangel spielen nicht nur silbriger und heller, sondern auch viel schneller. Ähnlich wie bei anderer Musik für mechanische Instrumente, wie  beispielsweise Spieluhren, Walzenklaviere oder Drehorgeln, gibt es Passagen, die von Menschenhand nur schwerlich oder gar nicht spielbar wären.
Dennoch kann die Musik auch an menschengemachte erinnern, z. B. an die der indonesischen Gamelan-Orchester, die ganz am Ende des 19. Jahrhunderts auf den Pariser Weltausstellungen Claude Debussy so schwer beindruckt hatten.
Es gibt auch Stellen von raschen Tonrepetitionen, die klingen wie das Läuten sämtlicher Alarmglocken – was bei mir wiederum Erinnerungen wachruft an das Beatles-Lied mit dem schönsten und längsten Titel überhaupt, nämlich: „Everybody’s got something to hide, except for me and my monkey“ – aber eigentlich tun diese persönlichen Assoziationen hier gar nichts zur Sache.
Tonagels Musik ist völlig inkommensurabel; zu deutsch: sie klingt wie nichts sonst.
Wenn Tina jetzt gleich den Knopf drückt, den Schalter umlegt oder den Stecker einsteckt und ihre Triangeln losklingeln, dann gilt nur noch:
Come on, it’s such a joy,

Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Tina Tonagel
im cuba-cultur-Foyer, Münster, am 31.8.2016




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