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"Tatoy" – eine mechanoakustische Installation

Foyerausstellung von Julian Terbuyken und Coco Turtureanu
Oktober – November 2016










Ausstellungsdauer: 7. Oktober 6. November
 


Einladungskarte Tatoy

keine Sahne 1

kein sahne 2

keine sahne 3

Foyer front

*Tatoy_Film from odoeje on Vimeo.

 

Julian-Terbuyken : Cargo

im Projekt Hör-Spiel, gefördert von: Hoer-Spiel-Muenster

A Smaller Splash
von Stephan Trescher

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde, liebe Gäste!
Heute Abend habe ich das Vergnügen, Euch und Ihnen die beiden jungen Hamburger Künstler Julian Terbuyken und Coco Turtureanu zu präsentieren. - Hurra, ich hab‘s geschafft, beider Nachnamen beinahe fehlerfrei auszusprechen. Müßte ich das häufiger machen, würde ich, glaube ich, ins Englische und Abgekürzte ausweichen und nur noch von „T and T“ sprechen, aber erstens wird das nicht nötig sein und zweitens wäre es auch völlig irreführend, weil es so extrem laute Assoziationen wecken würde, an Sprengstoff oder AC/DC, und hier geht es doch um einiges leiser zu.

Zwei Ts kommen auch im Titel der Ausstellung vor, und da ich schon im Vorfeld festgestellt habe, daß der die meisten Menschen zu einer Reaktion herausfordert, entweder weil sie behaupten zu wissen, was mit diesem Rätselwort „Tatoy“ gemeint sei, oder weil sie spontan in lautes Nachdenken verfallen und doch auf keine schlüssige Antwort kommen – deshalb möchte ich Sie nicht länger auf die Folter spannen und den Schleier des Geheimnisses lüften:
„Tatoy“ ist keine Abkürzung, so wie „TaTü“ für Taschentücher steht, es ist auch nicht die Ergänzung zu „Tata“, also kein halbes Martinshorn, und es ist auch kein Hinweis auf den in dieser Stadt angesiedelten Tatort. Der paneuropäischen Abstammung der Künstler zum Trotz ist es auch kein Sprachgrenzen überwindendes Gemisch aus Französisch und Englisch, „Ta Toy“ heißt also auch nicht „Dein Spielzeug“.
„Tatoy“ ist ein vollkommen sinnfreier Neologismus. Aber er klingt gut. Und ist ein Produkt dieses künstlerischen Familienunternehmens, genauer gesagt von dessen jüngstem Mitglied, denn wer hat’s erfunden? Lunis, der Sohn von Coco und Julian, als er ein Jahr alt war.
Noch jünger sind nur die hiesigen Installationen, denn die sind erst in den letzten Stunden erdacht bzw. vollendet worden, sozusagen on the spot und just in time.

Fangen wir einmal mit dem nächstliegenden, bzw. nächsthängenden an, dem weißen Ding da an der Wand. Es handelt sich hier sozusagen um einen white cube im white cube neben der black box. Okay, er ist nicht wirklich würfelförmig, der Riesenkanister , in dem sonst, was weiß ich, weiße Farbe, destilliertes Wasser, oder um diese Jahreszeit vielleicht Federweißer transportiert wird, aber er gibt jetzt in seinem leeren, gänzlich hohlen Zustand, einen hervorragender Resonanzraum ab für das, was auf seiner Oberseite mechanisch entlangscheuert.
Am besten erfährt man diesen Effekt, wenn man seinen Kopf durch die vorn liegende Öffnung in diesen Plastikraum steckt. So Großkopferte wie ich haben da nicht die geringste Chance, die müssen draußen bleiben, können aber immerhin ihr Ohr an dieses Schalloch legen und dem weißen Rauschen lauschen.
Was wir dann hören, klingt erstaunlicherweise nämlich ganz anders als das Rotieren der schwarzen Kratzbürste am weißen Riesenkubus von außen, es klingt vielleicht ein wenig wie ein Schlagzeuger, der mit den Besen auf der Snaredrum spielt, aber am ehesten klingt es wie, wie….- ja, wie Regen. Ausgerechnet! Aus Hamburg den Regen nach Münster mitzubringen, das ist eigentlich schlimmer als Eulen  nach Athen zu tragen, nicht umsonst sind wir hier als die regenreichste Stadt weit und breit verschrien.

Aber es ist dann doch ein bißchen anders als bei den Eulen: Julian & Cocos Klanginstallationen mögen nach Flüssigem klingen, aber deswegen sind sie noch lange nicht überflüssig.
Apropos Flüssigkeit: Wie heißt es im Westfälischen so schön? Alles in Maßen – und Schnaps aus Eimern. Mit Eimern haben wir es nämlich im vorderen Foyer zu tun.
Von diesem Ort kann ich nur sagen: Es empfiehlt sich, wie hier hinten auch, die Arbeiten in möglichst stiller Umgebung wahrzunehmen, am besten alleine und in vollkommener Ruhe und im Falle der vorderen Installation auch des Abends und von außen  – von wegen die Optik. Aber dazu später.

Also, wo war ich stehengeblieben? Ach ja, bei den Eimern. Sieben davon sind auf dem Fußboden plaziert, schwarz auf weiß und halb mit Wasser gefüllt. Dahinein plumpsen verschiedene kleine Gegenstände, bevorzugt metallischer Art.
Fast ist es wie bei Rilke in seinem melancholischen Herbstgedicht: Alles fällt. Und dann ist erstmal alles im Eimer. Aber es taucht wieder auf in tropfend nasser Auferstehung, sozusagen. Zum Vorschein kommen rostige Haken, Röhrenstückchen und ähnliches – was an den Schnüren hängt, sieht ziemlich genauso aus, wie das, was ein Angler, zöge er es aus dem Wasser, in hohem Bogen zurückschleudern würde. Die beiden machen etwas Ähnliches: Sie holen etwas aus dem Wasser raus und lassen es wieder reinfallen, aber mechanisch und kontinuierlich und nicht aus Enttäuschung, sondern aus Gründen der Klanglichkeit. Denn Plumps ist nicht gleich Plumps bzw. Plitsch nicht Platsch (a platsch too much) und ein jegliches Ding hat nicht nur seine Zeit, sondern auch seinen Klang.
Klatschen, Platschen, Tropfen, Glucksen, Rieseln, Rauschen – das sind die Bestandteile ihrer Wassermusik. Wobei der Begriff „Musik“ hier irreführend ist, handelt es sich doch ausschließlich um eine Akkumulation von Geräuschen. Allerdings sind sie so zart und leise, daß sie nichts zum Lärm der Stadt hinzufügen, sondern eher einen Gegenentwurf dazu bilden.
Gegen die Kakophonie der Großstadt mit ihren unzähligen dröhnenden Autos, klirrenden Scheiben und kreischenden Sägen, stotternden Presslufthämmern, telefoniersüchtigen Passanten und angetrunkenem Partyvolk setzen sie ihre akustischen Wasser-Fälle. Wobei ihre Wasserfallbewegungen (Achtung jetzt kommt der Schlenker ins Kunsthistorische) weniger mit den enorm aufwendigen Installationen eines Olafur Eliasson zu tun haben als mit den quietschenden und eiernden Schrottmaschinen von Jean Tinguely. Oder überhaupt mit einer eher fluxistischen Haltung, die nah am Alltäglichen und Unaufgeregten bleibt, am Flüchtigen und Imperfekten.

Eigentlich sind ihre sogenannten „mechanoakustischen Installationen“ ganz selbstgenügsame Maschinen, obwohl sie natürlich auch einen Effekt erzielen wollen. In diesem Falle z.B. (und da berühren sie sich eben doch mit Eliasson) mit der Erzeugung von simulierten natürlichen Phänomenen.
Denn wenn wir unser Augenmerk mal wieder mehr auf die visuelle als die akustische Ebene richten: Auf dem wunderbar weißen Fußboden aus reinem Marmorbruch, der beinahe so tut, als wolle er ein Zen-Garten sein, und an den Wänden sehen wir wunderhübsche Reflexe, wie auf bewegten Wasseroberflächen von Flüssen, Seen oder Seerosenteichen.
Rosig perlmuttern ist die Farbe der irisierenden Folien, die diesen Effekt erzeugen, die kann man scheußlich und kitschig finden oder auch nur schick und glamourös – in jedem Falle aber sind sie hochgradig künstlich.
Umso erstaunlicher ist es, daß sie in ihrer wellenförmigen Bewegung etwas nicht bloß Natürliches, sondern geradezu Naturhaftes annehmen und, wie gesagt, gerade im Zusammenspiel mit dem Scheinwerferlicht die Qualitäten eines Naturschauspiels besitzen oder doch überzeugend nachahmen.
Das ist ja das Faszinierende an den Arbeiten von Julian & Coco: Stets besitzen sie zwei Ebenen, die optische und die akustische, mit seltsam verschobenen Gewichtungen: Da ist zum einen der altmodische Charme des Selbstgemachten; diese Sperrholzhebelchen, Umlenkrollen und Bindfäden, Haken, Schrauben und kleinen Elektromotoren (also ganz ohne Elektronik und Verstärkung, technischen Schnickschnack und digitalen Firlefanz, hier ist noch alles analog und selbstgeschraubt), sie sind definitiv Low-Tech.
Was eine gewisse Umständlichkeit mit sich bringt bzw. eine natürliche Größe des Apparates (im Gegensatz zur Miniatisierung durch Elektronik). Und zum anderen oder vor allem ist es eben der absichtsvoll große Aufwand mit verhältnismäßig kleiner Wirkung, bzw. ein gezielt erzeugtes Missverhältnis zwischen optischem und akustischem Eindruck.
Damit generieren sie eine ganz besondere Atmosphäre und bei einem aufmerksamen Zuschauer und Zuhörer auch eine erhöhte Aufmerksamkeit für das leise Geräusch und den seltenen Klang. Das mag unspektakulär scheinen, aber es ist etwas sehr besonderes. Denn Terbuyken & Turtureanu erfinden damit wahrhaftig Maschinen zur Erzeugung von Poesie.

Rede zur Eröffnung der Ausstellung TATOY von Julian Terbuyken und Coco Turtureanu im cuba-cultur-Foyer, Münster, am 7.Oktober 2016




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