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ACTION BRONZING
Foyerausstellung: TWIG ART GROUP
(Inga Krüger & Renè Haustein)
Oktober– November– 2015







 




Ausstellungsdauer: 9. Oktober – 8. November 2015


Einladungskarte CRAZY

TWIG-Fensterfront



TWIG im hinteren Foyer

Der Vorhang oder Die Ankündigung für Ich weiß nicht was
von Stephan Trescher

Vorhang auf: Der Redner tritt auf. Und sagt das Übliche:

Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren,
herzlich willkommen zur Ausstellung Action Bronzing von der Twig Art Group.

Die Twig Art Group ist die Kollaboration, das Duo oder Duett von Inga Krüger und René Haustein. Sie selbst beschreiben ihre Strategie wie folgt:

„Bereits durch die Entscheidung des Arbeitens im Kollektiv und das Betrachten der Zusammenarbeit als soziale Form und kulturelle Praxis verschieben sich essentielle Parameter des künstlerischen Schaffens. Die Fragen nach der Alleinautorenschaft
sowie der Abgeschlossenheit des Werks werden ins Wanken gebracht. Der Prozess, die
Entstehung und Entwicklung gewinnt an Bedeutung gegenüber dem abgeschlossenen Werk“

Stimmt. Auch hier haben wir es mit einer Ausstellung zu tun, bei der das Prozessuale im Vordergrund steht (sozusagen an der Rampe, vor dem Vorhang) und man im ersten Moment vielleicht geneigt ist auszurufen. „Wie Sie sehen, sehen Sie nichts.“ Aber das ist nicht ganz richtig.

Was wir hier sehen, ist auf jeden Fall ein Paradebeispiel für den sogenannten Trailer-Effekt.
Und die Nachwehen eines langen Paris-Aufenthalts.
Es geht der Twig Art Group um Phänomene der Wahrnehmung, von sich, den Räumen, den Bildern - und evtl. auch der Kunst.
Sogar, wer hätte das gedacht, um den Impressionismus. Zumindest um die jüngst gemachte Seherfahrung vor Monets Seerosen  in der Orangerie in Paris. Sehrosen mit h und Orangerie wie Orange und Blau?
Jedenfalls um das Eintauchen in die trockenen Farben des Bildes, in ein Meer von Farben - und wie man daraus dann wieder auftaucht, geschockt, geläutert, gereinigt, beim Heraustreten in die mehr oder minder frische Großstadtluft die Welt ganz anders und neu wahrnimmt.
Nun ist die Achtermannstraße nicht gerade die Tuilerien oder die Rue de Rivoli.
Aber trotzdem kann man auch hier eine Wahrnehmungsschulung oder zumindest Aufmerksamkeitsverschiebung erfahren, auf einem höchst reflektierten Meta-Niveau.

Wie ich bereits sagte: Es geht um Wahrnehmung. Realer Räume und virtueller Räume. Und die Frage: Sind virtuelle Räume überhaupt Räume, also etwas Dreidimensionales oder nicht in Wahrheit flach wie die Scheibenwelt, ganz und gar zweidimensional oder, insofern ein Pixel ein Punkt ist und ein Punkt keine Ausdehnung besitzt, nur die Aneinanderreihung von Eindimensionalitäten?

Wie bereits angekündigt, haben wir es hier zugleich mit einem Trailer-Effekt reinsten Wassers zu tun. Das bedeutet: Die Ankündigung von etwas ist das Ereignis selbst, das Versprechen tritt an die Stelle seiner Einlösung. Ein Verfahren, das wir am ehesten aus der Werbung kennen. Man könnte auch sagen: So funktioniert die ganze Reiz-Reflex-Maschine des fortgeschrittenen Kapitalismus.

Um mal ein anschauliches Beispiel zu geben: Auf der Einladungskarte sehen wir eine im Werden begriffene Karte. Nämlich das Bildschirmfenster, das aufgeht, wenn man an seinem Rechner mit dem Programm Indesign zur gestalterischen Tat schreiten möchte. Dieses Motiv ist originalgroß abgebildet und deshalb nur ausschnitthaft auf der Karte zu sehen.
Wir sehen also der Karte beim Entstehen zu - nur dass am Ende gar keine andere Karte entstanden ist.
Wir sehen aber außerdem das Bild eines Bildes, also den Abdruck eines abphotographierten Bildschirms. Daß es eben kein sogenannter screenprint ist, ein Bild von innerhalb der Maschine, kann man am gespiegelten Blitzlicht, an den Fingerabdrücken und am Moirée-Effekt auf dem Grünblau des meerähnlichen Hintergrundes erkennen, an Spiegelungen, die vielleicht Haare sind und an Reflexen, die vom nicht ganz streifenfreien Feuchtreinigen der Bildschirmoberfläche stammen.

Ein Spiegelbild, nicht dieses Bildes, wohl aber jenes Verfahrens finden wir auf dem großen Schaufenster im vorderen Raum, zur Straße hin.
Da steht, auch für den flüchtigen Passanten deutlich zu lesen, in großen Lettern die Ankündigung der Ausstellung, also sozusagen die Rückseite der Einladungskarte, mit Künstler, Titel und Laufzeit.
Und die Ankündigung ist die Ausstellung. Zumindest ein großer Teil derselben. Weil sie beispielsweise das neutrale cuba-Schaufenster in das eines Ladenlokals verwandelt, das in seiner nun etwas reißerischen Beschriftung endlich auch mit der Dönerbude schräg gegenüber mithalten kann.
Hinter der Oberfläche, der Schrift im Fenster, also auf deren Rückseite, liegt eine weitere Oberfläche – und im Idealfall lauert dort eine Botschaft.
Eine, die womöglich ein weiteres Weltwahrnehmungswerkzeug darstellt.

Aber bevor ich Sie sich das aneignen lasse, gilt es noch drei Fragen zu klären.
Was verbirgt sich hinter den unsichtbaren Vorhängen?
Was bedeutet der Titel der Ausstellung?
Und was heißt eigentlich Twig Art Group?

Die unsichtbaren Vorhänge, das sind die, die die Vernissagenbesucher nicht zu Gesicht bekommen, wohl aber die Leute, die das cuba nur als cuba nova, also als Partylocation kennen. Für Tanzzwecke werden hier bekanntermaßen mittels schwerer schwarzer Vorhänge die vorhandenen Räume neu definiert und anders verbunden durch Korridore aus Stoff.
Daß der Ausstellungsraum im Wesentlichen unangetastet bleibt, gilt also auch für dessen Zweitnutzung- aber auch dort soll sich unser Blick darauf ändern.
Deshalb werden die nur zeitweise hier hängenden Vorhänge, die Party-Partition, ins Ausstellungskonzept mit einbezogen: Kunst für die auf der anderen Seite des Gartenzauns sozusagen, art for the party-people. Nur die bekommen die Vorhänge zu sehen und das, was sich auf ihnen abspielen wird.

Wir können einstweilen aber schon einmal die Fragen 2 und 3 zu klären versuchen. Die nach dem Titel, zum Beispiel. Wie der berühmte Kunstredner Stephan Trescher einst frug: „Action Bronzing, ist das mehr eine Strandaktivität oder eher was spektakulär Skulpturales?“
Auf sprachlicher Ebene ist darin beides enthalten. Also die blitzartige Teintverbesserung in etwas glänzend bräunlich Schimmerndes.
Und ein performativer Bronzeguß nach Art der splash pieces von Richard Serra. Action Bronzing könnte sowas sein. Ist es aber nicht wirklich. Als tertium comparationis oder hinkenden Vergleich könnten wir allenfalls eine leckere Oberfläche und einen mehr oder minder performativen Akt ausmachen, der die Ecken des vorhandenen Raumes auslotet.
Was sicher bleibt, ist dagegen die Anspielung auf Action Bronson, einen fettleibigen, bärtigen Rapper aus Queens, der gelernter Koch ist und deshalb Stücke schreibt, die „Bon Appetit...Bitch“ heißen, oder schlicht „Brunch“ und schlechte Reime enthalten wie:
„All I do is eat oysters / and speak six languages in three voices“.

Die Bedeutung des Namens Twig Art Group ist dagegen bislang nicht wirklich zu ermitteln. Aber als ein mögliches Orakel  kann man ja mal die Anagrammmaschine befragen.

(Vorhang)
Der Redner tritt auf der Stelle und redet Unverständliches:

Gag Irrupt Wot
Gag Irrupt Tow
Gag Irrupt Two
Agog Twit Purr
Argot Pug Writ
Groat Pug Writ
Gator Pug Writ
Goat Twig Purr
Toga Twig Purr
Gotta Wig Purr
Gap Grout Writ
Rag Group Twit
Gar Group Twit
Tag Group Writ
Wag Rigor Putt
Wag Grip Trout
Wag Grip Tutor
Wag Prig Trout
Wag Prig Tutor
Wag Gript Tour
Wag Gript Rout
Wag Rotgut Rip
Wag Grout Trip
Wag Got Irrupt
Wag Tog Irrupt
Tapir Grow Gut
Tapir Grow Tug
Trait Grow Pug
Raptor Wig Gut
Raptor Wig Tug
Parrot Wig Gut
Parrot Wig Tug
Arrow Gig Putt
Rap Twig Grout
Rap Wig Rotgut
Par Twig Grout
Par Wig Rotgut
Rapt Wig Grout
Tarp Wig Grout
Part Wig Grout
Trap Wig Grout
Wrapt Gig Tour
Wrap Gig Tutor
Paw Girt Grout
…….
Raider heißt jetzt TWIGs.

Und der Redner tritt ab. – Vorhang auf.

Rede zur Eröffnung der Ausstellung der TWIG ART GROUP- Action Bronzing, im cuba-cultur-Foyer, Münster am 9.10.2015

twig.artgroup@gmx.de




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