Archiv       Projekt: Foyer -Austellungen



cuba curtain

Foyerausstellung von Anja Kemker & Georg Hartung
November – Dezember 2015










Ausstellungsdauer: 20. November – 20. Dezember


Einladungskarte CRAZY

Cuba_Curtain_Bild1

Cuba_Curtaim_Bild2

Cuba_Curtain_Bild3

Cuba_Curtain_Bild5

Cuba_CurtainBild6

Anja Kempker

Georg Hartung

Anja Kemker & Georg Hartung   cuba curtain

Anja Kemker und Georg Hartung präsentieren uns die letzte künstlerische Position der diesjährigen Ausstellungsreihe „Künstlerpaare“ im Cuba Foyer. Beide arbeiten gemeinsam im Atelier- und Ausstellungshaus Fresnostraße in Münster.
Als ich mit beiden Künstlern über die, für diesen Raum neu konzipierten und realisierten Arbeiten ins Gespräch gekommen bin, stellte sich die Frage nach dem Raumbezug und dem gewählten Material.
Dieser Ausstellungsort ist nicht unkompliziert, da er vielfältige und sehr verschiedene Nutzungsbereiche zusammenbringen muss: Tagsüber die Kunst angemessen repräsentieren und am Abend die Veranstaltungsgäste – sei es für die Poetrylesungen, Konzerte oder Discoabende – vom Eingangsbereich in die dahinter liegenden Räume zu geleiten; ohne, dass die ausgestellten Werke einen Schaden nehmen.
Dies gelingt nur mittels schwerer, schwarzer Vorhänge, die den Raum durchteilen und den Besuchern den Blick auf die Kunst verweigern.

Curtain, englisch = Vorhang, Gardine.
Das Material hat die Künstler gefunden, wie sie sagen, und es ist eine Weiterentwicklung der Arbeiten aus den letzten beiden Jahren.
Im Jahr 2013 haben Anja Kemker und Georg Hartung ihren Atelierraum und alles, was darin an den Wänden hing – Bilderrahmen, Wanduhren, Geweihe… - mit Rauhfasertapete überklebt und somit einen neuen, fast unbegrenzten Raum im Raum geschaffen; weiß in weiß.
Im letzten Jahr ist eine, den Raum teilende Gardine hinzu gekommen. Hinter dieser Gardine haben dreitausend Fliegen ihr kurzes, summendes Leben verbracht. Schön und schaurig zugleich.
Hier im Cuba Foyer ist die Arbeit mit dem Material wieder einmal mehr auf die Spitze getrieben; mit den sich daraus ergebenden Konnotationen, Anspielungen und Querverweisen.

Wenn Sie ‚Gardine‘ bei Wikipedia eingeben, erscheint ein achtseitiger Artikel über Fensterdekorationen; in Klammern: Im Volksmund häufig als Gardine oder Vorhang bezeichnet.
Fensterdekorationen sind Stoffe, die von innen am Fenster angebracht werden. Weiter kann man lesen:
Die Fensterdekoration ist ein innenarchitektonisches Gestaltungsmittel und beeinflusst das Raumgefühl sehr stark. Sie können die Fenster teilweise oder ganz bedecken, wodurch sie unerwünschte Einblicke von außen erschweren. Auf der Innenseite sollen vorgezogene Gardinen außerdem das Eindringen von Licht, Staub und Lärm verhindern. Sehr dicht gewobene Gardinen können auch Schutz vor Zugluft bieten. Viele Funktionen teilen sich Fensterdekorationen mit Sonnenschutzanlagen.

Gardinen haben neben schützenden Aufgaben auch die Funktion, Innen- und Außenräume zu scheiden; das Private vom Öffentlichen zu trennen.
Von innen schöne und zweckmäßige Dekoration, von außen Sichtschutz.
Schlägt man im Herkunftswörterbuch nach, liest man noch: Gardine, „Fenstervorhang“. Das Wort ist seit dem 16. Jahrhundert bezeugt und bezeichnet ursprünglich, bis ins 19. Jahrhundert, den „Bettvorhang“. Das zeigt noch die im 18. Jahrhundert aufkommende Zusammensetzung ‚Gardinenpredigt‘, die im ursprünglichen Sinn wörtlich zu verstehen ist als nächtliche Strafrede, mit der die Ehefrau den betrunkenen, vom Wirtshaus heimkehrenden Mann hinter dem „Bettvorhang“ empfing. Daher kommt die Redensart: „Jemand eine Gardinenpredigt halten.“ Als weitere Redensart kennen wir noch: „Hinter schwedischen Gardinen sitzen.“ Diese Gardinen bieten wenig Sicht- und Sonnenschutz, sind allerdings auch wesentlich schwieriger bei Seite zu schieben.

In der Ausstellung sehen wir Fotos, aufgenommen aus dem Inneren leer stehender Häuser. Die Fensterrahmen und Fensterflügel lassen bei flüchtiger Betrachtung fast ein schwarz/weiß Foto im Kopf entstehen. Doch der Blick geht durch die Gardinen hinaus auf farbige Wiesen, Felder, Bäume, Nachbargrundstücke mit Bebauung.
Die Fotos wurden von Anja Kemker in einem fast entvölkerten Dorf in Mecklenburg-Vorpommern mit dem IPad aufgenommen.
Im Schaufenster hier hängen Gardinen in verschiedenen Ausführungen, Längen, Breiten, mit und ohne Motiv – so dicht hintereinander, dass sie die Zartheit der einzelnen Gardine nicht negieren, aber in der Masse zu einem undurchsichtigen Vorhang werden.
Die Wandprojektion im hinteren Raum ist die Darbietung einer Gardine mit Wassermühlenmotiv; scheinbar romantische Idylle. Durch die Projektion wird die Struktur der weißen Gardine zu schwarzen Computerpixeln auf der Wand. Es entsteht ein Zerrbild, ein zweites Bild. Durch das Licht wird das, was weiß war schwarz. Die Bilder fallen entzwei, sie fallen auseinander. Der Begriff „Heim“ verschwindet hinter dem Abbild davon. Innen und Außen. Innenansicht – Außenansicht. Dazugehören – ausgeschlossen sein.

Jetzt noch das Zelt:
Zelte haben Konjunktur in diesen Tagen; aber nicht jene, die wie dieses hier aus Gardinenstoff sind. Dieses Zelt bietet keinen Schutz. Es ist eine fragile Konstruktion, getragen von dünnen Bambusstäben, die Gardine wird vom darin liegenden Teppich mit Papierklammern gehalten. Die Orientoptik des Wohnaccessoires besteht aus 100% Polyester und wurde von keiner menschlichen Hand hergestellt.
Dieses Zelt bietet keinen Schutz – es bedarf selber des Schutzes durch diesen Raum. Nichts, was sich darin abspielen könnte, bliebe uns verborgen. Werder Schönes noch Schreckliches. Wir stehen außen; aber innen und außen sind nur noch scheinbar getrennt. Das Private ist längst öffentlich geworden. Der Blick auf den Teppich ist durch nichts verstellt. Vielleicht gibt es etwas, was unter den Teppich gekehrt werden muss. ZELTE HABEN KONJUNKTUR, HOCHKONJUNKTUR.

Ich habe mich selten so unbehaust und schutzlos gefühlt wie beim Betrachten und Aufnehmen der Arbeiten in dieser Ausstellung von Anja Kemker und Georg Hartung.

Man kann seine Gardinen verschließen, die Sinne nicht!

Anke Gollub zur Eröffnung der Ausstellung „cuba curtain" von Anja Kempker und Georg Hartung.am 20. November 2015 im cuba-cultur-Foyer, Münster

 




Archiv       Projekt: Foyer-Ausstellungen