Archiv       Projekt: Foyer -Austellungen



Flamingo Road
von Betina Dettmer & Willi Kramer
August – Oktober – 2015









Ausstellungsdauer: 28. August – 4. Oktober 2015


Einladungskarte CRAZY





Betina Dettmer

Willi Kramer

Eröffnungsrede von Andreas Weber

Liebes Publikum, ich begrüße Sie/ euch zu der Ausstellungseröffnung „Flamingo Road“ von Bettina Dettmer und Willi Kramer.

Bitte schön: Ein Ausstellungstitel wie eine Seifenoper. Geht es hier also wie in der gleichnamigen Daily Soap aus den Achtzigern um Macht, Intrige, Sex? Um die ganz großen Gefühle? Ich glaube nicht.

Gestern stand ich mit zwei Künstlern, die Ende des Jahres hier im cuba ausstellen vor dem großen Foyerfenster auf der Straße, es regnete, wir rauchten und beobachtete Willi und Bettina, wie sie letzte Vorbereitungen für die Eröffnung heute trafen, umstellten und ihre kinetischen Arbeiten testeten. „Das ist wirklich einer der schwierigsten Ausstellungsräume, die ich kenne“, sagte plötzlich einer der beiden Künstler und man sah förmlich, wie er versuchte den Raum ästhetisch in den Griff zu bekommen, wie es ratterte, wie er nach Lösungen suchte. Es ist ja noch Zeit. Mal schauen wie die anderen hier zurecht kommen, schien er zu denken.

Ich dachte: Zurecht kommen mit dem cuba – Foyer? Nicht leicht.

Aber bitte schön. Das cuba Foyer, der Ausstellungsraum:

Kaum eine gerade Wand, überall Türen, Säulen, der hintere Foyerbereich mit dem Charme einer Zahnarztpraxis, wie ein Schreiberling der Westfälischen Nachrichten mal sagte. Die eine Tür grün gestrichen, eine andere rot, die Türen zu der Kneipe weiß, eine schwere Metalltür zur Black Box schwarz. Hier ein schmaler,wenig beleuchteter Gang, der zu den Toiletten führt, eine Treppe runter zur Musikwerkstatt und den Proberäumen, ein Aufzug hoch zur Sozialberatung oder wer es entspannter möchte, zum Yoga oder Tai Chi. Im Keller wird getrommelt, im ersten Stock der Alltag geregelt, unterem Dach darf man ausspannen, atmen, zur Ruhe kommen.

Und hier im Erdgeschoss? Tanzen. Hier wird getanzt, gespielt, getrunken, gefeiert, wenn man nicht gerade auf dem Weg in ein anderes Stockwerk ist. „Ich sag es ja, einer der schwierigsten Ausstellungsräume, die ich kenne“, flüsterte der Herr Künstler erneut und seine Begleiterin, die mit ihm ausstellen wird, konnte nur zustimmen. „Wir sollten uns frühzeitig zusammensetzen“, sagte sie.

Bitte schön. Das cuba Foyer, Die spannende Aufgabe seit fast zwanzig Jahren heißt: Schaffen Sie eine raumbezogene, temporäre Installation. Sehen Sie die schwierige Situation als Herausforderung an, probieren sie sich aus, experimentieren Sie.

Willi Kramer und Bettina Dettmer haben die Herausforderung angenommen, sich frühzeitig zusammengesetzt. Seit zwei Wochen sieht man sie jeden Tag über den Ort nachdenken, mit ihm reden, ihm antworten. Da ist nicht nur die schwierige Architektur, die hier in den letzten fünfundzwanzig Jahren gewachsen ist, da sind auch die Menschen, die den Ort täglich mit Leben füllen, ihn verändern. Montags Trommelgruppen, Dienstags Salsa Tänzer, Mittwoch Chorgruppen, dazwischen Publikum, das in die Beratungsstellen möchte und wenig Sinn für Kunst hat, weil es bei ihnen um das Eingemachte geht. Am Wochenende das Partyvolk, das in dem Club Cuba Nova stürmt, hier feiert, tanzt und den Partner fürs Leben sucht oder eine temporäre Beziehung für eine Nacht. Für sie werden Vorhänge durch das Foyer gespannt, neue Eingänge geöffnet, so dass jede Lösung wieder über den Haufen geworfen werden muss. Der Raum wandelt sich. Jeden Tag ein neuer Ort, neue Herausforderungen. Der Raum eine Daily Soap. Bitte schön.

Und gegenüber, auf der anderen Straßenseite ein Mietshaus und eine Frauenstimme, die den ganzen Tag aus dem Fenster brüllt. Man sieht sie selten, man hört sie immer. Sie beleidigt Passanten, Besucher, Publikum. Auch Willi und Bettina müssen diese Frau mitbekommen haben.

Die beiden Münsteraner Künstler antworten auf Frau, Piublikum und Ort mit Schallplattenspieler, Schraubzwingen und Schirmen. Rosa Sonnenschirme drehen sich wie Flamingos auf Schallplattenspieler, schwingen Weihnachtskugeln und kleine Bälle, die gegen das Fenster schlagen und der Frau von gegenüber antworten. Aus einem alten Kassenrekorder hört man die Musik des „Buona Vista Social Clubs“, zu welcher die Salsa Truppen sich bewegen können, Ventilatoren und Haarföne (in der Videoinstallation) lassen Kleiderbügel und Papiertüten wie das Partyvolk tanzen. In den Pausen gönnt man sich ein Getränk, so manches Glas geht in dem Trubel zu Bruch, eines liegt noch vor der großen Scheibe, die Tanzschuhe werden ausgezogen, zur Seite gestellt, während man sich einen Cocktail gönnt.

Willi Kramer und Bettina Dettmer antworten. Sie antworten so offen wie möglich. In ihrer Arbeit wird nichts versteckt, verborgen. Kabel und Schnüre werden durch den Raum gezogen, die Kräfte, die am Werk sind, werden gezeigt. Es wird nicht geklebt, geschraubt, hinter Wänden verlegt, sondern mit Schraubzwingen gearbeitet, die die Objekte zusammen halten, den temporären Charakter der kinetischen Arbeiten zeigen.

Was auf dem ersten Blick chaotisch wirkt, wie die Arbeit von zwei Messies, die ihre wahllosen Sammlungen ins cuba tragen, wird auf dem zweiten Blick zur Antwort auf das Gegebene. So wird jedes Objekt zu einer leisen Stimme, die auf die Menschen und den Ort reagiert. Und es sind die gleichen Objekte, die auch schon in anderen Ausstellungen der Künstler auftauchten, dort andere Antworten gaben.

Flamingo Road. Die Ausstellung scheint tatsächlich wenig Bezug zu der Seifenoper mit gleichen Titel zu haben. Auch wenn in Seifenopern die Kräfte und Intrigen genauso offen liegen wie in der Installation der Beiden, ist der Bezug wohl wirklich weit hergeholt. Auch wenn das tägliche Tohuwabohu im cuba Ähnlichkeiten mit einer Seifenoper hat, ist der Bezug wohl wirklich weit hergeholt. Auch wenn die Ausstellung ungefähr genauso lange existieren wird wie die Serie Flamingo Road, die nach einem Sommer abgesetzt wurde, ist der Bezug wohl wirklich weit hergeholt.

Aber bitte schön. Es ist gut sich Fragen zu stellen und seine eigenen Bezüge zu schaffen, auch wenn sie manchmal weit hergeholt sind.

Zu guter Letzt kann man auch einfach einen der beiden Künstler fragen, was sie uns sagen wollen,welche Bezüge es gibt. Wie zum Beispiel bei den alten Socken, die über die Deckenleuchten gestülpt wurden und auf die ich keine Antwort habe.

cuba-cultur-Foyer, am 28. 8. 2015





Archiv       Projekt: Foyer-Ausstellungen