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Wiederholung  

Foyerausstellung von Wiebke Bartsch
März –  April – 2014







 

 

 

 





Ausstellungsdauer: 14. März – 20. April 2014


Einladungskarte CRAZY






Wiebke Bartscg Crazy-Foto-terVeen

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Wiebke Bartsch

CRAZY

von Andreas Weber


Sehr geehrte Damen und Herren, willkommen zur Ausstellungseröffnung „crazy“ von Wiebke Bartsch. Willkommen in unserem Kulturzentrum und willkommen vor unserem Club Cuba Nova. Nach der Ausstellungseröffnung können sie gerne noch ins Cuba Nova gehen und an der Theke ein Kaltgetränk zu sich nehmen. Die Bar hat bis circa fünf – sechs Uhr geöffnet. Da wird heute Nacht getanzt, gefeiert und so manche einsame Seele, wird einen neuen Partner finden oder ein kurzzeitiges, prickelndes Abenteuer eingehen. Harren sie einfach an der Theke aus. Hier lässt sich die große Liebe finden und so mancher von ihnen sucht sie doch, die große Liebe. Meine Damen und Herren, das sehe ich doch  So mancher hat sie vielleicht auch schon mal gefunden und wieder verloren. Einige glauben vielleicht, dass sie die große Liebe „sicher“ besitzen. Wenn sie sich da mal nicht täuschen. Wie auch immer ...

Aber kommen wir wieder oder das erste Mal zu der Kunst und zu Wiebke Bartsch. Wiebke Bartsch hat einen grotesken Raum geschaffen. Ich, der Passant, der Gast des CUBA NOVAs, der Reisende auf dem Weg zum Bahnhof, kann von der Straße durch die Glasscheibe hineinschauen und dann spricht der Raum mit mir, erzählt er mir was. Ein Mann sitzt auf einem Barhocker. Er sieht ziemlich derangiert aus, das letzte Kaltgetränk war vielleicht doch eines zu viel. Um ihn herum duzende Zungen von Frauen und Männern, die noch hoffen, etwas abzukriegen. „Reste ficken“ nennt man das wohl. Es stinkt nach Schweiß, Alkohol, menschlichen Ausdünstungen. Früher roch es nach Zigaretten, da waren noch nicht so viele Fliegen in den Läden. Jetzt riecht es nach Ausdünstungen, das zieht die Schmeißfliegen an.

Es ist spät geworden. Draußen dämmert es schon, keiner sitzt mehr gerade aus seinem Hocker, jeder sollte sehen, dass er so schnell wie möglich Land gewinnt. Wer einen Menschen hat, einen Partner, eine Partnerin, eben die große Liebe, ist schon längst weg. Schon seit Stunden sind hier nur noch einsame Herzen unterwegs. Diese Geschichte erzählt mir der Raum von Wiebke Bartsch, diese Geschichte sehe ich. Ich denke, so mancher sieht noch anderes und weiteres, aber viele hören und sehen ebenfalls diese Geschichte.
Nun ja: Um noch einmal Werbung für unseren Club zu machen. Im Cuba Nova heißt die Party heute Wilde Hilde. Hier gibt es was für jeden Geschmack, von jung bis alt hottet man zu fröhlichen Beats. Schnäpse werden spendiert, DJ und Barkeeper geben alles, damit sie sich wohlfühlen, meine Damen und Herren. Gehen sie doch nach der Eröffnung dort mal vorbei, trinken sie sich ein wenig Mut an und dann finden sie vielleicht heute die große Liebe, wenn Sie sie noch nicht gefunden haben und sie diese erneut finden wollen. Davon träumen wir doch alle, die große Liebe.

In den Presseankündigen zu Wiebke Bartsch steht meistens Textilkünstlerin. Weil sie oft mit Stoffen arbeitet, sie groteske Puppen, Zungen, Brüste, Mischwesen näht. Alptraumhafte Wesen platziert sie in ein teilweise düsteres Szenario und erzählt mit ihren Installationen Geschichten. Es sind die großen Dramen, über die sie erzählt, nachdenkt. Die menschlichen Tragödien, die wir alle kennen. Es geht um Liebe, Einsamkeit, Schmerz, Verlust, Eifersucht, Krankheit in ihren Arbeiten. Erraten sie selber, was hier das Thema ist: Ein Barhocker, ein Mann im Schlüpfer, schwerer roter Samtstoff, Schmeißfliegen. Ich denke, ich habe es schon vorweggenommen.

Liebes Publikum, um noch einmal abzuschweifen. Natürlich muss der Abend nach dem Cuba Nova, nach der Wilden Hilde noch nicht zu Ende sein. Atelier oder Mocambo Bar, Berliner Bär oder Moulin Rouge haben noch bis in die frühen Morgenstunden geöffnet. Hier kann der Übriggebliebene weiterschauen, ob er nicht doch noch was abkriegt. Die wenigen Gestalten an der Bar haben alle das gleiche Ziel. Sechs Uhr morgens. Die Tür der Mocambo Bar geht auf, eine vielleicht nicht schöne, aber immerhin eine Frau betritt die Bar. Alle starren sie an, überlegen, dass das jetzt vielleicht nicht die große Liebe wird, aber wenigstens nicht alleine nach Hause, nicht schon wieder alleine nach Hause.

Crazy heißt die Ausstellung von Wiebke Bartsch. Crazy heißt ein Song von Willie Nelson(, den sie im Hintergrund hören). Ein wunderbares Liebeslied. Ein Song, in dem Nelson darüber nachdenkt, wie blöd es doch war, zu glauben, dass seine große Liebe bei ihm bleibt. Dass seine Liebe zu ihr ausreichen würde, sie zu halten. Hat nicht geklappt, seine große Liebe hat einen Neuen, er ist wieder alleine. Es wird wieder Zeit sich erneut auf die Suche nach der großen Liebe zu machen. Nachts auf Barhockern zu sitzen, zu trinken, zu gaffen, zu hoffen, dass die große Liebe durch die Kneipentür schreitet.

Verlassen wir die große Liebe. Das Thema nicht den Menschen. Noch ein paar Worte zu Wiebke Bartsch und dem Material, mit dem sie arbeitet. Textilkünstlerin steht dort oft. Das passt sehr gut, weil unsere diesjährige Ausstellungsreihe das Leitmotiv „Kunst und Textil“ hat. Mit Wiebke Bartsch beginnen wir diese Reihe. Die Künstlerin arbeitet mit Stoffen. Mit Textilien. Warum hab ich mich gefragt? Darum, ist die einzig richtige Antwort darauf. Es ist eine dumme Frage. Aber vielleicht sollte man dennoch sagen, dass Stoffe, Textilien mit Erinnerungen aufgeladen sind. So wie Gerüche. Sie kennen das? Sie laufen irgendwo her und dann riechen sie etwas, was sie erinnert, an einen bestimmten Tag, eine Stunde, eine gute oder sehr hässliche Situation. Stoffe können das auch. Auch das kennen sie vielleicht. Die alte Tischdecke, die ihre Urgroßtante immer Sonntags drauf hatte und dann kam die Stachelbeertorte und der Kaffee und für sie einen Kakao und es roch dazu noch nach Blumenkohl, weil es bei der Urgroßtante immer nach Blumenkohl roch und Reval, das war die Marke von ihrem Mann, also dem Urgroßonkel. Heute sehen sie diesen Alten Stoff und riechen sogleich den Blumenkohl und die Reval vom Urgroßonkel. Das sind Stoffe: Erinnerungsträger.

Und das waren meine Gedanken zu dem Bartschen Universum, den Stoffen und der Großen Liebe. Ich denke, da gibt es noch viele andere Gedanken und Thesen zu der Kunst, den Textilien und der Einsamkeit. Unsere Kuratorin ist vor Ort, die Künstlerin ist auch da. Nutzen sie die Situation, um sie auszufragen. Ansonsten nehmen sie sich ein Glas Wein und passen sie auf sich auf. Sie sehen, es ist nicht schön der Letzte auf dem Barhocker zu sein.

Zur Eröffnung der Ausstellung "CRAZY" Wiebke Bartsch, cuba-cultur-Foyer, am 14. 3. 2014




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