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Grau in Grau

Foyerausstellung von Kirsten und Peter Kaiser
November – Dezember 2014










Ausstellungsdauer: 14. November – 21. Dezember 2014


Einladungskarte CRAZY



Foyer-Frint

Erste Hilfe

Letzte Hemden


Kirsten Kaiser

Grau in Grau

von Anke Gollub

 

Als Andreas Weber und ich vor mehr als einem Jahr diese Ausstellungsreihe konzipiert haben, war unsere Überlegung, einen Zusammenhang zu schaffen. Wir wollten Künstler vorstellen, die sich inhaltlich oder in der Auseinandersetzung mit einem ähnlichen Material ergänzen, kontrastieren, verschränken… Wir haben uns für das Material entschieden.
„STOFF“ in der Bedeutung von „Gewebe“, „Tuch“. Konnotationen wie: „der Stoff, aus dem die Träume sind“, oder „Stoff, als einen Gegenstand der Wissenschaft: betrachtet und untersucht“, oder in der allgemeinsten Bedeutung: „als ein näher zu bezeichnendes Material“ schwingen dabei mit.
Wir alle erinnern uns noch an den ein oder anderen „Schulstoff“ – und diese Assoziation ruft bei vielen sicherlich nicht nur positive Gedanken hervor.

Heute sehen wir verschiedene Arbeiten, die aus einem bestimmten Stoff sind: hauptsächlich Packdecken und Malermatten. Decken, in die man z.B. kleine Möbelstücke beim Umzug verpacken kann. Dieser Stoff ist sehr robust, er soll schützen und das zu Transportierende gut, ohne Kratzer, Dellen und Schrammen ankommen lassen.
Daraus haben Kirsten und Peter Kaiser 500 Kleider geschnitten und genäht, ungefähr 100 sind hier ausgestellt, die fast wie Uniformen wirken: sie sind farblich wenig voneinander zu unterscheiden und auch der Schnitt weist wenig Variationen auf. Sie stehen wie Teile einer Rüstung starr im Raum, sind ohne Träger, ohne Inhalt. Dennoch sind es alles Unikate – es gibt kein einheitliches Schnittmuster.

Wir finden diese uniformen Unikate auch in Objektrahmen an der Wand hängend. Darauf ein unterbrochener Mittelstreifen, Fahrbahnmarkierung, die anzeigt: hier darf überholt werden. Auch diese Hüllen haben keinen Inhalt, sie bleiben leer und hohl.
Die Fotos im digitalen Bilderrahmen dokumentieren eine Autofahrt von Venedig nach Münster. Autos auf der Autobahn, Raststätten, links und rechts wechselnde Landschaften. Die Fortbewegung ist stillgestellt, Menschen sind scheinbar nicht anwesend. Es wirkt seltsam lahmgelegt, als wäre das Fortbewegen, das Fortkommen, das Überholen und überholt werden eine sinnlose Aneinanderreihung nutzloser Tätigkeiten.

Zwischen beiden Arbeiten steht der riesige Stöpsel, bekleidet, oder besser: eingekleidet in Packdecke. Wo ein Stöpsel ist, da gibt es Wasser, oder zumindest ein Waschbecken – auch wenn die Wasserleitung vielleicht defekt ist.

Wasser. Wasser hatte Münster in diesem Jahr viel, zu viel – wenn es uns heute Abend erwischt: wir haben die Säcke aus Malerflies, ausgestopft mit Zeitungspapier; wie nasse Schule, die getrocknet werden müssen. Versehen mit dem Erste Hilfe Kreuz.

Erste Hilfe haben die Kaisers auch der Eiswerbung geleistet. Im neuen Kleid hängt sie jetzt als Bombe, als Eisbombe hier von der Decke.
Selbst ein Hochwasseropfer, beschädigt, ausgedient und ausrangiert, zum Sperrmüll an die Straße gestellt.
Der Weg von einem einst bunten Werbeversprechen in die Bedeutungslosigkeit – ein trister Lebensabend: eben „GRAU IN GRAU“, wurde gerettet, umgedeutet und mit potentieller Sprengkraft versehen.

Als „Grau“ wird ein Farbreiz bezeichnet, der dunkler als Weiß und heller als Schwarz ist. „Grau“ erzeugt keinen bunten, keinen farbigen Eindruck – es ist eine unbunte Farbe. So wie der November als der „grauste aller Monate“ bezeichnet wird. Der Alltag, oft arm an Höhepunkten – eben „GRAU IN GRAU“.
Auch die Vorstellung von hohem Lebensalter und von längst Vergangenem – die grauen Haare und die graue Vorzeit, einmal so bewertet, sind und bleiben grau.

Aber auch der Beginn eines neuen Tages, „das Morgengrauen“ ist anwesend. Wenn es „graut“, wird ein neuer Tag und damit Licht. So großartig kann „GRAU“ sein.

Ich habe „Grau“ im Herkunftswörterbuch nachgeschlagen und wie zur Bestätigung erfahren, dass sich das Farbadjektiv aus der indogermanischen Wurzel „gher“ gebildet hat, was die Bedeutungen: „schimmernd, strahlend, glänzend“ trägt.

Die Ausstellung von Kirsten und Peter Kaiser eröffnet „graue Welten“ in vielen bunten Schattierungen. Ich wünsche Ihnen und uns einen anregenden und keinesfalls alltäglichen Abend!

Zur Eröffnung der Ausstellung "Grau in Grau" von von Kirsten und Peter Kaiser, cuba-cultur-Foyer, am 14 11. 2014

 

 

Fotos: Gerd ter Veen




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