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Stoffwechsel

Foyerausstellung von Josephine Bonnet
September – November – 2014










Ausstellungsdauer: 26. September – 2. November 2014


Einladungskarte CRAZY





Gero

Wiebke Bartscg-CRAZY-Foto-terVeen

Josephine Bonnet

Stoffwechsel

von Andreas Weber

Meine Damen und Herren, auch ich begrüße Sie zu der Ausstellung der Künstlerin Josephine Bonnet hier im cuba. Ich freue mich, dass Anke Gollub, die Kuratorin der Reihe im cuba, Josephine Bonnet, die in Karlsruhe Bildhauerei studiert hat, für eine Ausstellung gewinnen konnte. Ich freue mich, hier zu sein, ich freue mich, freue mich, freue mich, dass sie hier sind, um mit Ihnen über die Ausstellung zu reden, später ein Glas zu trinken, einen guten Abend zu haben. Jetzt freue ich mich.

Heute Morgen? Heute Morgen freute ich mich nicht darauf.

Kennen Sie das?
Sie wachen auf, acht Stunden Schlaf, das sollte reichen. Am Vorabend waren sie vielleicht auf ein Glas Wein draußen, aber eigentlich haben sie nicht wild gefeiert. Ganz im Gegenteil. Und trotzdem wachen sie auf und sind immer noch müde, abgeschlafft, träge. Sie möchten sich die Decke über den Kopf ziehen, liegen bleiben.

Kennen Sie das?

Natürlich bleiben sie nicht liegen. Es ist ein Freitag, sie haben den Kalender voller Termine, müssen zur Arbeit, sind schon spät dran. Also Kaffee, Kippen, kacken und aus dem Haus, müde zur Arbeit, mit schlechter Laune durch den Tag.

Kennen Sie das?

Und dann irgendwann setzen sie sich hin und essen erst einmal eine Kleinigkeit, machen danach einen Spaziergang und lassen es sich gut gehen. Und plötzlich hebt sich auch ihre Stimmung, die Müdigkeit ist verschwunden, und der Rest des Tages wird doch noch sehr schön.

Kennen sie das?

Was ihnen fehlte, ist vielleicht nur etwas Energie. Ein bisschen Ruhe und dabei ein gutes Frühstück.
Den Stoffwechsel anregen.
Den Stoffwechsel. Ahaha. Wir nähern uns dem Thema, der Ausstellung.
Als ich gestern das erste Mal durch die Räume des cuba-Foyers ging und mir die Arbeiten der Künstlerin anschaute, dachte ich an U–Bahn Karten, Leitsystem, die Straßenkarte der hässlichsten Großstadt Deutschlands: Mannheim. Aber vielleicht auch Blutbahnen, Synapsen und Nervensysteme – Leitsysteme für Enzyme, Hormone – daran dachte ich, als ich die Arbeiten sah. Konkret sah ich: Fäden, Bänder. Stoffbahnen, die lineare Muster bilden, Knotenpunkte haben, Stoffe, die wechseln, Stoffwechsel und Kinderkleidung. Kinderkleidung? Dazu später.

Erst einmal zum Stoffwechsel! Muss wichtig sein, die Ausstellung heißt Stoffwechsel. In einem Online Lexikon lese ich: „Als Stoffwechsel wird die Gesamtheit aller biochemischen Prozesse in den Zellen des menschlichen Körpers bezeichnet. Nahrung wird in ihre Bestandteile zerlegt, umgebaut und zu neuen Stoffen zusammengesetzt. Diese Vorgänge dienen der Erhaltung des Organismus sowie der Energiegewinnung. Die Stoffwechselprozesse werden im Wesentlichen durch das Hormon- und Nervensystem gesteuert.“

Da sind sie also meine Nervenbahnen, Leitsysteme.

Ich sehe: bunte Stoffbahnen. Am Morgen treffe ich mich mit der Künstlerin. Sie erzählt, dass sie eigentlich abstrakt arbeitet. Ohne viele Vorgaben. Rahmen, Grundierung, Größe werden festgelegt und danach entscheidet sich alles im Prozess. Die Künstlerin erzählt, dass sie die Rahmen umwickelt, sie arbeitet, sie lässt Energie raus.

Nachmittags bin ich wieder zu Hause, denke an das Gespräch und überlege, wo die Energie bleibt, die Josephine Bonnet rauslässt. Die muss doch irgendwo hin, diese Energie. Energie verschwindet nicht, dass habe ich in der Schule gelernt, dass Energie nicht verschwindet.
Und ich denke, die Bilder fressen die Energie und wandeln sie um, transformieren die Energie in ästhetische, abstrakte Formen.

So sehe ich das. Ich kann dort kein Pferd, Berg, keine Vase oder ein Gesicht erkennen. Die Bilder sind abstrakt. Ich erinnere mich: In unsere Gespräch erwähnte die Künstlerin, dass sie jetzt seit vielen Jahren abstrakt arbeitet.

Da war noch was. Die Kinderkleidung. Sie ist nicht abstrakt. Sie ist konkret mit Erinnerungen behaftet, sticht aus der Installation heraus.

Vor ein paar Monaten hatten wir hier im cuba eine Ausstellung von Wiebke Bartsch. Auch sie arbeitete in ihrer Installation mit alten Kleiderstücken. Auch sie erzählte mir davon, dass sie die Kleiderstücke nicht wegschmeißen konnte, dass sie mit Erinnerungen behaftet sind. Kleider tragen Erinnerungen. Josephine Bonnet erzählte mir Ähnliches. Hier wird die Ausstellung persönlich.

Josephine Bonnet arbeitet prozesshaft, das Ergebnis ist nicht definiert, sie umwickelt, tackert, klebt, umgarnt. Doch zwischenzeitlich sind dort diese Kleiderstücke, die alte Erinnerungen hervorholen. An dieser Stelle verlässt für mich die Künstlerin das Abstrakte, kehrt zurück zum Konkreten, sehr leise und sehr privat.
Hier ende ich und bitte sie, nehmen sie sich ein Getränk, regen sie ihren Stoffwechsel an, vergessen sie das Gehörte und machen sie sich selber Gedanken. Werden sie konkret.

Zur Eröffnung der Ausstellung "Stoffwechsel" von Josephine Bonnet, cuba-cultur-Foyer, am 26 9. 2014




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