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FASTLOS

Foyerausstellung von Stefan Wiesnau
April – Mai 2013



















Ausstellungsdauer: 19. April – 26. Mai













www.Stefan Wiesnau

Artificial Superficial Deadpan

von Stephan Trescher

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Der Titel der Ausstellung fastlos von Stefan Wiesnau gibt uns Rätsel auf. Und das ist auch gut so. Denn so sind wir vorbereitet [...] auf seine Werke, die nicht minder rätselhaft sind, auch wenn sie sich mit scheinbarer Eindeutigkeit tarnen. Nehmen wir zum Beispiel die Einladungskarte, die in ihrer Schlichtheit und Eleganz kaum zu überbieten ist: Schwarz auf weiß ist dort formatfüllend ein Rechteck mit abgerundeten Ecken zu sehen. Aha. Ein bißchen wenig, mag sich mancher Zeitgenosse da denken.

„Stimmt gar nicht“ werde ich ihm antworten, denn man kann es noch viel weiter reduzieren, wenn nämlich das Schwarz fehlt und stattdessen bloß durchsichtiger Glanz auf weißer Wand übrigbleibt, in eben jenen Umrissen. Seltsamerweise verschiebt sich dadurch diese scheinbar vollkommen abstrakte Form viel weiter in Richtung ihres gegenständlichen Ursprungs – und der heißt „Handyschutzfolie“. Genauer gesagt: „Smartphone-Schutzfolie“, denn nur diese allgegenwärtigen Elektronikspielzeuge und Konsumfetische erster Ordnung besitzen in leicht sich verändernden Proportionen eben jene Form des Rechtecks mit den vier abgerundeten Ecken. Hier an der Wand tritt sie meterhoch in Erscheinung und durch diese maßstäbliche Verschiebung ins Riesenhafte [...] wird natürlich der Abstraktion Vorschub geleistet. [...] Dennoch bleibt die unentscheidbare Frage, ob wir es hier mit der Monumentalisierung eines banalen Alltagsgegenstandes zu tun haben oder eher mit einer rein formalen Setzung; einer malerischen Geste aus Plastik oder einer plastischen Geste von maximaler Flachheit.

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Und an was denkt der historisch versierte Kunstfreund, wenn er Silberfarbe auf Wand sieht? Natürlich! An die Factory von Andy Warhol – auch wenn die eher alufolienausgekleidet war und dies hier an der Wand des cuba echte Malerei ist, also eher die Darstellung von Alufolie. Bingo! Genau damit haben wir es hier zu tun. Wieder lockt uns Wiesnau aufs Glatteis; die irgendwie runde, aber dann doch nicht ganz gleichmäßige Fleckform, mit so seltsam eckigen Protuberanzen, ist keine reine Abstraktion in Silber, sie hat ebenfalls ihre Entsprechung in der wirklichen Welt. Da ist sie nur sehr viel kleiner. Und in diesem Falle auch eigentlich dreidimensional, der Künstler hat sie bloß plattgemacht. Und worum handelt es sich hier? Weniger um High Tech als um Low Food, weniger smart, eher fast: Um einen Döner in Alufolie! Zum Hieressen? Nein, zum Mitnehmen. (Die erste Take-Away-Wandmalerei der Welt!) In der Nische gegenüber hat Stefan Wiesnau sechs weitere Dönersilhouetten plaziert; diesmal kleinformatige Scherenschnitte – Messerschnitte wenn man‘s ganz genau nimmt – in Silberpapier auf monochromem Hintergrund (in lindgrün, mintgrün, transparent, weiß-strukturiert, grau oder rot). Das beweist, dass es dem Künstler wirklich um pure Farbe und reine Form geht.

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Blieben wir noch einen Moment beim alten Andy und beim schnellen Essen, aber begeben uns im Geiste ins vordere Foyer: Unweigerlich drängt sich da dem kunstsinnigen Betrachter Warhols Skandalskulptur der gestapelten Brillo Boxes auf. [...] Während Warhols Holzkisten noch verhältnismäßig aufwendig hergestellte Imitate der originalen Pappkartons sind, hält es Wiesnau hier eher mit Duchamps Idee vom readymade und stapelt sage und schreibe 400 industriell gefertigte Pizzakartons zu einem flachen Fast-Kubus. [...] Unmißverständlich hat der Künstler sein Werk Kompost getauft. [...] Da scheint der Kreislauf des Werdens und Vergehens, von Nahrungsaufnahme, Verdauen, Ausscheiden und Verrotten doch enorm verkürzt, auf das schnelle Zubereiten, schnelle Kaufen und noch schnellere Wiederwegwerfen von Nahrungsmitteln, als wären die Pizzas selbst und nicht bloß ihre Verpackungen auf den Status von Kompostmüll herabgesetzt worden. Und schon entpuppt sich Wiesnau, wie es jedem Künstler gut ansteht, als Weltverbesserer, dessen scheinbar minimalistisch abstrakte, mit Anspielungen und Zitaten überreich gesättigte Arbeiten auch Fast Food, Konsumterror und Wegwerfgesellschaft kritisch ins Visier nehmen.

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Das ist offenbar die grundsätzliche Strategie von Stefan Wiesnau, die Dinge einerseits zu reduzieren, bis kaum noch etwas übrigbleibt vor lauter Minimalismus, und sie andererseits an die Grenzen des jeweiligen Genres zu drängen, bis diese Grenzen sich verwischen [...]. Zu guter Letzt nimmt der Künstler auch noch die Grenze des Banalen fest in den Blick und schiebt seine Arbeiten so nahe an sie heran, dass sie darüberzukippen drohen. Kurz bevor sie wirklich fallen und alles ganz platt wird, hält er inne und läßt die Dinge schweben, in einem Moment ironischer Verzückung; der Humor ist dabei so trocken, dass es staubt – und wie die Kunstwelt dereinst über sein grandioses Werk urteilen wird, wird man erst sehen, wenn die Staubwolke sich gelegt hat.

Auszüge aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung Stefan Wiesnau - Fastlos im cuba-cultur-Foyer, Münster, am 19. April 2013




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