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revealing

Foyerausstellung von Jiyoung Son
November – Dezember
2013










8. November –  15. Dezember











Jiyoung Son

Shine Though

von Stephan Trescher


In der Bibel heißt es: Du sollst dein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Das tut Jiyoung Son nun nicht gerade, aber sie verhängt ihre Lichter mit Tüchern.

Durch dieses Verbergen macht sie aber paradoxerweise etwas sichtbar, die formalen Qualitäten nämlich - und zwar nicht so sehr der Dinge an sich, als vielmehr der Räume zwischen ihnen. Und so ganz en passant und unangestrengt gelingt ihr dabei eine zauberische Verwandlung des Alltäglichen und Banalen.

Auch wenn es Jiyoung Son in ihrer Kunst um das Verhüllen und Verschleiern geht, eins versucht sie nicht, die Einfachheit ihrer Mittel zu kaschieren. Betrachten wir z.B. Garden of Light im vorderen Foyer: Natürlich ist das eine Ansammlung von Lampen; es sind Schreibtischlampen, Stehlampen, Nachttischlampen, neue Ikea-Modelle, Erbstücke und Schätzchen vom Flohmarkt, in allen möglichen Größen, Farben und Formen, mit durchbrochenen und gemusterten, bedruckten und bestickten, troddelverzierten, textilen und metallischen Schirmen - und über sie alle ist nivellierend wie eine Nebelwand, wie Schnee und Wolken, ein einfaches weißes Tuch aus Nesselstoff gebreitet.

[...]

Das Banale und das Poetische halten sich die Waage - ich finde aber, je länger man sich auf die Werke Jiyoung Sons einlässt, desto mehr neigt sich die Waage auf die Seite der Schönheit und Poesie.

[...]

Die drei kleinformatigen Bilder über der Heizung in ihren hölzernen Rahmen erinnern zumindest an einen Besuch beim Radiologen: Merkwürdige Zwitterwesen sind das, zwischen Bild und Bildschirm, jedenfalls selbstleuchtende, milchig matte Scheiben, auf denen sich schwarz und ganz leicht verschwommen seltsame Formen abzeichnen. Aber damit habe ich schon vorgegriffen - eigentlich sehen wir zunächst die weiß leuchtenden Formen, die aus dem diffusen Schwarz der Fläche hervortreten - ich weiß nur bereits, dass es helle Scheiben sind, auf denen durch die rückwärtige Beleuchtung Schatten sichtbar gemacht werden. Ein alles umgebender Schatten, darin ein leuchtender Umriss und darinnen wiederum schattenschwarze Einzelformen.


Ich bin mir nicht sicher, ob ein Uneingeweihter erkennen könnte, worum es sich hier handelt, da es der Künstlerin aber ums Rätselraten nicht geht, sondern ums Verschleiern ebenso wie ums Enthüllen (wie der Ausstellungstitel revealing schon nahelegt), deshalb kann ich also getrost verraten, dass es tatsächlich - durchleuchtetete Plastiktüten sind. Wobei es eben anders als bei einem Röntgenbild oder den modernen Ganzkörperscannern auf Flughäfen nicht darum geht, messerscharf umrissene Gegenstände herauszupräparieren oder gar deren Innenleben zu erforschen - eher geht es Jiyoung Son um [...] ganz zeitlose Fragen der Wahrnehmung und ihrer Philosophie: Was sehen wir und was wissen wir, wie beeinflusst das eine das andere, in welchen Dimensionen sehen wir tatsächlich, wenn wir etwas räumlich wahrzunehmen glauben und wie funktioniert das auf einer zweidimensionalen Fläche?

Diesen Fragen kann man sogar noch besser anhand der beiden Stilleben hier nachgehen: Einmal hinter dem Vorhang verborgen, der die Nische und was in ihr steckt unseren Blicken entzieht und zugleich als Projektionsleinwand fungiert, auf die vereinzelte LED-Lämpchen große Schatten malen, wie sie beinahe auf jedem Vorhang vor einem Fensterbrett erscheinen könnten: Eine Topfpflanze, eine Gießkanne, Tassen und ein Kerzenständer. Die Licht- und Schattenzonen schaffen unglaublich plastische Modulationen, die uns diese Gegenstände scheinbar mit Händen greifen lassen, sie erzeugen aber auch räumliche Irritationen, in denen Objektgrenzen erst verschwimmen, dann verschwinden.

[...]

Um noch einmal in den Garten zurückzukehren: Wie nun aber das Licht den Stoff verwandelt, ja beseelt, so verwandelt das Tuch auch die Lampen. Man kann seinen Assoziationen freien Lauf lassen, an Gespenster denken und an verschleierte Frauen, an die verhüllten Möbel in verlassenen Häusern oder an einen Schwarm fluoreszierender Quallen in der Tiefsee. Für mich hat dieses plastische Ensemble aber vor allem etwas Landschaftliches. Von Ferne mag es sogar an die Gebirge erinnern, wie Kinder sie sich aus Decken bauen - aber es überwiegt doch der Eindruck von Landschaft im Kleinen, wie es der Titel suggeriert; es ist ein Garten. Ein Garten, in dem ganz und gar seltene Pflanzen ihre leuchtenden Blüten treiben, Bodendecker und hoch aufragende Blumen, pfeilgerade oder mit geneigtem Kelch: ein Garten des Lichts. Was auf Englisch aber viel besser klingt, denn der Garden of Light ist sozusagen das Nachbargrundstück des Garden of Delight, dem Garten des Entzückens, dem Garten der Lüste - wie immer man es übersetzen mag, gemeint bleibt: das Paradies.

Auszüge aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Jiyoung Son: revealing im cuba-cultur-Foyer, Münster,
am 8. November 2013




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