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SOUND AND VISION

Foyerausstellung von Doris Marten
September – November 2013










27. September – 3. November











Doris Marten

High and Low

von Stephan Trescher

[...] wir haben es hier nicht eigentlich mit Bildschallplatten zu tun, in der Hauptsache auch nicht mit Bildern von Tonträgern, Doris Martens Denken und malerisches Tun kreist immer um dasselbe: Die Linie, die auch mal die Form von Schallplattenrillen simulieren kann, sonst aber eher gerade daherkommt. Wie z.B. bei der großen Wandzeichnung, die uns hier umgibt. Ich bin versucht zu sagen „umbrandet", denn sieht sie nicht aus wie die perfekte Welle? Ein bewegtes Auf und Ab, das an die Aufzeichnungen eines Seismographen erinnert wie auch an die gebräuchliche Visualisierung von Tonfrequenzen, aber weit darüber hinausgeht.

[...]

Würde diese Linienfolge Tonhöhen anzeigen, wäre es ein allmähliches Verschwinden im tiefen Subkontrabasskeller, interpretierte man sie als Lautstärkepegel, wäre es ein groß angelegtes Diminuendo. In jedem Fall bleibt es eine fragmentierte, quasi-zirkuläre Anlage um diesen rechteckigen Raum herum, eine Art Abwärtsspirale.
Das Wechselspiel von an sich dünnem Strich zu großer flächiger Gesamtwirkung ist dabei der eine Quell des optischen Entzückens - der andere ist die Farbfülle, die fast grell wirkt, manchmal haarscharf an der Grenze zum kitschigen Spektrum zwischen Babyblau und Lillifeepink entlangschrammt, aber immer noch rechtzeitig die Kurve kriegt zur farbenfrohen Abstraktion - und das mit nur sieben Farben! Zu den Magnificent Seven aber gleich mehr.


Dafür wenden wir uns Doris Martens jüngstem Werkzyklus zu, ihren Lined Circles. [...] Es sind die eingangs erwähnten Pseudo-Schallplatten. 20 dieser objekthaften Rundbilder hat die Künstlerin im vorderen Bereich des Foyers an einer Wand gruppiert. Eines schöner als das andere, aber alle nach dem gleichen Prinzip komponiert. Jeder dieser profan betitelten „linierten Kreise" besteht aus einer Abfolge von ca. 200 Kreislinien in nur sieben Farben.[...] Indem die Künstlerin aber verhältnismäßig dünne Linien zieht, passiert es uns bzw. unseren trägen Augen, daß sie mehrere Striche zusammen sehen und so auf unserer Netzhaut oder spätestens im Gehirn Mischfarben entstehen, die gar nicht da sind. Durch die Wiederholung von gleichen und ähnlichen Farben nebeneinander scheinen so auch entweder breitere Streifen oder aber Farbverläufe quer zur Strichrichtung zu entstehen, die sowohl einen Rhythmus in der Fläche erzeugen, als auch einen illusionistischen räumlichen Effekt evozieren (der wiederum an die Experimente der Op Art erinnert - wenngleich Martens Bilder spielerischer und sehr viel weniger dröge sind).

Diese scheinräumlichen Effekte verstärkt die Künstlerin durch die faktische, räumlich differenzierte Anbringung in unterschiedlichen Wandabständen, was auch das gesamte Ensemble der Kreise zu einer rhythmischen Einheit zusammenschließt.



Den Lined Circles genau gegenüber hängt ein Streifenbild von strenger Orthogonalität.
Felder von parallelen Streifen, überwiegend senkrecht, mit davor schwebenden rechteckigen Feldern anderer Farbigkeit, mal ebenfalls vertikaler, mal horizontaler Linien, wie Bilder im Bild - mehr webend als schwebend, räumlich gestaffelt, aber doch eher verflochten und fest gefügt.
Immerhin eine nachträgliche Bestätigung meiner Äußerung von vorhin, daß es Doris Marten  nicht um Schallplatten, nur um Wellen und Kreise geht, sondern um eine Dynamik, die aus der Linearität und der Farbe erwächst. Auf der anderen Seite ist diese Bild natürlich die genaue Antithese zum eben behaupteten Purismus - der Höhepunkt der Symbiose, die tatsächliche Verschmelzung von Ton und Bild zu einem neuen Ganzen einer synästhetischen Erfahrung.

Wie das? Doris Marten hat ein Bild gemalt und der Komponist Christoph Hein hat es als graphische Notation interpretiert. Grob vereinfacht gesagt: Jeder Farbe einen Klang zugeordnet, jeder senkrechten Strichlänge eine Lautstärke, jeder waagerechten Strichlänge eine Tondauer. Wir können das Bild also jetzt sehen und hören. Alle zehn Minuten.

Das Ganze wird von links nach rechts gelesen bzw. abgespielt. Die computertechnisch generierten Töne, die wir zu hören bekommen. entsprechen also einer Lektüre des gesamten Bildes - auch wenn die Musik nicht einmal eine Minute dauert. Damit nicht genug, wird das Bild selbst in Schwingung versetzt, es dient als Resonanzkörper für die rückseitig angebrachten Lautsprecher. O wundersame Verschränkung! Das ist so, als wäre ein Notenblatt gleichzeitig ein Teil des Instrumentes, das diese Noten spielt. Da kann man nur staunen und stehen, hören und sehen und David Bowie beipflichten, wenn er singt: „Don't you wonder sometimes / 'Bout sound and vision?" Viel Spaß beim Wundern!

LINES acoustic

Auszüge aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung Sound and Vision von Doris Marten, cuba-cultur-Foyer, am 27.9. 2013




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