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FASTLOS

Foyerausstellung von Daniel Kent
Juni– Juli 2013


















Ausstellungsdauer: 14. Juni – 19. Juli







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...but is it smart

von Stephan Trescher

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde, wie so oft möchte ich meine Rede mit der Einladungskarte zu dieser Ausstellung beginnen. Handelt es sich hier doch um ein besonders geglücktes Exemplar:
Dabei wollen wir gar nicht lange auf die hübsche, leicht nostalgisch angehauchte Typographie eingehen, auf die dicken schwarzen Umrisslinien, die an Comics und Keith Haring erinnern. Wir konstatieren nur, dass das schwarzweißlaue Gesamtbild mit dem gelben Akzent als plakativer Hingucker gut funktioniert.

 [...]

Wir könnten jetzt versuchsweise die Karte auf den Kopf stellen und würden unschwer ein breites Grinsen darin entdecken können. Sicher ist, dass der Künstler über ein gehöriges Maß an Ironie verfügt. Keine Sorge also, wenn wir uns noch ein wenig mit den komplexen Themen von Bildsprache und Schriftsprache beschäftigen, ihrer Kombination und Kollision.

[...]

Jedenfalls – wo war ich stehen geblieben? Ach ja, dabei, dass der Künstler nicht immer alles allzu ernst nimmt. Wir drehen die Karte also wieder richtig herum und kommen bei eingehender Betrachtung kaum um eine phallische Assoziation herum – die stellt sich spätestens dann ein, wenn mann die drei Striche nicht als Lichtstrahlen einer zigarettenfilterförmigen Sonne deutet, sondern als Bewegungslinien liest, die anzeigen, dass die krumme Zigarette sich wieder zur vollen geraden Prachtform aufrichten wird.

Diese Erektions-Assoziation ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Und wird von Daniel Kent mit einem Griff ganz tief ins museale phallische Fach wieder aufgegriffen: Auf dem Bildschirm zu sehen ist ein photographischer Streifzug durch den Louvre der besonderen Art.
Des Künstlers ausgestreckter Zeigefinger zeigt uns sämtliche männlichen Geschlechtsteile in der Ausstellung.

[...]

[Durch ihn] werden wir geradezu genötigt, einerseits über die eigenen Gesten all jener Skulpturen und gemalten Figuren nachzudenken und andererseits zu überlegen, was es mit dem Herzeigen, Vorzeigen, dem Exhibitionismus und dem Wesen des Ausstellens auf sich hat. Und was mit dem sexualisierten oder infantilen Blick des nordamerikanischen Touristen auf die geballte Kunstgeschichte der alten Welt. Oder überhaupt mit der Sicht des Handyknipsers von heute auf die hohe Kunst von früher.

[...]

Aber dann widmet sich der Künstler doch auch der äußeren Hülle, der schicken Form des Designfetischs I-Phone. Beispielsweise [...] ganz schön gemein, wenn der Künstler den Fetischcharakter des I-Phones nimmt und übersteigert, indem er es mit dem religiösen Symbol des christlichen Kreuzes verschmilzt: Durch die Füllung mit künstlichen Blumen gewinnt diese Zwitter-Form eine Niedlichkeit, die gefährlich nah an der Grenze zum Kitsch entlangschrammt. [...] In jedem Fall ist das Cruciphone weniger Glaubenssymbol als reiner Grabschmuck – vielleicht sogar schon für die vorweggenommene Beerdigung der schnellebigen Smartphonekultur.

[...]

Raucher sind so oder so eine aussterbende Spezies. Deren gelebte, geradezu paradoxale Inkonsequenz in der Kombination von Hedonismus und Selbstzerstörung kann der Künstler höchstens mit der Idiotie selbstverschuldeter Sonnenbrände vergleichen – daher der Name der von ihm erfundenen Zigarettenmarke.
Von ihr hat er hier ein überdimensioniertes Exemplar als Skulptur an die Wand gelehnt: Eine Fake-Zigarette, minimalistisch und realistisch zugleich, beinahe popartig. Aber diese historischen Bezüge bricht der Künstler auf durch den  illusionistischen Schatten, der die Skulptur mit der Umgebung verschmilzt, Drei- und Zweidimensionalität verbindet und ein ironisch gebrochenes Licht wirft auf die vermeintlich heroische Selbstbeschränkung aller Minimal Art. Jetzt sieht die Riesenzigarette eher aus wie eine Sonnenuhr –  aber das ist sie natürlich auch nicht, da der Schatten unabhängig vom tatsächlichen Lichteinfall Tag und Nacht derselbe bleibt.

[...]

...also gibt es noch einen Nachschlag zum Thema Sex & Tourismus: Wir wollen doch unseren männlichen Voyeurismus nicht ganz außer acht lassen. Also spendiert uns der Künstler nach den ganzen männlichen Genitalien auch einen weiblichen Akt – ganz offensichtlich ebenfalls ein Reisesouvenir, denn die Umrisse der Figur zeichnen sich auf einer gläsernen Zugabteiltür ab! Das wirkt durch das Spiel von Licht und Schatten graphisch besonders raffiniert, greift formal noch einmal die dicken Umrandungslinien des Einladungskartenmotivs auf – und stellt uns vor ein kunsthistorisches Rätsel erster Güte, das zeigt, dass Daniel Kent nicht nur durch Europa gereist, sondern auch in der Kunstgeschichte ganz gut unterwegs ist.
Der vermeintlich antike Torso ist nämlich die geköpfte und um 90 Grad gedrehte, höchst reduzierte Silhouette von Tizians Gemälde der „Venus von Urbino“ im Julian-Opie-Style.
Das Original befindet sich übrigens nicht im Louvre, sondern in den Uffizien – und bitte nicht versuchen, die schöne Unbekannte mit dem Regionalexpress zu erreichen.

Ich weiß nicht was Sie jetzt tun – ich geh‘ erstmal eine rauchen.

Auszüge aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Daniel Kent „Cigarette Sunburns“am 14. Juni 2013 im cuba-cultur-Foyer, Münster

 




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