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Wiederholung  

Foyerausstellung von Jana Lucia Brügenolte
März – April 2013











Ausstellungsdauer: 1. März – 10. April









Jana Lucia Brüggenolte

Again again

von Stephan Trescher


Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Mit der Wiederholung ist das so eine Sache:

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Nehmen wir beispielsweise die Reihe jener fünf gelb-transparenten Türme im vorderen Foyer: Einfache rechtwinklige Formen, industriell vorgefertigt, von perfekt glatter Kunststoffoberfläche, durch simple Addition zur geometrischen Gesamtform zusammengefügt. Das klingt doch nach Minimal Art pur. Ja, wenn es denn mal so einfach wäre! Auch wenn ein Donald Judd schon mal zweifarbige Kästen in Serie gefertigt hat, das hier ist ganz was anderes: Schon dem flüchtigen Betrachter wird auffallen, dass es sich hier um Türme aus leeren CD-Hüllen handelt. Und mit dieser Verwendung vorgefundener Alltagsgegenstände wird  natürlich die reine Lehre des Minimalismus in ihren Grundfesten erschüttert. Wir können gar nicht anders, als die banal-alltägliche Verwendung dieser skulpturalen Bausteine mitzudenken; uns von der puren Form beständig ablenken zu lassen.

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Dabei dürfen wir aber eines nicht außer acht lassen. Die [...]  minimalen Abweichungen vom rechten Winkel am Rand der Verpackungen, die sich bei genügend häufiger Wiederholung zu einer gehörigen Krümmung addieren. Und zur Folge haben, dass die langweilige Rechtwinkligkeit plötzlich dem Eindruck von  organischen Wachstumsprozessen weicht, die die CD-Türme aussehen läßt wie Bäume, Halme, Schilf im Wind.
Damit sind wir unversehens zu einem anderen Aspekt des Begriffs Wiederholung gelangt, nämlich dem nachahmenden. Schließlich ist das ein Uralt-Topos der Kunstgeschichte, dass die Kunst nichts anderes sei als die Nachahmung der Natur.

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Anders liegt der Fall bei den kugeligen Gebilden hier. Die Farbgebung in Karamell mag noch an Naturtöne denken lassen, aber natürlich sind die Einzelteile hier aus schnödem Plastik und eindeutig als Kaffeebecher zu identifizieren. Wieder würden wir bei der bloßen Erwähnung des Materials  denken: Wie banal! Aber stehen wir vor den fertigen Skulpturen, denken wir eher – im Stillen, weil man sich das laut nicht zu sagen traut – Wie schön! Wie faszinierend perfekt sich diese Plastikbecher zur Kugelform zusammenschließen und zugleich unabweisbar Erinnerungen an die gleichermaßen natürlichen wie geometrisch vollkommenen Bienenwaben aufkommen lassen.

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Ganz eindeutig ortsspezifisch wird es jedenfalls mit dem Stück Asphalt im vorderen Foyer:

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Durch die Beschränkung im Format, den rechtwinkligen Ausschnitt, aber auch die Belebung des rauhen, schwarzen Grundes mit unregelmäßigen weißen und gelegentlich bunten Flecken gewinnt dieses Rechteck beinahe so etwas wie Bildcharakter.
Ja, was denn nun? Ist das ein Bild? Eine Skulptur? Einigen wir uns auf den neutralen Begriff „Bodenarbeit". Der trifft nämlich gleich doppelt zu: Nicht nur, weil sie knapp über Fußbodenniveau horizontal präsentiert wird. Sondern schon durch das Material Asphalt  ist dieses körnig schwärzliche Rechteck ein Eindringen der Straße in den Innenraum.
Und selbst wenn es stimme sollte, dass unter dem Pflaster der Strand liegt – auf dem Pflaster liegen bloß Kaugummis. Diese sind es auch, die aus dem asphaltigen Einheitsgrauschwarz von weitem und mit viel gutem Willen beinahe den Eindruck eines Sternenhimmels hervorrufen könnten. Besonders in der Dichte, mit der sie in Gegenden wie vor cuba auftreten bzw. sich festtreten, hervorgerufen durch die wochenendliche Überpopulation an Kaugummikauern.

Jedenfalls hat Jana Lucia Brüggenolte sich tatsächlich einen existenten Straßenausschnitt vor dem Fenster vorgeknöpft und ihn möglichst exakt nachgebaut, Teer samt Kaugummiflecken; also ein Stück vom Draußen verdoppelt und nach drinnen transformiert und in diesem mimetischen Akt die Idee der Wiederholung auf die Spitze getrieben. Insofern bildet dieses bescheidene Stück Asphalt das Herzstück der ganzen Ausstellung.

Aber noch ein anderes Herzstück gilt es zu berücksichtigen: Ein kleinformatiger Videobildschirm zeigt im Maßstab 1 : 1 eine anscheinend komplett mit Farbe überzogene, schwarz naß glänzende, geschlossene Faust, die sich regelmäßig zusammenballt und wieder lockert: Es ist dies wiederum eine andere Form der Wiederholung, eine Wiederholung in der Zeit; in diesem Fall die Wiederholung einer Bewegung, die sich der Unendlichkeit nähert. Und obwohl wir nichts sehen als „Schwarze Faust", denken wir bei ihren Kontraktionen doch „Rotes Herz" und gewinnen allmählich die Erkenntnis, dass Wiederholung nicht nur unvermeidlich, sondern lebensnotwendig ist.

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Auszüge aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung Wiederholung von Jana Lucia Brüggenolte, cuba-cultur-Foyer, am 1. 3. 2013




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