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empty rooms

Foyerausstellung von Sujin Do
März – Mai 2012



















Ausstellungsdauer: 16. März – 6. Mai



















Sujin Do - Web site

Die Frage des Schmetterlings

von Stephan Trescher

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Beginnen wir mit dem skulpturalen Ensemble, das das vordere Foyer dominiert. Eine Gruppe von zehn überwiegend quaderförmigen Kastenbausteinen ragt, turmartig gestapelt, bis knapp unter die Decke. Daneben bilden drei weitere Module einen separaten Ableger. Die Module sind natürlich Modelle. Modelle der dreizehn Räume, die die Künstlerin in ihrem Leben bisher bewohnt hat.

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Es handelt sich hier um Räume der Erinnerung und aus der Erinnerung. Das heißt, es sind keine maßstabsgetreu gebastelten Architekturmodelle, sondern aus dem Gedächtnis rekonstruierte und zum Zwecke der skulpturalen Vereinheitlichung in der Größe einander  angeglichene Räume.

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Das bloß Autobiographische mutet die Künstlerin uns – oder sich – nicht zu.

Natürlich könnte sie manche dieser Räume auch aus dem Gedächtnis sehr detailliert rekonstruieren, für sich selbst sogar mit Gerüchen, Geräuschen, Blicken aus dem Fenster füllen – und für uns immer noch eine ganze Menge mehr an optischen Anhaltspunkten liefern. In ihrem Turm der Erinnerung läßt Sujin Do aber alles Anekdotische beiseite und beschränkt sich auf diese abstrahierte Form der Selbstvergewisserung durch akkumulierte Gedächtnisräume.

Dagegen liefert sie uns in ihren Photographien Ansätze zu einer Einrichtung – und das heißt auch: Anknüpfungspunkte für mögliche Geschichten.

Wir vermögen nicht zu unterscheiden, ob es Bilder von Räumen sind, die nicht mehr oder noch nicht bewohnt sind, kurz nach dem Einzug, oder kurz vor dem Auszug stehen.

Wir bemerken nur die Kargheit der Einrichtung und das Gefühl einer Abwesenheit: Abwesend sind der oder die Bewohner, aber auch die Anzeichen einer persönlichen Inbesitznahme, bis hin zu dem Extremfall, wo nur das gefängniszellenähnliche Ensemble aus Bett mit brauner Matratze, Holzstuhl und Deckenlampe übrigbleibt.

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Die große Ausnahme in der Serie der Photographien böte den Schlüssel für die ganze Ausstellung, selbst wenn ich hier nichts erzählen würde. Dieser Raum ist nämlich nicht nur nicht leer, er müßte geradezu wegen Überbevölkerung geschlossen werden. Denn in der trotz der extremen Weitwinkelaufnahme fühlbaren Enge dieses schmalen Zimmers halten sich vier Menschen auf. Vier junge Frauen, die einander ziemlich ähnlich sehen – weil sie alle ein und dieselbe sind, nämlich Sujin Do selbst.

Die damit zu erkennen gibt, dass all die Zimmer, die wir hier zu sehen bekommen, eigentlich von ihr bewohnte, benutzte, erlebte und erlittene Räume sind oder waren.

Zugleich macht die Künstlerin durch die Vervielfachung ihrer selbst in unterschiedlichen Posen und wechselnder Kleidung deutlich, dass wir diese Räume auch als Erzählräume begreifen können. Ähnlich wie in der mittelalterlichen Malereitradition, in der ebenfalls chronologisch aufeinander folgende Geschehnisse in ein und demselben Bild als nur räumlich getrennte Ereignisse dargestellt werden.

Damit habe ich durch die Hintertür schon den Weg gebahnt zum Sprung in die Kunstgeschichte. Et voilà: Widmen wir uns nun also den beiden Bildern im goldenen Rahmen. Es handelt sich dabei um photographische Variationen zweier Gemälde aus dem 17. Jahrhundert, so mit das Berühmteste, was die Kunstgeschichte zu bieten hat, Las Meninas von Diego Rodrigo de Silva y Velázquez und Die Malkunst von Jan Vermeer.

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Diese sorgsam inszenierten malerischen Räume hat Sujin Do nun aufwendig retuschierend von allen Haupt- und Nebenfiguren befreit; zu sehen ist hier wie dort nichts als der leere Ort. Ein Gefühl der Verlassenheit macht sich breit, aber auch ein neues Gewahrwerden der Räume auf den Gemälden, die wir sonst schnell übersehen, weil unser Augenmerk so ausschließlich auf die dargestellten Personen fixiert ist.

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Als Mann vom Fach sehe ich natürlich auch etwas höchst Ironisches darin, diese Aushängeschilder der abendländischen Malerei ihrer Protagonisten zu berauben und den Blick hinter die Kulissen bzw. auf die leergeräumte Bühne als neue Bilder zu präsentieren.

Zugleich bleiben sie jedoch vom Hauch der Melancholie durchweht.

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Wenn ich aber die Schwermut der Unbehaustheit für einen Moment beiseite lasse, wird alles ganz leicht: Sujin Dos Bilder, egal ob monumental oder winzig, technisch aufwendig oder schlicht, besitzen eine erstaunliche Zartheit. Die empty rooms wirken auf mich wie hoch artifizielle Häutungen, wie der kunstvolle Kokon einer Raupe, die endlich Schmetterling geworden ist und sich voll Verwunderung fragt: Wie, da drin hab ich mal gelebt?

Auszüge aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung „empty rooms“ von Sujin Do
im cuba-cultur-Foyer am 16. März 2012




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