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Sehen und Gesehenwerden

Foyerausstellung von Martina Muck und Olaf Thomas
November – Dezember 2012






Ausstellungsdauer:
16. November – 14. Dezember































Martina Muck

Guckkastensystemrelevanter Paarlauf
auf Eyes

von Stephan Trescher

Meine sehr verehrten Damen und Herren, hier und heute geht es, wie bei jeder Vernissage, nur um das Eine: Sehen und Gesehenwerden, oder, im internationalen Kontext gesprochen, um „See‘n‘ be seen", das klingt schicker. Das erwähnte Eine ist also ein doppeltes, ein aktives und ein passives, ein gegensätzliches und widersprüchliches und ein notwendig sich ergänzendes, wie schwarz und weiß, Yin und Yang oder Fix und Foxi.

[...]

Im vorderen Foyer haben Muck und Thomas eine große hölzerne Konstruktion errichtet, die ich aus vielerlei Gründen als Guckkasten bezeichnen möchte. Ein einfach gezimmerter länglicher Kasten, von einer stützenden Rahmenkonstruktion umgeben. Außen roh, innen glatt, überwiegend von apartem Spanplatten-Beige, aber mit einer rein weißen Stirnwand.
Und weiß muß sie sein, denn siehe da, der Blick nach innen beweist: der von mir so apostrophierte Guckkasten ist wirklich ein solcher, präsentiert eine Bühnensituation, oder, genauer gesagt, eine Art von Kino samt Projektionsfläche und einem nicht im Verborgenen, sondern ebenfalls im Rampenlicht stehenden Projektionsaufbau.
Die optimale Haltung zur Betrachtung desselben nimmt man, passend zur Jahrszeit, ein, wenn man sich an die Heizung lehnt. Von dort sehen wir eine kinetische Skulptur, die überwiegend aus einem gemächlich rotierenden, unbespannten Lampenschirmgestell besteht, mit abblätternder Farbe und ganz offensichtlichen Gebrauchsspuren, verkehrt herum auf einem schlanken weißen Sockel stehend – also sich drehend – und aus einer Lichtquelle in Gestalt eines bescheidenen, am eigenen Leitungsdraht hängenden Birnchens. Zusammen veranstalten sie ein echtes Schattentheater. Und wieder jagen und überschlagen sich die Gegensätze. Genauer gesagt: Sie überholen sich gegenseitig, in einer Tour. [...]
Wir sehen, oben auf den Ring des Lampenschirms montiert, in kindlich einfach gehaltenen, aufs Wesentliche reduzierten Silhouetten eine Lokomotive und ein Auto, die im stets gleichbleibenden Abstand im Kreis fahren. Auf der Wand sieht es aber so aus, als würden sie einander beständig überholen und dabei so nebenbei noch die Größenverhältnisse tauschen. Und wer hat letztlich die Nase vorn in diesem unendlichen Wettkreislauf? Martina Muck hat ihrer Arbeit den schönen Titel Hase und Igel gegeben und damit ist ja eigentlich klar: Gewinnen tut der Igel, der in Wahrheit ein Igelpaar ist. Nur leider ist das „Who is who?" hier nicht geklärt. Auch wenn ich meine Sympathien eher dem Fortbewegungsmittel der Zukunft, also der Eisenbahn schenken würde, muß ich doch einräumen, dass die Rollen hier nicht so eindeutig verteilt sind. Aber natürlich geht es der Künstlerin auch gar nicht um ein verkehrspolitisches Statement. Eher um die Faszination des Komplexen in der Einfachheit, um die spannenden Verschiebungen zwischen realem Bild und schemenhaftem Abbild.

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Die Guckkastenskulptur ist nicht bloß Bühnenaufbau, rahmender Raum im Raum und Hasen- und Igelstall, sondern gleichzeitig, auf der von uns ab-, also der Straße zugewandten Seite, ein leicht gruseliger Blickfang. Aus der ansonsten leeren, strahlend ausgeleuchteten weißen Wand starren zwei blaue Augen nach draußen. Die förmlich aus der Bildebene herauskullernden Augäpfel sitzen exzentrisch am unteren rechten Ende der weißen Fläche, auf Augenhöhe mit dem Betrachter von draußen. Keine Spur von „Deine blauen Augen machen mich so sentimental", eher horrormäßige „Eyes without a face". Wieder
vertauschen sich aktiv und passiv, Sehen und Gesehenwerden. Das heißt, wir haben es bei diesem Guckkasten mit einem Kasten zu tun, der selber guckt, bzw. mit einem Schaufenster, das zurückschaut.

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Es ist eindeutig, dass der Titel dieser Arbeit zurecht Bildvermeidung lautet. Beinahe genauso gut könnte man sagen, es handle sich hier um eine kunstlose oder kunstbefreite Zone. Denn was tun Thomas und Muck hier? Sie zerlegen die Wände dieses Ausstellungsraumes nach allen Regeln der Kunst und Geometrie in einzelne Rechteckskompartimente, und jedes dieser Rechtecke markieren sie mit einem langgestreckten Andreaskreuz aus rotem Textilklebeband.

Vor allem entsprechen diese Xe den Platzhaltern aus dem Layoutprogramm der Designer, also Stellvertretern im Entstehungsprozess von Drucksachen, für Flächen, die dereinst ein Bild zeigen sollen, aber noch keines haben. Nebenbei erinnern sie an das einst übliche rote X im kleinen Fenster im großen leeren Fenster, also der Computeranzeige für eine Fehlstelle: Hier wäre eigentlich ein Bild, sagt das Programm, aber ich kann es dir nicht zeigen.

Doch nicht um Bildschirmoberflächen geht es hier, sondern um Wandflächen; Wandflächen, die uns durch das Durchstreichen, die rote Markierung überhaupt erst bewusst werden.
Und wieder liegt in dieser Geste die Kunst der Umkehrung. Wir zeigen, dass hier kein Bild ist, aber eines sein könnte und dadurch, durch diesen Akt der Verweigerung, entsteht ein Bild. Besser gesagt eine ortsspezifische Wandzeichnung, sogar eine, die den kompletten Raum beansprucht und ihn von Grund auf verändert.

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Auszüge aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Martina Muck und Olaf Thomas „Sehen und Gesehenwerden" im cuba-cultur-Foyer, Münster, am 16. November 2012




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