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Foyerausstellung von Tina Tonagel











1. Juli – 12. August 2011


Ciaccona di paradiso, e dell' Inferno










www.tinatonagel.de

Ciaccona di paradiso, e dell' Inferno

Fünf weiße und drei schwarze Klopapier-Rollen drehen sich zur Musik auf und ab.
Nach Betätigung eines Tasters beginnt die Musik zu spielen.
Es läuft eine Chaconne aus dem italienischen Frühbarock: wenn die Frauenstimme davon singt, wie schön es im Himmel ist,
bewegen sich die weißen Rollen (in gleichmäßigem Tempo).
Singt die Männerstimme über die Qualen der Hölle, drehen sich etwas ungestümer die schwarzen Rollen an der gegenüberliegenden Wand.

Schwarz, Weiß, Tanz - Star in Paradiso
[...]
Ciaccona di paradiso, e dell‘ Inferno. Klingt gut. Aber was heißt das? Frei übersetzt: „Chaconne vom Himmel und der Hölle“. Unter Himmel und Hölle können wir uns schon irgendwas vorstellen. Aber was zum Teufel ist eine Chaconne, oder italienisch: Ciaccona?
Ursprünglich ist die Chaconne ein Tanzlied im Dreivierteltakt – und kommt aus Spanien. Dann aber, irgendwann zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert, mutiert sie vom volkstümlichen Tanz zu einer hochkomplexen kompositorischen Angelegenheit und wird ein Variationsmodell, ähnlich der italienisch benamten Passacaglia oder den englischen Grounds. Dabei werden über einen stets gleichbleibenden Bass z. T. äußerst ausgefuchste Variationen zunächst improvisiert, später auskomponiert und aufgeschrieben. Durch den ostinaten Bass auf meist nur vier verschiedenen Tonstufen kommt uns diese musikalische Form seltsam modern und vertraut vor – denn ähnlich kreisförmige, repetitive musikalische Strukturen prägen auch den Blues und davon ausgehend Rock, Pop und Jazz. Aber das nur nebenbei.

Die Ciaccona, die Tina Tonagels Arbeit den Titel leiht, also die Ciaccona di paradiso, e dell‘ Inferno, stammt aus der Mitte des 17. Jahrhunderts und ist nur anonym überliefert – aber ein ganz reizendes Stück Musik für zwei Gesangsstimmen mit dezenter Basso Continuo-Begleitung. Es ist ein steter Wechselgesang von Frauenstimme auf der einen und Männerstimme auf der anderen Seite und – wen wundert‘s? – die Frau ist dem Paradies zugeordnet, der Mann der Hölle. [...] Musikalisch haben beide, hoch und tief, eigentlich sehr ähnliches zu tun, aber auf der textlichen Ebene, da scheiden sich die Geister.

Alle reden vom Wetter – die auch:

So singt der paradiesische Sopran beispielsweise:
„Hier gibt es nie Frost, Wind oder Hitze, denn das Wetter ist stets wohltemperiert. Es gibt weder Regen, noch Sturm oder Blitz, denn hier ist der Himmel immer heiter.“

Worauf der höllische Bass antwortet:
„Feuer und Eis, o welches Erschrecken, Sturm, Flut und größte Hitze, alle auf einmal; das ganze Unwetter ist hier unten versammelt, oh, was für ein Elend!“

Wir sehen, hier herrschen bei vollkommener musikalischer Eintracht die denkbar größten inhaltlichen Gegensätze, in höchst dramatischer Manier zugespitzt.
Und was macht Tina Tonagel daraus? Sie setzt zur großen Ernüchterung an. Statt barockem Pathos und flammender Bekehrungsrhetorik regieren hier maschinenbauerische Präzision und exakte Berechnung. Das duale Prinzip behält sie bei, hier schwarz – da weiß, Himmel und Hölle hübsch auf zwei Wände links und rechts verteilt. Das heißt: Die technische Transformation ist zugleich eine elegante Form der Abstraktion.

Aber natürlich macht sich die Künstlerin auch einen Witz daraus: Mit der eingangs erwähnten Erhabenheit des Papiers ist es nämlich nicht weit her; Sie haben es entweder schon gesehen oder ahnen es längst: Es handelt sich dabei nur um die besonders griffige Struktur von Toilettenpapier.
Das ist nicht nur Trägermaterial des Einladungsbildes, sondern sozusagen auch Hauptakteur der ganzen Installation, erstaunlicherweise nicht nur in weiß auf schwarz, sondern auch umgekehrt in schwarz vor weißer Wand.
[...,]
Die Künstlerin hat sich nicht nur auf die gegebene räumliche Situation perfekt eingelassen, sie hat auch so etwas wie die neuzeitliche Variante einer Spieluhr konstruiert, ein raumfüllendes mechanisches Ballett.
Tina Tonagel läßt die Puppen tanzen, besser gesagt: die Pappen, also die Röhren des Toilettenpapiers. Durch ausgefeilte elektronische Steuerung reagieren abwechselnd die himmlischen und die höllischen Klopapierrollen auf die Musik und spulen sich fortwährend runter und wieder hoch; es ist ein stetes Auf und Ab, fast wie im richtigen Leben.
[...]
Will heißen: Der Künstlerin gelingt das schier Unmögliche – die Versöhnung des Sakralen mit dem ganz Profanen, von Albernheit und Eleganz, von Subversion und Präzision, von Sanft und Sicher.
[...]

Stephan Trescher zur Eröffnung der Ausstellung
im cuba-cultur-Foyer am 1. Juli 2011




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