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Mutiertes Empfinden

Foyerausstellung von Kirill Ivlev
Mai - Juni 2011



















Ausstellungsdauer: 20. Mai - 24. Juni 2011












Kirill Ivlev

1978 geboren in Kertsch / Ukraine
2000 - 2001 Studium der Kunstgeschichte, Volkskunde, Sozioplogie / WWU Münster
2001 – 2008 Kunstakademie Münster / Klasse Timm Ulrichs / Klasse Michael van Ofen
2005 Gastsemester HGB Leipzig / Prof. Ulrich Hachulla

Ausstellungen

2009 Die Schönheit hat keine Ahnung
dst.galerie, Münster (E)
Aufriss / Westfälisches Landesmuseum, Münste r(G)
Kontakt 09 / dst.galerie, Münster (G)
2008 Gedanken zur Revolution / Universal Cube, Leipzig (G)
Herr des Berges / Wewerka Pavillon, Münster (E)

Plastik als Sprengstoff

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Als allererstes möchte ich Dank sagen: an alle, die diese Ausstellung ermöglicht haben, besonders aber an Kirill Ivlev für seinen unermüdlichen Einsatz bis zur letzten Minute und, auch in seinem Namen, an Laura Schubert für ihre Rolle als lebenswichtige Organspenderin, oder wie sie selbst es nennt, ihren Einsatz als Organistin. Danke.

Das nächste, was ich zu verkünden habe, wird etwas  unangenehmer: Es tut mir sehr leid, aber ich habe Ihnen zwei unerfreuliche und nur eine erfreuliche Mitteilung zu machen.

Unerfreulichkeit Nr. 1: Gestern nacht hat sich hier eine Explosion ereignet.

Das Erfreuliche: Es ist nur wenig Radioaktivität dabei ausgetreten.

Unerfreulichkeit Nr 2: Die Explosion kam so unerwartet, dass sie auch mich völlig überraschte. Erst tappte ich im Nebel, dann sah ich nichts. Ganz allmählich begann ich, die Situation zu überblicken: Da war doch noch Kunst übriggeblieben – aber zu meinem Erschrecken mußte ich feststellen, dass meine Notizzettel völlig durcheinandergewirbelt worden waren.  Bis jetzt ist es mir noch nicht gelungen, sie wieder lückenlos zusammenzusetzen; mein Vortrag wird daher etwas bruchstückhaft bleiben müssen, wenn auch nicht ohne Zusammenhang.

Ich hoffe, Sie haben alle die wunderschöne, gruselig rätselhafte Postkarte gesehen, die der Künstler als Einladung zu dieser Ausstellung gestaltet hat: Ein bißchen Munch, ein bißchen Bacon und ganz viel Kirills Horror Picture Show. Aber keine Angst: Ich werde mich bemühen, dem Wahn und der Wildheit, die hier herrschen, etwas entgegenzusetzen, um sie Ihnen etwas leichter verdaulich zu machen.

Was an diesem Bild die meisten Rätsel aufgibt, ist die Frage: Steckt etwas dahinter? Also: ist diese tuchverhüllte Fratze mit dem weit aufgerissenen borstigen Mund und der violett schimmernden Hand schon das Werk? Oder ist es eher eine Art von Denkmal oder Skulptur, die hier und heute erst noch enthüllt werden muß?

Ich möchte  darauf mit einem entschiedenen „sowohl als auch“ antworten. Dann aber gleich einen Schritt weitergehen und behaupten, dass es nicht nur um eine Enthüllung geht, sondern um eine Entblößung:

„Er hatte sich bis auf den letzten Faden nackt ausgezogen, die Kleidungsstücke ordentlich zusammengelegt auf dem Boden gestapelt und sich in der Mitte des Raumes sorgfältig nach der Längsachse der breiten Galerie ausgerichtet .....“

Von wem ist hier die Rede?

Vom Künstler? Vom Kurator?

Augenscheinlich weder noch. Die unterbehoste Figur, die hier im Raum steht, erinnert an keinen von beiden.

„‚Und die Nacktheit? ....„Warum hat er sich nackt ausgezogen?‘

Verdammt gute Frage....“

Aber es könnte sich bei dieser lebensechten Skulptur doch immerhin um eine Stellvertreterfigur des Künstlers handeln. Denn wir sehen sie in Ausübung künstlerischer Tätigkeit, beim Verfertigen eines Bildes Nur leider ist ihm etwas dazwischengekommen.

„Täglich liest man in der Zeitung von spontanen Explosionen, man blättert um und denkt im Stillen: das Schicksal wird mich sicherlich verschonen.

Ich frage Sie: wie konnte so etwas geschehn?“

Aber die Antwort will ich lieber gar nicht erst abwarten. Es gibt Dinge, die spotten jedem Erklärungsversuch.

Der Mann kam, sah – und explodierte.

„Er schauderte. Du musst dir etwas einfallen lassen.[...] Er betrachtete die Wände seines prächtigen Gefängnisses. Die weltberühmten Gemälde schienen auf ihn herabzulächeln wie alte Freunde.

In einem immer dichteren Nebel aus Schmerz mobilisierte er die letzten Kräfte. Die schwierige Aufgabe, die vor ihm lag, würde jede Sekunde der wenigen Zeit beanspruchen, die ihm noch blieb.“

Ist das nicht eine Situation, in der jeder Künstler lebt? Bemüht, die ihm zugemessene, immer viel zu knappe Zeit zu nutzen, um ein letztgültiges Werk zu schaffen und  seine Botschaft zu übermitteln?

Mit der gebotenen Drastik, damit das tumbe Publikum ihn auch versteht?

Handelt er nicht sowieso wie ein Selbstmordattentäter, der sich selbst aufgeben und opfern muß, dem Werk zuliebe?

Je nach Naturell bescheiden, still und demütig - oder prahlerisch machomäßig, mit ganz viel Wumms dahinter:

 „T.N.T  I'm Dynamite

T.N.T. And I'll win the fight

T.N.T. I'm a power‑load

T.N.T. Watch me Explode.“

Und was bleibt, wenn Schall und Rauch der Explosion sich verzogen haben? Die metaphorische Darstellung des Künstlers als jemand, der wortwörtlich aus sich selbst heraus schöpft?

„Er hatte den Finger augenscheinlich in die Wunde getaucht und den blutigen Finger dann als Pinsel [...] benutzt.“

Außerdem noch seine inneren Organe und Gedärme.

Und damit begonnen, drei ganz unterschiedliche Bilder zu gestalten: Zum einen ein pastos gepinseltes Landschaftsbild von fremder Hand, das mit Organen dekoriert wird wie mit Votivtafeln, mit Christbaumschmuck oder Party-Girlanden.

Dann ein selbstgemachtes Magen/Darm-Bild.

Und schließlich ein noch in Entstehung begriffenes, ebenso organisch-dynamisches Bildwerk.

Um auf Nummer zwei noch ein bißchen näher einzugehen: Ganz neu definiert wird darin der Begriff des Lieblings-, also des „Leib-und-Magen“-Bildes: Hier ist es eine wunderbar türkis-rot-braun schimmernde, plastische Darstellung eben jenes Zentralorgans, umrahmt vom Zirkelschluß des Gedärms. Der solchermaßen angedeutete ewige Kreislauf hat auch ein Thema: Die Geschichte der Kunst. Denn wie die geborstene Magenwand offenbart, besteht der Mageninhalt aus nur zum Teil verdauter, jedenfalls noch erkennbarer Kunstgeschichte in Schnipselform, von denen zumindest der Isenheimer Altar deutlich zu identifizieren ist.

Um es noch einmal ganz deutlich zu sagen: Es handelt sich hier keinesfalls um ein Sakrileg, das an der Kunst begangen wird, vielmehr um ein Sakrifizium.

Ist es aber vielleicht auch eine Verbildlichung des schöpferischen Tuns „aus dem Bauch heraus“, im Sinne einer Unmittelbarkeit des Gefühls?

Dann wehte ja doch ein Hauch von Ironie durch diese Installation. Und das Empfinden mutiert von blankem Entsetzen, Erstaunen und Ekel über Verwunderung und Nachdenklichkeit zum Wohlgefallen.

Kirill  Ivlev sagt von sich, dass er am liebsten mit dem Rücken zur Wand arbeite, also eigentlich in Situationen höchster Bedrängnis – und sei es auch nur die zeitliche Bedrängnis der nahenden Ausstellungseröffnung. Solchermaßen unter Druck stehend, kann es einen schon mal zerreißen. Oder jemand anders:

„Gestern nacht ist meine Freundin explodiert,

ich hatte nicht damit gerechnet, darum bin ich blutverschmiert.

Man kann sagen, ich bin ziemlich irritiert:

gestern nacht ist meine Freundin explodiert.“

Doch ein Künstler denkt nicht immer nur und ausschließlich über seine Freundin nach, sondern, wenn er, wie Kirill, ein guter ist, auch über sein eigenes Tun, über Kunst und Künstler. Aber alles Denken wird ihm wieder zur Kunst, jeder Begriff zum Bild.

Da beißt sich die Katze in den Schwanz.

Das zeugt von ungeheurer Eleganz:

„Meine Freundin ist passé, so wie ein China‑Böller "D"

sie flog mir plötzlich um die Ohren, kein Wunder, dass ich traurig bin:

ich hab nicht nur 'ne Frau verloren, nein, auch die Bettwäsche ist hin.

Ich wollt sie grade küssen, da gab es einen Knall ‑

grad eben lag sie neben mir, jetzt liegt sie überall.“

Überall umgeben uns Bilder, in der medialen Flut drohen wir beständig unterzugehen. Und in diesem Bilderwahnsinn tut es manchmal ganz gut, sich an das Treibgut der Tradition zu halten oder sich zumindest daran abzuarbeiten. Und erstaunlicherweise tut das Kirill Ivlev auch in diesem explosiven Ensemble hier, er zerdehnt, zerreißt und verhackstückt Akt, Porträt Stilleben und Landschaftsbild.

Eigentlich abgedankte, überholte Kunstformen, so scheint es. Die Gemälde, die der Künstler, insbesondere hier im Salon, dafür als Grundlage nutzt, sind alle abgenutzt im wahrsten Sinne des Wortes, stammen nicht bloß aus dem Fundus der Kunstgeschichte, sondern direkt vom Flohmarkt.

Daraus werden in Landschaften eingefügte Landschaftsbilder,  besprenkelte, gesprengte und beklebte Leinwände, gewachst oder durchlöchert, schwer goldgefaßt oder total entrahmt, aber auch etwas höchst Poetisches wie jenes surreale Gemälde mit schwebendem Doppelbaum und Schaf im Himmel.

Alles ist second hand. Und dennoch entsteht daraus etwas gänzlich neues, wie der Phönix aus der Asche, in diesem Fall aus dem Feuersturm der Explosion, ein bißchen gerupft und zerzaust vielleicht, ein wenig komischer Vogel, ein bißchen auch Grillhähnchen –  aber eigentlich: Phönix.

Oh, und bevor mir hier einer der derzeit beliebten Plagiatsvorwürfe  gemacht wird, gebe ich offen zu: Teile meiner Rede sind auch aus zweiter Hand. Ich danke also meinen Leihgebern, in alphabetischer Reihenfolge: AC/DC, den Ärzten, Dan Brown und William S. Burroughs:

„Cut up or shut up!“

Stephan Trescher zur Eröffnung der Ausstellung von Kirill Ivlev im cuba-cultur-Foyer Münster, am 20. Mai 2011




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