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Raum

Foyerausstellung von Franziska Lena Kluw
November 2011



















Ausstellungsdauer: 4. Nov. – 16. Dez. 2011













franziska-lena-kluw.de

Raum auszuhalten

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Was tut Franziska Lena Kluw hier? Etwas ganz ähnliches: Auch sie betreibt eine Analyse des Bestehenden mit dem Ziel einer ästhetischen Neuordnung.

Sie setzt sich mit dem Raum auseinander. Sie tut das intensiv und sie tut es mit sportlichem Ehrgeiz, und obwohl sie in gewissem Sinne kapituliert, bleibt sie doch am Ende Siegerin. Nicht nur nach Punkten, sondern auch nach Linie und Fläche, nach Strich und Faden, also letztlich vollumfänglich. Aber der Reihe nach:

Tatsächlich war es so, dass die Künstlerin etliche Ideen für diesen Raum des vorderen Foyers entwickelte, dabei aber immer wieder an den Punkt geriet, wo die geforderte Funktionalität  und Alltagstauglichkeit des Ortes, vor allem aber seine zahllosen Einbauten ihr letztlich einen Strich durch die Rechnung machten: Immer war irgendwo eine Tür zu viel, ein Wandvorsprung oder eine Heizung – und es schien nicht möglich, ihr erklärtes Ziel, nämlich den Raum ästhetisch zu beruhigen, umzusetzen.

Deshalb ging sie zum Gegenangriff über und zur „Duplizierung der Dinge, die mich total nerven“. In einigen Fällen reichte der Nervigkeitsgrad sogar bis zur reaktiven Verfünffachung. Das ist aber beileibe kein bloßer Racheakt; dahinter steckt die Idee, durch Übertreibung eine neue Struktur zu gewinnen, durch das Chaos hindurch wieder zu einer Art von ästhetischer Ordnung zu gelangen. Und also fotografierte die Künstlerin alle Zutaten zum Raum, die sie als störend empfindet, alle Türen und Heizkörper eben, und zog sie, ins Bild gebannt und auf Graustufen reduziert, im Maßstab eins zu eins auf Spanplatten auf.

Die sehen Sie nun hier, 14 Stück, in gefälliger Anordnung gruppiert und ganz schön aufgeräumt. Natürlich geschieht das lässige Lehnen der Platten nicht zufällig sondern ist wohlkalkuliert. Franziska Lena Kluw intendiert aber auch kein perfekt illusionistisches Spiegelkabinett, in dem man  aus Versehen vor eine Holzwand rennt anstatt die Klotür zu finden. Dazu sind die Kopien zu billig, dafür weichen die Formate der Fotos zu sehr von denen mancher Platten ab, die dann noch ein Stück Spanbraun sehen lassen. Es geht der Künstlerin um eine neue Ordnung in skulpturalen, räumlichen Schichten und eine neue Wahrnehmung des Raumes.

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Kluws Arbeiten sind das, was man gerne als autonomes Kunstwerk apostrophiert und sie könnten in jedem noch so cleanen White Cube – igitt, was für ein Denglisch! – also in jedem noch so sauberen weißen Würfel von Museumsraum bestehen. Hier aber hat die Künstlerin sie für den Ort entwickelt, modifiziert oder zumindest instrumentalisiert.

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Franziska Lena Kluw geht den Weg der fortschreitenden Reduktion. Vom kleinen, aber in unserem Kontext geradezu schreiend bunten Spanplattengemälde hin zu einem Ding, das trotz gleicher Materialien – Spanplatte und Farbe – eher wie ein Brett wirkt als wie ein Bild. Exakt in die vorhandene Wandnische eingepaßt, scheint es da nur lässig zu lehnen. Aber die Randstreifenbemalung in reinem Weiß belehrt uns eines besseren: Sie antwortet auf die Seiten der Wandvertiefung, wiederholt deren sichtbar bleibende Restformen; die weißen Streifen transportieren so den Raum in die Fläche des Bildes und transformieren die Spanplatte in eine Art von Spiegel. [...]

Vom Spanspiegel  gelangen wir schließlich in den hintersten und ansonsten sicher  unbeachtetsten Winkel der cubanischen Räume. Hier hat die Künstlerin einen schwarzglänzenden Tetraeder in die weiße Raumecke eingefügt. Die Spitze zeigt nach unten und der Gattungsanzeiger steht, nach Fotografie und Malerei diesmal eindeutig auf Skulptur – wäre da nicht noch das Licht. Mittels paßgenauer Projektion findet nämlich die auf der Spitze stehende Beinahpyramide eine leuchtende Wiederholung, die mit dem Fußboden bündig abschließt. So als würde die lichte Form den schwebenden schwarzen Keil tragen bzw. der schwarze Keil nicht einfach stalaktitisch herabhängen, sondern auf der Spitze seines leuchtenden Gegenstücks balancieren. Wir haben es hier natürlich, ähnlich wie schon beim Nischenbrettbild, mit einer rein gedachten Spiegelung zu tun, mit einem nur in unserer Vorstellung existierenden geometrischen Körper. Und haben damit beim Gang durch die Ausstellung einen Weg beschritten vom Abbild über das Bild zum virtuellen Bild; von der De- und anschließenden Rekonstruktion des Raumes, über die Konstruktion hin zur reinen Imagination.

Am Schluß steht also die Auflösung des Raumes ins Immaterielle; nicht ins Nichts, sondern ins Licht.

Auszüge aus der Rede von Stephan Trescher zur Eröffnung der Ausstellung „Raum“ von Franziska Lena Kluw am 4. November 2011




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