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David Miller Projekt

 

Ausstellung "Stümpfe"&"Memo Pad" in der Stadtbibliothek Münster 11. Sept. - 9. Okt.

Langsaiteninstallation in der Galerie Stadthaus II, Ludgeriplatz, 11. Sept. - 9. Okt. 

Eröffnungskonzert Galerie Stadthaus II, 11. September 20 Uhr.
 

Die Ausstellung `Stümpfe &`MEMO PAD´ präsentierte überdimensionale Abreißblöcke (48 x 40 cm und 68 x 80 ) mit historischen Fotomotiven und dem Foto einer Palette und einer Baumscheibe. Ein Foto stammt aus der Stadtbibliothek Münster und zeigt ein Holocaustopfer. Das zweite Motiv zeigt einen Koffer in der Aufsicht in Originalgrösse. Die Präsentation sollte die medial vermittelte (Wieder-) Aneignung von Geschichte thematisieren. Ferner war die Austellung so konzipiert, das sich jeder Besucher ein Blatt des Memoblocks abreißen und mitnehmen konnte. Desweiteren wurden auf Tischen und Boards überall in der Stadtbibliothek kleinere Memoblöcke ( Format DIN C6 ) ausgelegt werden. Die Motive auf den Notizblöcken entsprachen denselbigen wie auf den grossen Memopads. Der jüdisch-kanadische Künstler nennt diese jedoch "Stumps", was auf deutsch übersetzt Stümpfen entspricht.
 


 
  Die Langsaiteninstallation, die der kanadische Künstler David Miller im September in Münster zeigte, bestand aus sechs Koffern, welche längs an Klaviersaiten aufgehangen waren. Die Saiten wurden jeweils an zwei Punkten des Raumes verankert und stramm gespannt. Sie befanden sich in unterschiedlichen Höhen und kreuzten den Ausstellungsraum in verschiedenen Winkeln, so das sein Volumen in viele durchschnittene, jedoch auch in Beziehung zueinander stehende Bereiche, gegliedert wurde. Obwohl die Rauminstallation mit ihrem Ensamble aus Drahtseilen und Koffern beim Betrachter ein Gefühl für Offenheit erwecken mochte, konnte es riskant sein den Raum zu durchschreiten. Sich durch die Austellung zu bewegen erforderte Bedächtigkeit. Die reale räumliche Fragmentierung in Verbindung mit dem Gefühl von schwerelosen Koffern umgeben zu sein, mochte auf den ersten Blick zunächst eine komische Athmosphäre entstehen lassen. Scheinbar bediente sie sich jedoch einer theatralischen Arbeitweise um ein Gegengewicht zur inaltlichen Bedeutung dieser Arbeit eines Künstlers jüdischer Abstammung aufzubauen. Der leere Koffer welcher an der Klavierseite hing ist aber auch ein Resonanzksrper und diente dem Künstler und seinen Mitmusikern während der Eröffnung als Musikinstrument. Weil David Miller die Klaviersaiten mit einem Violinbogen strich gelangt es ihm eine unendliche Zahl von Tönen zu erzeugen. Indem die Objekte zum Klingen gebracht wurden, und angeregt durch die alten Koffer erinnerte man den Zustand der Abwesenheit.



Anlässlich der Eröffnung wurde die Langsaiteninstalation in einem Konzert von den Musikern Michael Kolberg, Berthold Schulte, Klaus Wallmeier und dem Künstler selbst bespielt.



Eröffnungsrede zu: David Miller "Stümpfe" Stadtbibliothek Münster am 10.09.99

David Miller wurde am 17. Juni 1960 in Montreal, Kanada geboren. Nach dem Studium der Fächer Photographie und Medienkunst am Sheridan College of Applied Art and Technology in Oakville, Ontario und am Nova Scotia of Art and Design beendete er seine Ausbildung am Institut vor Contemporary Art an der Simon Fraser University in Vancouver.

Neben zahlreichen Ausstellungen in Kanada und seit 1993 auch in Europa ist dies nun seine zweite Ausstellung in Deutschland und seine erste in Münster. Genauer gesagt handelt es sich um zwei parallel stattfindende Präsentationen. Die zweite Ausstellung wird heute um 19 Uhr in den Galerieräumen am Stadthaus II, Ludgerikreisel eröffnet. Dort kann man die Kunst nicht nur betrachten, sondern durch ein Konzert auch akustisch erfahren.

Hier in der Stadtbibliothek stellt der Künstler drei Gruppen von Memo-Pads aus: im Lesesaal, im Foyer und auf Tischen und Boards verteilt in der gesamten Bücherei.

Das englische Wort Memo-Pad läßt sich am besten mit dem deutschen Begriff Notizblock übersetzen. Oft finden wir diese in bunten Farben, in quadratischem Format und die einzelnen Seiten mit einer Leimbindung zusammengehalten, auf unseren Schreibtischen meistens in direkter Nachbarschaft zu einem Telefon und einem Kugelschreiber, der wieder einmal nicht schreibt...

In der Kriminologie taucht hin und wieder ein Fall auf, wo ein kluger Detektiv die Spuren einer Notiz mittels einer Bleistiftschraffur wieder lesbar macht, und dadurch der Aufklärung des Falles näher kommt. In der Alltagswelt von Büromenschen haben die Erinnerungsnotizen in Form von Kurzmitteilungen, Telefonnummern und Kritzeleien jedoch nur eine minimale Halbwertzeit. Man knüllt die kleinen Zettelchen zusammen und freut sich wie ein Basketballspieler, wenn man sie im Papierkorb versenkt.

Auch der Künstler David Miller verwendet Notizblöcke als Ausgangsmaterial für seine Objekte. Es sind dies jedoch keine alltäglichen Büroutensilien, sondern überdimensionale Abreißblöcke. Deren enormes Gewicht entsteht nicht nur durch die Summierung von Seiten, sie zeigen uns auch eine inhaltliche Gewichtung durch die bewußte Verwendung der Motivkonstellation. Der Kanadier David Miller hat die einzelnen Blätter seiner Memo-Pads beidseitig mit Fotomotiven bedrucken lassen. So ist es sicherlich kein Zufall, wenn einer Palette, also dem beweglichen Fundament einer just-in-time-Güterproduktion und Warenlogistik auf der Rückseite, oder sollte ich besser sagen auf der Kehrseite, ein Baumstumpf gegenübergestellt wird.

Das zweite Memo-Pad kombiniert ebenfalls zwei Photographien. Auf der Vorderseite ist das Aufsichtphoto eines älteren Koffers in Originalgröße abgebildet. Das 4000 mal erscheinende Foto auf der Rückseite zeigt ein stark verwundetes Baby, welches an seinem leblosen Arm gehalten wird. David Miller, der väterlicherseits jüdischer Abstammung ist, hat das Photodetail aus dem Jahre 1944, einem Buch über den Holocaust aus dieser Stadtbibliothek entnommen. Dieser B l o c k der Wiedererinnerung aktualisiert somit die medial vermittelte Wiederaneignung von Geschichte.

David Miller wünscht sich, daß Sie sich der Kunstwerke bedienen, indem Sie die Seiten der Memo-Pads abreißen und mitnehmen. Durch Ihr Handeln sorgen Sie und andere Besucher der Stadtbibliothek Münster einerseits für ein beabsichtigtes Verschwinden der Objekte, andererseits aber für eine Neuentstehung der mitgenommenen Blätter durch ihre private, individuelle Verwendung.


Rede zu: David Miller Kofferinstallation: Stadthaus II

Wir alle kennen Sorten von verschiedenen Koffern: Aktenkoffer, Arztkoffer, Schrankkoffer, Reisekoffer oder Instrumentenkoffer.

Dient der Instrumentenkoffer dazu, seinen Inhalt vor Stössen, Staub und Temperaturschwankung zu bewahren, führt er im Vergleich zum oftmals wertvollen Instrument selber, ein Schattendasein.

Die Installation, welche der kanadische Künstler David Miller zum ersten Mal in Münster zeigt, wendet dem Koffer, als einem Bestandteil seiner Arbeit, mehr Aufmerksamkeit zu. Wir entdecken Koffer, welche längs, nicht einfach an Drähten, sondern an Klaviersaiten aufgehangen sind. Diese Saiten sind an jeweils zwei Punkten des Raumes verankert und zusätzlich mit Zugelementen stramm gespannt.

Die Saiten befinden sich in unterschiedlichen Höhen und kreuzen den Ausstellungsraum in verschiedenen Winkeln, so daß sein Volumen in viele durchschnittene, jedoch auch in Beziehung zueinander stehende, Bereiche gegliedert wird.

Obwohl die Rauminstallation mit ihrem Ensemble aus Drahtseilen und Koffern beim Betrachter ein Gefühl für Offenheit erwecken mag, könnte es riskant sein, den Raum zu durchschreiten. Sich durch die Ausstellung zu bewegen, erfordert Bedächtigkeit und Geschick.

Die reale räumliche Fragmentierung in Verbindung mit dem Gefühl, von schwerelosen Koffern umgeben zu sein, läßt auf den ersten Blick zunächst eine komische Athmosphäre entstehen. Scheinbar bedient sie sich jedoch einer theatralischen Masche, um ein Gegengewicht zur inhaltlichen Bedeutung dieser Arbeit eines Künstlers jüdischer Abstammung aufzubauen. Der leere Koffer, der an der Klaviersaite hängt ist aber auch ein Ressonanzkörper und dient dem Künstler während der Eröffnung als Musikinstrument. Weil David Miller und seine Mitspieler die Klaviersaiten mit einem Violinbogen streichen, gelingt es Ihnen, eine unendliche Zahl von Tönen zu erzeugen. Indem die Objekte unterschiedlicher Größen, Gewichte und Volumina zum Klingen gebracht werden, und angeregt durch die symbolische Bedeutung alter Koffer und einer einzelnen Milchkanne, wird an die imaginären Kofferträger und deren Geschichte erinnert.




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