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Geschichten

Man gibt seinem Kind bei der Rückkehr keine Anweisungen, sondern wenn es aufbricht.”
Sprichwort aus Zentralafrika

In Afrika erzählt man sich viele schöne Geschichten, aus denen ihr auch lernen könnt. Der berühmte Nelson Mandela, Freiheitskämpfer und erster Präsident von Südafrika( http://de.wikipedia.org/wiki/Nelson_Mandela) hat einige Geschichten für euch aufgeschrieben. Quelle: Nelson Mandela: Meine afrikanischen Lieblingsmärchen. 2004: Verlag C.H. Beck, München. Mit freundlicher Genehmigung des C.H. Beck Verlages sind  folgende Geschichten aus dem Buch angeführt: Der betörende Gesang des Zaubervogels (S. 9-13); Die Katze, die ins Haus kam (S. 13-17)

Viel Vergnügen beim Lesen!

Der betörende Gesang des Zaubervogels

(Geschichte aus Tanzania, Ostafrika)

Eines Tages kam ein seltsamer Vogel in ein kleines, zwischen Hügeln eingebettetes Dorf. Von diesem Augenblick an war nichts mehr sicher. Alles, was die Dorfbewohner auf den Feldern anpflanzten, verschwand über Nacht. Jeden Morgen gab es weniger Schafe, Ziegen und Hühner. Selbst tagsüber, während die Leute auf dem Land arbeiteten, kam der Reisenvogel, brach ihre Lagerhäuser und Kornspeicher auf und stahl ihnen ihre Wintervorräte.

Die Dorbewohner waren am Boden zerstört. Überall herrschte Not – allenthalben waren Klagelaute und Zähneknirschen zu hören. Niemand – nicht einmal der tapferste Held des Dorfs – konnte des Vogels habhaft werden. Er war einfach zu schnell für die Menschen. Kaum, dass sie ihn einmal sahen: Sie hörten nur das Rauschen seiner mächtigen Schwingen, wenn er sich in der Krone der uralten Steineibe unter dichtem Laubwerk niederließ.

Der Dorfvorsteher riss sich die Haare aus vor Verzweiflung. Eines Tages, nachdem der Vogel auch ihm das Vieh und die Wintervorräte geplündert hatte, befahl er den älteren Männern, ihre Beile und Buschmesser zu schärfen und geschlossen gegen den Vogel vorzugehen. „Fällt den Baum – das ist das einzige, was hilft”, sagte er.

Mit blank gewetzten Beilen und Buschmessern bewaffnet, näherten sich die älteren Männer dem Baum. Die Ersten Schläge waren wuchtig und trafen den Stamm tief ins Mark. Der Baum erzitterte, und aus dem dichten Laub seiner Krone tauchte der seltsame, geheimnisvolle Vogel auf. Ein honigsüßes Lied entströmte seiner Kehle. Es dran den Männern ins Herz und erzählte von fabelhaften, fernen Dingen, die nie wiederkehren würden. So betörend war der Klang, dass die Männer, einer nach dem anderen, ihre Beile und Buschmesser fallen ließen. Sie sanken auf die Knie und starten mit sehnsüchtigen, wehmutsvollen Blicken hinauf zu dem Vogel, der da in seiner ganzen farbenfrohen Pracht für sie sang.

Den Männern wurden die Hände schwach. Ihre Herzen wurden weich. Nein, dachten sie, ein so schöner Vogel könnte nie soviel Schaden und Zerstörung anrichten! Und als die Sonne rot im Westen unterging, wankten sie wie Nachtwandler zurück zum Dorfvorstehen und sagten ihm, nichts, aber auch gar nichts könne sie dazu bewegen, dem Vogel irgendein Leid anzutun.
Der Vorsteher wurde sehr ärgerlich. „Dann müssen mir eben die jungen Männer unserer Dorfgemeinschaft helfen”, sagte er. „Die jungen Burschen sollen die Macht des Vogels brechen.”

Am nächsten Morgen nahmen die jungen Männer ihre glänzenden Beile und Buschmesser und machten sich auf den Weg zum Baum. Die ersten Schläge waren wieder wuchtig und trafen den Stamm tief ins Mark. Und genau wie zuvor öffnete sich das grüne Laubdach des Baumes, und der seltsame Vogel erschien in seiner vielfarbigen Pracht. Wieder schallte eine höchst wundersame Weise durch die Hügel. Betört lauschten die jungen Männer dem Lied, das ihnen von Leibe und Tapferkeit und den heldenhaften Taten sprach, die ihrer harrten. Dieser Vogel kann nicht schlecht sein, dachen sie. Dieser Vogel kann nicht bösartig sein. Den jungen Männern wurden die Arme schwach, die Beile und Buschmesser entglitten ihren Händen, und sie knieten nieder wie vor ihnen die älteren Männer, um dem Gesang des Vogels wie in Verzückung zu lauschen.

Als die Nacht hereinbrach, taumelten sie verwirrt zum Vorsteher zurück. In den Ohren klang ihnen noch immer der betörende Gesang des geheimnisvollen Vogels. „Es ist unmöglich”, sagte der Anführer der Gruppe. „Niemand vermag der Zauberkraft dieses Vogels zu widerstehen.”
Der Dorfvorsteher war wütend. „Jetzt bleiben nur noch die Kinder”, sagte er. „Kinder hören genau, und ihr Blick ist klar. Ich werde mit den Kindern gegen den Vogel losziehen.”

Am nächsten Morgen gingen die Dorfkinder unter der Führung des Dorfvorstehers zu dem Baum, auf dem der seltsame Vogel saß. Sobald sie auf den Stamm einhackten, öffnete sich das Laubdach und der Vogel erschien wie schon zuvor – in all seiner berückenden Schönheit. Doch die Kinder schauten nicht nach oben. Ihre Blicke blieben auf die Beile und die Buschmesser in ihren Händen gerichtet. Und sie hackten, hackten, hackten zum Rhythmus ihrer eigenen Musik.
Der Vogel begann zu singen. Der Vorsteher hörte wohl, dass sein Gesang von einzigartiger Schönheit war, und er merkte, wie ihm die Hände schwach wurden. Doch die Ohren der Kinder vernahmen nichts als die eintönigen, regelmäßigen Schläge ihre Beile und Buschmesser. Und wie betörend der Vogel auch singen mochte, die Kinder hackten, hackten und hackten immer weiter.


Schließlich ächzte der Stamm und zerbarst. Der Baum stürzte zu Boden und mit ihm fiel der seltsame, geheimnisvolle Vogel. Der Vorsteher fand den Vogel auf dem Boden liegen, erschlagen vom Gewicht der Äste.

Von überall her kamen die Menschen herbeigeeilt. Die kampferprobten älteren Männer und die starken jungen Männer konnten nicht glauben, was die Kinder mit ihren dünnen Ärmchen vollbracht hatten!
An diesem Abend ließ der Dorfvorstehen ein großes Fest feiern, um die Kinder für ihre ganzvolle Tat zu belohnen. „Ihr seid die Einzigen, die genau hören und einen klaren Blick haben”, sagte er. „Ihr seid die Augen und Ohren unseres Volkes.”

Quelle: Nelson Mandela: Meine afrikanischen Lieblingsmärchen. 2004: Verlag C.H. Beck, München (www.beck.de)

 

Die Katze, die ins Haus kam

(Erzählung aus Zimbabwe)

Es war einmal eine Katze, eine wilde Katze, die ganz allein draußen im Busch lebte. Nach einer Weile hatte sie das Alleinsein satt und nahm sich einen Mann, eine andere Wildkatze, die ihr das herrlichste Geschöpf im ganzen Dschungel erschien.
Eines Tages, als sie gerade durch das hohe Gras streiften, kam – zisch – Leopard aus dem Gras gesprungen, und ehe Katzenmann es sich versehen hatte, lag er in einem Fellknäuel, die Pfoten von sich gestreckt, im Staub.
„O-oh!”, sagte Katze. „Nun, da mein Mann von Staub bedeckt ist, erkenne ich, dass er nicht das herrlichste Geschöpf im ganzen Dschungel ist. Das ist Leopard.” So tat sich Katze mit Leopard zusammen.
Sie lebten fortan sehr glücklich, doch eines Tages, als sie gerade im Busch jagten, sprang plötzlich – witsch- Löwe aus dem Schatten hervor, genau auf Leopards Rücken und fraß ihn mit Haut und Haaren.
„O-o-oh!”, sagte Katze. „Jetzt sehe ich, dass Leopard nicht das herrlichste Geschöpf im ganzen Dschungel ist. Das ist Löwe.”
So tat sich Katze mit Löwe zusammen.

Sie lebten fortan sehr glücklich, doch eines Tages, als sie gerade durch den Wald pirschten, ragte plötzlich eine riesige Gestalt über ihnen auf und – stampf – trat Elefant mit einem Fuß auf Löwe und zermalmte ihn.
„O-o-oh!”, sagte Katze. „Jetzt sehe ich, dass Löwe nicht das herrlichste Geschöpf im ganzen Dschungel ist. Das ist Elefant.”
So tat sich Katze mit Elefant zusammen. Sie kletterte ihm auf den Rücken und ließ sich schnurrend genau zwischen seinen beiden Ohren nieder.
Sie lebten fortan sehr glücklich, doch eines Tages, als sie gerade durch das hohe Schilf unten am Flussufer zogen, machte es wumm, und Elefant sank zu Boden.
„O-o-oh!”, sagte Katze. „Jetzt sehe ich, dass Elefant nicht das herrlichste Geschöpf im ganzen Dschungel ist. Das ist der Mann.”
So folgte Katze ihm den ganzen Weg bis zu seinem Haus, und sprang auf das Strohdach seiner Hütte.
„Endlich”, sagte Katze, „habe ich das herrlichste Geschöpf im ganzen Dschungel gefunden.”

Sie lebte sehr glücklich oben auf dem Strohdach und begann die Mäuse und Ratten zu jagen, die in dem Dorf lebten. Eines Tages aber, als sie gerade auf dem Dach saß und sich in der Sonne wärmte, hörte sie ein Lärmen aus der Hütte dringen. Die Stimmen von dem Mann und seiner Frau wurden immer lauter, und plötzlich – wara-wara-wara…yo-we! – kam der Mann herausgetaumelt und fiel kopfüber in den Staub.
„Aha!”, sagte Katze. „Jetzt weiß ich wirklich, wer dass herrlichste Geschöpf im Dschungel ist. Das ist die Frau.”
Katze kletterte vom Strohdach hinunter, spazierte in die Hütte hinein und hockte sich an die Feuerstelle.
Und dort sitzt sie auch heute noch.

 

 

Quelle: Nelson Mandela: Meine afrikanischen Lieblingsmärchen. 2004: Verlag C.H. Beck, München (www.beck.de)