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europäischen Ligen im Fernsehen gezeigt werden,
versammeln sich fast alle Jungs in meinem Heimatdorf vor den wenigen
Fernsehern und haben nur einen Wunsch. Nämlich selbst einmal
in Europa spielen zu können. Und wehe, der Fernseher fällt
wegen Altersschwäche aus. Das ist dann immer eine Katastrophe.
In Ihrem Buch träumt der Bruder der Ich-Erzählerin
auch von einer Fußball-Karriere in Europa. Aber die Erzählerin,
die seit einiger Zeit in Frankreich lebt, weigert sich, ihm mit
einem Flugticket die Reise nach Europa und damit die Chance zu ermöglichen,
seinen Traum zu erfüllen. Das ist doch hart, oder?
Diome: Nein, das war es in diesem Fall nicht. Ich schreibe
da über eine wahre Begebenheit, über mich und meinen eigenen
Bruder. Als ich in Frankreich war, galt ich in meiner Heimat als
jemand, der es geschafft hatte. Dass ich ein ziemlich erbärmliches
Leben als Studentin führte, mich einsam in der fremden Kultur
fühlte, mir meinen bescheidenen Lebensunterhalt als Putzfrau
hart verdienen musste, davon wollte keiner was wissen. Denn dass
es einem eingewanderten Schwarzafrikaner in Europa auch schlecht
gehen kann, dass ignorieren die Leute bei uns. Man sieht nur die
Erfolgreichen. So auch mein Bruder. Er dachte, wenn er hier hinkommt,
dann werde er fast automatisch eines Tages einer der Stars sein,
die er im Fernsehen sieht. Aber das wäre er nie geworden.
Das können Sie doch nicht wissen.
Diome: Ich hatte mich erkundigt. Mit seinen damals 20 Jahren
wäre er zu alt gewesen. Kein Club hätte ihn mehr in ein
Ausbildungszentrum aufgenommen. Außerdem hätte er als
eingewanderter Schwarzafrikaner in Europa noch mit ganz anderen
Dingen fertig werden müssen als lediglich damit, sich im Fußball
durchzusetzen. Das Leben hier ist so ganz anders als in ländlichen
Gegenden bei uns, die ganze Kultur fehlt. Und dann wird man manchmal
auch mit Rassismus konfrontiert.
Gibt es diesen Rassismus im französischen Fußball
denn noch? Immerhin haben die Franzosen doch ihre große Mannschaft
gehabt, die 1998 Weltmeister und 2000 Europameister geworden ist.
Und darin gab es so viele farbige Spieler, die zum Stolz der Nation
geworden sind.
Diome: Von dieser Mannschaft bin ich wirklich begeistert.
Sie hat allen gezeigt, dass es unerheblich ist, welche Hautfarbe
oder Herkunft jemand hat. Sondern dass es vielmehr darauf ankommt,
ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Jeder stellt sein Können
und Streben in den Dienst dieser Idee, und dann kann man alles erreichen.
Ein wenig hat dieser Geist damals auch die französische Gesellschaft
ergriffen. Aber den Rassismus gibt es trotzdem noch. Im Sport wie
im normalen Leben.
Welche Antwort könnte denn der Sport darauf geben?
Diome: Sie machen das Interview doch für einen Breitensportverein.
Und genau dort finde ich, wird diese Antwort schon gegeben. Die
Leute, die in solchen Clubs Sport treiben, wissen selbst, dass sie
nie die nationale Meisterschaft gewinnen und auch keine Millionen
verdienen werden. Dennoch treffen sie sich, um zu trainieren und
gegen andere Leute zu spielen, die in genau der gleichen Situation
sind. Da steht das gemeinsame Erlebnis noch im Vordergrund und nicht
das Ziel, möglichst viel Geld zu verdienen, das eigene Ego
zu befriedigen und sich als Marke zu verkaufen.
Aber letztlich will auch dort jeder gewinnen.
Diome: Klar. Aber wenn das dann nicht gelingt, bricht keine
Welt zusammen. Ich glaube, in solchen Vereinen herrscht ein Geist,
bei dem alle wissen, dass es um mehr als nur um das Siegen um jeden
Preis geht. Sondern dass hier vor allem Werte vermittelt werden,
die auch in der Gesellschaft wichtig sind: Respekt des Anderen,
Fairness, angemessenes Verhalten in der Gruppe.
Gibt es solche Vereine auch im Senegal?
Diome: Viel weniger als in europäischen Ländern.
In jüngster Zeit haben gerade senegalesische Spieler, die in
Frankreich ihr Geld verdienen, Fußballschulen bei uns eröffnet.
Ich habe aber die Befürchtung, dass sich diese Zentren schnell
in Kaderschmieden verwandeln, wo es dann doch wieder nur darum geht,
der Beste zu sein.
Letzte Frage: Ist ihr Bruder noch sauer, dass Sie ihm damals
das Flugticket nach Frankreich nicht gekauft haben?
Diome: Nein, ganz und gar nicht. Ich habe ihm Geld geschickt,
mit dem er einen kleinen Lebensmittelladen eröffnet hat. Damit
ist er sehr erfolgreich. Er hat sich ein Haus bauen und einen Fernseher
kaufen können, dank dessen er über den europäischen
Fußball immer bestens informiert ist. Außerdem hat er
angefangen, eine Fußballmannschaft von Jugendlichen aus unserem
Dorf zu trainieren. Er hat geheiratet
Nein, er ist sehr glücklich
heute.
Frau Diome, herzlichen Dank für dieses Gespräch.
Diome: Ich danke Ihnen. Und grüßen Sie bitte
den SV Blau-Weiß Aasee von mir.
Das Buch: Das Buch von Fatou Diome "Der Bauch des Ozeans"
ist auf Deutsch im Diogenes Verlag erschienen, hat 273 Seiten und
kostet 18,90 Euro.
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