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Ohne Aggression Stress verkraften
Wesenstest für Hunde beim Boxerklub
Von Ellen Bultmann - WN vom 12.06.02
Münster-Nienberge.   Der Rottweiler zeigt seine Zähne - aber auf Wunsch des stell­vertretenden Amtstier­arztes, Dr. Dieter Bolle, und im sicheren Griff seines Herrchens. Gerne lässt die Hündin sich nicht die Lefzen hochziehen und das Maul öffnen, aber sie erträgt die Prozedur ohne zu grummeln. Noch ahnt sie nicht, dass dieser Gedulds­prüfung zahlreiche folgen werden, denn mit vier weiteren Hunden nimmt sie an einer Wesens­prüfung des Veterinär- und Lebensmittel­überwachungs­amtes teil. Auf dem Gelände des Boxerklubs am Rüsch­hausweg sind drei reinrassige und ein Rottweiler-Mischling sowie eine Kreuzung aus Labrador und American Staffordshire Terrier erschienen. Für sie alle gilt die Vorschrift der Landes­hunde­verordnung, dass sie außerhalb eines eingezäunten Geländes stets an der Leine geführt werden und einen Maulkorb tragen müssen. Bisher haben in Münster rund 40 Hunde nach erfolg­reichem Wesenstest eine Befreiung von der Maul­korb­pflicht erhalten. Etwa die Hälfte von ihnen wurde zusätzlich von der Anlein­pflicht befreit, so Bolle. Manche Hundehalter begnügen sich damit, die Maulkorb-Befreiung zu beantragen. Wie eine Hunde­halterin erklärte, wolle sie nicht, dass ihr Hund allein durch den Maul­korb Angst einflößt. Nicht jeder zur Prüfung vorgestellte Hund wird von den Sachverständigen als so harmlos eingeschätzt, wie sein Besitzer ihn sieht. So fiel diesmal ein Hund durch, weil er dem direkten, dauerhaften Blick des Amtstierarztes nicht auswich, sondern ihm standhielt - eine hundliche Art des Kräftemessens - und mit leichtem Knurren auf ihn zu ging. Daraus wird eine mangelnde Bereitschaft zur Unterordnung dem Menschen gegenüber abgeleitet, was eine potentielle Gefährdung beinhaltet. Denn ein Hund mit einer solchen Grundhaltung kann dazu neigen, die aus seiner Sicht nicht eindeutige Rangordnung durch ein körperliches Kräftemessen auszufechten. Nicht aus der Ruhe bringen ließen sich hingegen alle Vierbeiner bei den zahlreichen Prüfungs­situationen, mit denen mögliche Vorkommnisse des Alltags simuliert werden sollen. Da scheppern leere Getränkedosen, da poltern Kieselsteine in einem Plastikbehälter, da kippt dicht vor dem bei Fuß gehenden Hund plötzlich ein Stuhl um, oder es werden Luftballons zum Zerplatzen gebracht - alles auf einem nur wenige Meter langen Parcours. Statisten des Boxerklubs, des Gebrauchshund­sportvereins (DVG) aus Wolbeck und des Rottweiler-Klubs (ADRK) vom Hessenweg übernehmen die Rollen des humpelnd am Stock­gehenden Passanten, des Joggers und des klingelnden Radfahrers. Einmal versammeln sich alle dicht um den Hund, der in der Mitte "Sitz" machen muss: Dies soll das Gedränge in einem Fahrstuhl empfinden. Die vier Hunde, denen Dr. Bolle die Maulkorb-Befreiung aussprach, brachen mit ihren Haltern zum Edeka-Markt auf, um am Rande des Einkaufs­geschehens weitere Tests zu absolvieren. Schließlich zeigten sie noch auf dem Hundeplatz, dass sie auch ohne Leine gehorchen, sich aus dem Freilauf heran rufen lassen und sogar auf der Jagd nach einem Spielzeug auf Zuruf "Platz" machen. Alles lief problemlos; alle vier erhielten die Befreiung von der Leinen­pflicht. Nicht immer liegt es am Hund, wenn Verhaltens­mängel auftreten oder der Gehorsam zu wünschen übrig lässt, betont Dr. Bolle: "Das andere Ende der Leine ist häufig das eigentliche Problem."
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