Angelika Maihofer
 
 

Die Frau im roten Kleid

Von fahlem Dünengras umweht
Stand eine Frau im roten Kleid,
Sie starrte auf das Meer hinaus
In seine dunkle  Einsamkeit.

Ihr Blick ließ weit der Wellen Spiel
Und auch der Wolken Flug zurück,
Er drängte durch die Wasserwand
Als läg dahinter ein Geschick.

Das Kleid flog mit der Winde Hast
Wie eine Fahne um sie her,
Sie drückte es mit Händen glatt
Und schaute weiter fern aufs Meer.

Die Haare wehten wie ein Tuch
Und fuhren ins Gesicht hinein,
Sie schüttelte nur leicht den Kopf
Und wurde wieder starr wie Stein.

So trugen Stunden die Gestalt
Der Frau im roten Kleid am Meer
Sie stand am Rande und ihr Blick
Sank mit der Sonne tief und schwer.
 
 

Und wären meine Worte
 

Und wären meine Worte nur wie Gras,
Ein grüner Hintergrund für fremde Blüten,
Die über Halmen ihre bunten Schätze hüten,
So würd ich sagen, es gibt dies und es gibt das.
 
 
 
 
 
 

Die Schwäne
 

Eine frühe blasse Sonne
Wirft schon Streifen auf die Wogen
Nebelhaft durchgleiten Schwäne
Dichtes Schilf vom Licht gezogen.

Unverwandt die schlanken Hälse
Aus dem blendenden Gefieder
Hochgeschwungen drehen sachte
Ihre Köpfe hin und wieder.

Unterm Schwall der aufgeregten
Möwen dehnt sich ihre Ruhe
Und die bernsteinhafte Stille
Wie ein Schatz aus einer Truhe.

Lange folgt mein Blick dem Gleiten
Speichert seine Melodie
Und mein Herz, der rote Muskel,
Schlägt den leichten Takt für sie.
 
 
 
 
 
 
 

Novembertag
 

Nebelgrau wölbt sich des Tages
Himmel auf dem weiten Bogen
Wie ein Meer aus feinen Schäumen
Von dem Wind hinaufgezogen.

Lautlos wächst der Tag nach Innen,
Überdeckt die letzten Farben,
Kühlt mit dünnem Nieselregen
Auch der grauen Erde Narben.

Nie so richtig hell geworden
Sinkt er in des Abends Hafen,
Dort in seinen Schattenarmen
Möchte ich schlafen, nur noch schlafen.
 
 
 
 

November

Tagelang fallen die Blätter,
Hocken auf Erde und Stein,
Rascheln noch manchmal im Wind,
All die gefallenen Sterne.

Morgen kehrt sie der Mann mit dem Hut
In seine Stille hinein,
Unterm geplünderten Mond
Dehnen sich Bäume gespenstisch.

Doch klingen Töne herüber,
Innig als gelte nur dies,
Wenn ich die Augen schließe
Glitzert schon Schnee auf den Zweigen.
 
 

Im Winter

Im Winter schweigen die Tauben,
Sie sitzen geduckt und stumm
Auf hohen, dünnen Zweigen
Wie düstere Wächter herum.

Sie starren auf jedes Wesen,
Das sich an das Leben krallt.
Der Tod trägt des Winters Kleider
Und Winter ist totenkalt.
 
 


Verschneiter Südpark                Foto: Werner Klöpper
 
 
 

Vollmond
 

Vollmond rollt die Silberkugel
Durch die sternenlose Nacht,
Folgt auf einem weiten Bogen
Einer unsichtbaren Macht.

Seine Glut zerteilt die Schwärze
Die als Vorhang niederfällt
Und mit seiner Strahlen Lichter
Webt er Muster in die Welt.

Silbermond, du Kraterwüste,
Mit dem ausgeborgten Licht,
Schein so rund wie meine Sehnsucht
Die mir fast das Herz zerbricht.
 
 
 
 
 
 
 

Regen
 

Regen weht durch Lüfte
Bis er säuselnd schwebt
Und dort in den Höhen
Seine Netze webt.

Trommelt auf die Blätter,
An der Bäume Ohr,
Klopft an Fensterscheiben
Mit dem Tränenflor.

Sinkt herab in Tropfen
Springt von Ton zu Ton
Auf der Erde großem
Sanftem Xylophon.
 
 

(aus der Gedichtsammlung : "Die Schützin")


Copyright: Werner Klöpper, Münster/Germany