Dato Barbakadse( geb.1966)-Schriftsteller, Essayist
und Übersetzer.
Dato Barbakadse:
Gebürtig stammt
Barbakadse aus der georgischen Hauptstadt Tbilissi.Seine
Arbeiten wurden u.a. ins Französische übersetzt. Seit 1991
sind acht
poetische Sammelwerke von Barbakadse erschienen, u.a. Sehnsucht nach
Logik
(1993), Eine Minute oder ein Leben vor der Abreise (1994), Der Dachdecker
(1995) und Gesänge des Seeufers (2004). Auch seine Übersetzungen,
u.a. aus
Hans Arp, Georg Trakl, Paul Celan, Hans Magnus Enzensberger sind in
fünf
Bänden publiziert.
Barbakadse ist Absolvent der Fakultät für Philosophie und
Psychologie der
Staatlichen Universität Tbilissi, Gründer und Redakteur mehrerer
Literatur-Zeitschriften, darunter einer Videozeitschrift. Er unterrichtete
Philosophiegeschichte und Logik an verschiedenen Hochschulen in Georgien,
darunter an der Geistlichen Akademie und dem Priesterseminar Tbilissi.
In
einem Sozialpsychologischen Hilfezentrum in Tbilissi war er als
psychologischer Berater tätig. Barbakadse beschäftigte sich
intensiv mit
Soziolinguistik und existenzphilosophischen Fragen.
Dato Barbakadse erhielt 2004 ein literarisches Stipendium der
Villa Waldberta
bei München.
Barbakadse wurde 1966 geboren und studiert zur Zeit an der Universität
Münster Philosophie, Soziologie und Geschichte im Hauptstudium
mit dem Ziel
einer Promotion. Dato Barbakadse ist Mitglied der Münsteraner
Autorengruppe
MS-Lyrik (s. http://www.muenster.org/autorengruppe/autorengruppe.html
bzw.
http://cgi.muenster.de/homepages/MS-Lyrik.html
)
Bisherige Veröffentlichungen in georgischer Sprache
Bücher:
Dichtung: Lasst uns dem Herbst das Beileid
aussprechen. Tbilissi, 1999; Sehensucht nach Logik.
1993; Die Fragenstellung. 1994; Eine Minute oder ein
Leben vor der Abreise. 1994; Der Dachdecker. 1995;
Negation der Summierung. 1999; Wesentliche Züge.
2001
Romane: Die Mutation. 1993; Die zweite Ferse des
Achills, 2000
Sammelwerke der Essays: Poesie und Politik. 1992;
Begegnende Hindernisse. 1994;Fragen und soziale
Umgebung. 2000
Sammelwerke der Übersetzungen: Aus der
deutschsprachigen Poesie des 20. J.h. Erstes
Sammelwerk. 1992; Die Muster der europäischen und
amerikanischen Poesie (Erstes Sammelwerk, 1992;
Zweites Sammelwerk, 1993; Drittes Sammelwerk, 2000);
Hans Arp, Gedichte. 1992; Georg Trakl, Gedichte. 1999;
Paul Celan, Gedichte. Erstes Sammelwerk. 2001; Hans
Magnus Enzensberger, Gedichte. Erstes Sammelwerk. 2002
Dato Barbakadse
Es regnet und die Menschen mit den Regenschirmen gehen
um die Mittagszeit am Seeufer entlang ihrer Wege
(Aus dem Zyklus „Gesänge
des Seeufers“)
Für Oguz Tarihmen
Unsere leisen und unumkehrbaren Erzählungen sind
durch andere nicht an die Wände und auf die Leinwand,
sondern in den Himmel gemalt.
Die leisen und unumkehrbaren Erzählungen unserer
leisen und unumkehrbaren Geschichtsmaler sind durch
uns mit Wasser und Feuer gemalt.
Über das Schicksal dieser uns unbekannten Maler
wird uns durch vielerorts gemalten, in den Himmel
gestreuten, gestreut ohne Wasser und ohne Feuer,
Erzählungen berichtet.
Diese für uns unbekannten Maler lesen über unser
Schicksal in alten und verblichenen Erzählungen,
die
sie nah des Himmels, in engen Fluren und aus Stein
gebauten Zimmern, beherbergen.
Die leisen und unumkehrbaren Erzählungen der
anderen sind von Fremden zum Verkauf ausgebreitet,
gemalt, für uns ganz überraschend, von ganz
Fremden
und schon von uns irgendwo und irgendwann gelesen.
Wir erinnern an eine ganz andere Zeit und
woanders erlebte Lesungen und sehen unsere leisen und
unumkehrbaren Erzählungen, die die Fremden in fremden
Orten und Zeiten malen.
Unsere leisen und unumkehrbaren Erzählungen
beobachten Maler, die jene mit Feuer und Wasser im
Himmel gemalt haben.
Diese Maler sind wir nicht.
Diese Maler sind wir.
Wir malen unsere durch andere gemalten leisen
und unumkehrbaren Erzählungen, deren Schicksal für
die
uns unbekannten Maler unbekannt sind, deren Gemälde
wir in den alten verblichenen Erzählungen nah des
Himmels beherbergen.
Die Erzählungen, die über für uns unbekannte
Malerschicksale erzählen, sind in enge Flure und
aus
Stein gebaute Zimmer gestreut, die schon nicht mehr
existieren.
Die Maler, die nicht mehr existieren, malen
unsere leisen und unumkehrbaren Geschichten, die nicht
mehr existieren und ganz andere Maler, die auch nicht
mehr existieren, erzählen von unseren Schicksalen,
die
nicht mehr existieren, aber an die sich ganz andere
Maler erinnern, die derzeit noch existieren.
Wir malen im Himmel ohne Wasser und ohne Feuer
zerstreute unbekannte Malererzählungen, die über
ganz
andere Malergeschichten von ganz anderen Malern
erzählen werden. Auf den Geschichtsseiten ist von
unseren Schicksalen, die ganz andere leise und
unumkehrbar Malererzählungen und anderen Orten und
andern Zeiten beinhalten, schon nicht mehr zu lesen.
Die von uns vielerorts gemalten Geschichten
werden mit Wasser und Feuer im Himmel gelesen.
Die von uns gemalten unsichtbaren Erzählungen,
für uns von fremden Malern gemalte und durch andere
Menschen zum Verkauf ausgestellt, erzählen uns über
enge Flure und aus Stein gebaute Zimmer, wo jetzt
andere leben.
Diese schon erloschenen Erzählungen lesen die
Maler und Dichter direkt im Himmel.
Diese Dichter und Maler sind wir nicht.
Diese Dichter und Maler sind wir.
Aus dem Georgischen ins Deutsche übersetzt von
Steffi Chotiwari-Jünger
(auch in : http://www.muenster.org/autorengruppe/lyrikeraufruf.htm
und http://www.muenster.org/autorengruppe/datobarb.txt
)
Dato Barbakadse bei seiner Lesung in der"Brücke" in Münster
Foto:Werner Klöpper
(8.Juli 2005)
Dato Barbakadse, Tiflis
Frühling
An Ingeborg Bachmann
Gestern war ein rotes Wetter.
Du weißt, was das bedeutet.
Dass die Sonne untergegangen ist, und in der Stadt war das Wetter rot.
Schau, wie der Sturmwind heult und sich Mühe gibt,
Der Sturmwind, der den Winter verloren hat, den Schnee, die Bäume
verloren hat,
Und er weiß, daß er sie nicht mehr einholen kann.
Schau, wie er heult und sich Mühe gibt, wie ein Mensch,
Der den Hausschlüssel nicht gefunden hat.
Du weißt, es ist grausam, sich um den Schwanz zu drehen:
Es scheint, der Lärm wird sich von vorne legen -
Der gemütliche Bewohner aller Häuser,
Niemand wird die Hunde zur Uferstraße fortjagen,
Niemand wird unsere Tür aufmachen.
Du weißt, diese Zeit wird Wunder verrichten.
Die Bürger prallen gegeneinander,
Und der Gedanke an die schwere Vergangenheit schneidet ihre Gesichte,
Das Unheil ging tanzend um die Stadt herum und beschloß,
Daß der Sturmwind die Stadt nicht verlassen kann;
Seine Spur ist zum Stahlring geworden,
Seine Worte schmecken nach Stahl.
Naja, Tibet - das war schon mal,
Bewegte sich schon, wie die Zeit, wie ein Fisch;
Schau: Wird es in dieser mit Männern gefüllten Stadt nicht
mehr kalt werden?
Ist der Winter denn für immer gegangen,
Und die Wände stehen fest, grundlos da?
Werden etwa die Fragen nur den Antworten gegeben?
Große, himmlische Bären verlassen die Hotels,
Und die Hotels leeren sich,
Geschlachtete Kälber verlassen die Felder,
Und auch die Felder werden leer.
Irgendwo klingt die Feuerstimme wie eine Glocke,
Und auf dem Schachbrett ersticht der rote Tag die gefallenen Schachfiguren.
Auch die Zeit, die morgen kommt, wird Wunder verrichten.
Du weißt, in einem Tropfen Wasser ist unser Gesicht gegeben,
unsere schwere, glücklose Vergangenheit,
Der lange Flur unseres Wohnheims,
Das Herzschlagen, den hunderten roten Wettern überlassen.
Aber schau, das gibt es ja nicht: daß dem Sturmwind der Winter
zurückkommt,
Mit schwankenden Bäumen, mit Schnee und weichen, gefährlichen
Dächern,
Es ist zu weit, für wen - wie ein Haarband der Geliebten,
Für wen - wie die Brust,
Für wen - wie ein Brief.
Das Gedicht : "Frühling. An Ingeborg Bachmann", hier als Interlinearübersetzung
des Autors aus seiner
georgischen Originalsprache, stammt aus dem Sammelwerk "Der Bedacher",
1995
Birgit Lückemeyer Eka Chvedelidze Angelika Maihofer
Jens Priester
Ivan Tulassov
Foto: Udo Lückemeyer
Ingrid Henjes Werner Klöpper Marlies Kellermann
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Münster-Rjasan
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Prof.Tulassov
Copyright: Werner Klöpper, Münster/Germany