Münsteraner Autorengruppe

MS-Lyrik/Prosa

Leiter/Kontakt: 
Ingrid Henjes und Werner Klöpper 

48153 Münster
 

 


 --> Literarisches Gästebuch

Die Münsteraner Autorengruppe besteht seit 1979.
Der Gründungsanlaß war die Herausgabe einer Literaturzeitschrift (MS-Lyrik/MS-Prosa). Seit 1981 werden regelmäßig literarische Stammtischabende im Rahmen der Schreib- und Literaturwerkstatt veranstaltet, bei der selbstgeschriebene Texte der Autoren vorgetragen und diskutiert werden.

Ziele:
Veröffentlichungen und Lesungen. Förderung junger Autorinnen und Autoren.
Projekte : Literarisches Gästebuch im Internet

Dieter Radtke

Kribbeln

Hals über Kopf
Über Bauch Kribbeln
Und das Lächeln des Liebhabers
Strahlt in Deinen Augen

Gäbe es Glück
Ich rettete Dein Lächeln hinüber
In den nächsten Tag
 
 

Dieter Radtke

Dunkle Welt
 

Der Ruf des Muschelhorns
Über Tortillas und Nachos
Der Tod ist die andere Seite
Des Lebens
Den Touristen schlägt ihre Stunde
Der dunkle Kontinent liegt bereit
Das Herz der Finsternis aber blutet
Und die Woge überflutet das Trümmerfeld
Von Babylons Türmen

Und die Abendluft ist lau
Am Lagerfeuer erzählt der Indio
Vom Eldorado des weißen Mannes
Und die Touristen denken
An die nächste Rezession
Vielleicht schichtet einer
Seine Aktien um
Aus dem Dunkel hört er Trommelklänge
Krieger bringen Blutopfer dar

Aber während er über den Sinn rätselt
Hört er sich reden
In einer unbekannten Sprache
Auf seinem Laptop steht
VIRUS BABYLON
Sein krankes Hirn begreift es nicht
Er hört sein Blut rauschen
Wie Wasser der Ewigkeit
Über Türmen aus Glas und Beton
 

© Dieter Radtke
 
 

Dato Barbakadse, Tiflis

Frühling

An Ingeborg Bachmann
 
 
 
 

Gestern war ein rotes Wetter.
Du weißt, was das bedeutet.
Dass die Sonne untergegangen ist, und in der Stadt war das Wetter rot.
Schau, wie der Sturmwind heult und sich Mühe gibt,
Der Sturmwind, der den Winter verloren hat, den Schnee, die Bäume verloren hat,
Und er weiß, daß er sie nicht mehr einholen kann.
Schau, wie er heult und sich Mühe gibt, wie ein Mensch,
Der den Hausschlüssel nicht gefunden hat.
Du weißt, es ist grausam, sich um den Schwanz zu drehen:
Es scheint, der Lärm wird sich von vorne legen -
Der gemütliche Bewohner aller Häuser,
Niemand wird die Hunde zur Uferstraße fortjagen,
Niemand wird unsere Tür aufmachen.
Du weißt, diese Zeit wird Wunder verrichten.
Die Bürger prallen gegeneinander,
Und der Gedanke an die schwere Vergangenheit schneidet ihre Gesichte,
Das Unheil ging tanzend um die Stadt herum und beschloß,
Daß der Sturmwind die Stadt nicht verlassen kann;
Seine Spur ist zum Stahlring geworden,
Seine Worte schmecken nach Stahl.
Naja, Tibet - das war schon mal,
Bewegte sich schon, wie die Zeit, wie ein Fisch;
Schau: Wird es in dieser mit Männern gefüllten Stadt nicht mehr kalt werden?
Ist der Winter denn für immer gegangen,
Und die Wände stehen fest, grundlos da?
Werden etwa die Fragen nur den Antworten gegeben?
Große, himmlische Bären verlassen die Hotels,
Und die Hotels leeren sich,
Geschlachtete Kälber verlassen die Felder,
Und auch die Felder werden leer.
Irgendwo klingt die Feuerstimme wie eine Glocke,
Und auf dem Schachbrett ersticht der rote Tag die gefallenen Schachfiguren.
Auch die Zeit, die morgen kommt, wird Wunder verrichten.
Du weißt, in einem Tropfen Wasser ist unser Gesicht gegeben,
unsere schwere, glücklose Vergangenheit,
Der lange Flur unseres Wohnheims,
Das Herzschlagen, den hunderten roten Wettern überlassen.
Aber schau, das gibt es ja nicht: daß dem Sturmwind der Winter
zurückkommt,
Mit schwankenden Bäumen, mit Schnee und weichen, gefährlichen
Dächern,
Es ist zu weit, für wen - wie ein Haarband der Geliebten,
Für wen - wie die Brust,
Für wen - wie ein Brief.
 

Das Gedicht Frühling. An Ingeborg Bachmann, hier als Interlinearübersetzung des Autors aus seiner georgischen Originalsprache, stammt aus dem Sammelwerk Der Bedacher 1995). Dato Barbakadse ist 1966 in der georgischen Hauptstadt Tbilissi geboren. Studium der Philosophie, Psychologie und Soziologie, Gründung mehrerer Literaturzeitschriften, darunter eine Videozeitschrift. Philosophische Vorlesungen an verschiedenen Hochschulen von Tbilissi, intensive Beschäftigung mit Soziolinguistik und existenzphilosophischen Fragen, zugleich Autor von Gedichten, Prosawerken und Essays sowie Übersetzer. Übersetzungen seiner Arbeiten u.a. ins Französische. Seit 1991 sind 7 poetische Sammelwerke von Barbakadse erschienen, u.a. Sehnsucht nach Logik (1993), Eine Minute oder ein Leben vor der Abreise (1994) und Wesentliche Züge (2001). Auch die Übersetzungen, u.a. aus Hans Arp, Georg Trakl und Paul Celan, sind in drei Bänden publiziert.
 
 
Schreib- und Literaturwerkstatt

Veranstaltungen: Dienstags, 14täglich, "Nordstern", Hoyastraße 3, 20:00 -22:30 
Wechselnde Themen aus dem Literaturbereich/eigene Texte. 

 Neue TeilnehmerInnen herzlich willkommen. 
 

 

Dato

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