Brief an Axel W. Bauer
 
 

Sehr geehrter Herr Bauer!
Wir haben uns im Philosophieunterricht mit Ausschnitten aus Ihrem Text "Anatomie und Öffentlichkeit" beschäftigt. Dabei entwickelten wir jedoch verschiedene Kritikpunkte:

Wenn Sie sich in der Auseinandersetzung mit kirchlichen und medizinischen Autoritäten auf den Institutionalismus berufen, der sagt, dass ethische Normen wandelbar sind und in einem gesellschaftlichen Konsens immer wieder neu ihre Gültigkeit finden müssen, so ist dem theoretisch zweifellos zuzustimmen. In Ihrem Internet-Artikel behaupten Sie allerdings auch, dass die Ausstellung "Körperwelten" insofern zu rechtfertigen sei, als eine moralisch motivierte Abstimmung der Gesellschaft "mit den Füßen" zugunsten der Ausstellung stattgefunden habe. Dies ist in unseren Augen falsch.  Eine moralische Wertung kann nicht allein durch eine demographische Mehrheit erfolgen, denn Popularität spricht nicht automatisch für Qualität und Richtigkeit moralischer Aussagen.
Nachvollziehbar begründen lässt sich dies anhand des folgenden Beispiels:
Zu Zeiten des Naziregimes erfreuten sich die von Hitler öffentlich vertretenen Werte und Normen großer Popularität. Wenige hinterfragten diese Werte, sondern hielten sie aus ihrer "eigenen" (indoktrinierten) Weltanschauung heraus für logisch und konsequent. Die Folgen sollten allen bekannt sein.
Demnach kann sich die breite Masse in Bezug auf Moralvorstellungen sehr wohl irren und ist stark beeinflussbar.
Ein weiteres Beispiel ist die DVU in Sachsen-Anhalt. Aufgrund der schlechten Wirtschaftslage und dank der beispielhaften Mediennutzung im Wahlkampf konnte die zunehmende Radikalisierung der Bevölkerung - wie sie sich zu Zeiten wirtschaftlicher Depression immer darstellt - politisch voll ausgeschöpft werden.
Anhand dieses Beispiels offenbart sich die dominante Einflussnahme sowohl der Wirtschaft als auch der Medien auf die breite, dafür anfällige Masse der Bevölkerung. Werte werden zum Spielball und unterliegen einer Willkür, es entwickelt sich somit eine Werteinflation. Ihre Behauptung, Werte würden sich in der Bevölkerung frei herausbilden, ist hiermit widerlegt und falsch.
Aus diesem Grund kann und darf es keine demokratische Entscheidung über temporär gültige Werte und Normen geben.
Die große Masse ist geistig träge und beeinflussbar (dies hat übrigens auch Hitler erkannt und voll ausgeschöpft), deshalb kann Popularität niemals für Qualität stehen und eine moralische Bewertung der Ausstellung über die Besucherzahlen ist folglich nicht richtig.

Weiterhin richtet sich unsere Kritik gegen Ihre positive Wertung des Plastinators und seiner "Kunstwerke".
So verteidigen Sie z.B. die künstlerische Selbstverwirklichung des Plastinators und vergleichen Sie mit der Tätigkeit eines Schönheitschirurgen, der sich auch nicht davon freisprechen kann, sein eigenes Schönheitsideal in seinen Patienten selbst zu verwirklichen. Doch sehen wir einen großen Unterschied darin, dass die Menschen, die der Schönheitschirurg operiert, noch leben und so im Nachhinein in die Arbeit des Chirurgen eingreifen können. Die Toten können das nicht.
Weiterhin bewerten Sie es beim heutigen Künstler positiv, dass er "betrachterbezogen" und nicht mehr auf sich selbst oder auf bestimmte Themen fixiert ist. Unserer Meinung nach ist dies sehr problematisch, denn da die heutige Gesellschaft doch immer am liebsten etwas Neues und Sensationelles erleben und sehen will, werden so vom Künstler schneller Grenzen überschritten und Tabus gebrochen, um Erfolg zu haben und Geld zu verdienen.
Außerdem verteidigen Sie den Plastinator, indem Sie hervorheben, dass es wichtig sei, dass die Plastinate ein ästhetischen Wert besitzen, da die Würde des Menschen so eher erhalten bleibe als wenn die Leichen in Formalin getränkt seien. Für uns steht der ästhetische Wert von zersägten und zerfleischten Leichen sehr in Frage.
Zum Schluss bezeichnen Sie das Plastinat als "natürliches Strukturmodell der Leiche". Zwar kann nicht ganz ausgeschlossen werden, dass die Plastinate einen gewissen anatomischen Anschauungswert besitzen, insgesamt gesehen sind sie für uns aber völlig unnatürlich, da der Plastinator sie in abnorme Wesen verwandelt hat, die zwar eine Einblick ins Innere des Menschen gewähren, aber auf eine unwissenschaftliche und noch dazu grausame Art und Weise.
Mit freundlichen Grüßen,
der Philosophiegrundkurs der Jahrgangsstufe 13 des Augustinianums in Greven

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