Unsere Gruppe beschäftigte sich mit der Kritik an der Idee des
Fortschritts der Geschichte. Wir haben vier Texte untersucht, warum der
Fortschritt kritisch zu beachten ist:
1. Leopold von Ranke vertritt die Meinung, dass die Entwicklung weder
regressiv, progressiv oder zyklisch ist, sondern das jede Epoche ihre Höhen
hat und man sie nicht mit der davor vergleichen kann.
2. Friedrich Nietzsche lehnt den Fortschritt deutlich ab und sieht
die Geschichte als ewige Wiederkehr.
3. Jean-Jaques Rousseau lehnt den Fortschritt ab.
4. O. Spengler ist der Meinung, dass Kultur und Fortschritt geschichtslos
geschieht.
Quellen:
Roland W. Henke e.a., Zugänge zur Philosophie.
Grundband für die Oberstufe. Berlin 1995
Die Geschichtsauffassung Jean-Jaques-Rousseaus auf Grundlage der „Abhandlung über Ursprung und Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“ (1755)
Die Geschichtsauffassung Rousseaus ist zweigeteilt.
Die ersten beiden Epochen auf dem Weg heraus aus der frühen „Affengesellschaft“
zu unserer heutigen Zivilisation, sind durchaus als progressiv zu charakterisieren,
schließlich führen sie letzten Endes zur 3., der glücklichsten,
Epoche der Menschengeschichte. Diese Epoche könnte man grob mit der
Jungsteinzeit vergleichen. Am Ende dieser Epoche ist seine Auffassung vom
Lauf der Dinge nur noch als regressiv zu bezeichnen.
Von dem Optimismus den man zum Beispiel bei Kant entdeckt, ist bei
Rousseau nicht viel zu spüren. Zwar setzt auch er auf Aufklärung
und gesteht jedem Menschen zu, sein eigener Herr sein zu können. Nur
sind seiner Meinung nach die Gesellschaftsverhältnisse so festgefahren,
daß eine Verbesserung wohl nur durch eine Revolution erfolgen kann
und dahingehend möchte er die Menschen aufklären.
Wie jede Geschichtsrekonstruktion, die so weit in die Vergangenheit
reicht wie die Rousseaus, ist auch seine sehr spekulativ und subjektiv.
Jeder interpretierende Geschichtsschreiber muß bei seinen Ansätzen
Prioritäten setzen und hat darüber hinaus noch eine bestimmte
Vorstellung der Ergebnisse der Geschichte.
Es gibt die Ansätze, den Lauf der Geschichte anhand technischer
Fortschritte zu Beschreiben. Diese Fortschritte sind nachweisbar und deswegen
könnte man meinen, diese Geschichtsschreibung sei die objektivste.
Menschen können, wie wir sehr wohl wissen, die Geschichte nachträglich
beeinflussen und trotzdem wird in 5000 Jahren auch keiner mehr ihre Namen
wissen. Was wissen wir also von den Menschen von vor 5000 Jahren? Nichts,
außer dem, was sie uns vielleicht an Kunst oder ähnlichem hinterlassen
haben. Eine Deutung warum sie zum Beispiel dieses oder jenes Kunstwerk
schufen, muß immer aus der Sicht der momentan lebenden Menschen gemacht
werden. Und diese Deutungen werden beeinflußt von einem völlig
anderen Gedankengut und Kulturkreis als zum Beispiel dem des Künstlers
vor 5000 Jahren.
Trifft Rousseau also die Entscheidung zu sagen: dann und dann hatten
die Menschen es so gut wie nie zuvor und nie danach, dann möchte ich
ihm wohl zustimmen, weiß aber nicht, ob ein Zeitgenosse der Steinzeit
nicht vielleicht doch lieber ein modernes Jagdgewehr gehabt hätte
um den Höhlenbären zu erlegen... .
Hinnerk Willenbrink
Leopold von Ranke ist in seinem Text "Geschichte als Mannigfaltigkeit gleichberechtigter Epochen" der Meinung, daß die Entwicklung weder regressiv, progressiv, noch zyklisch ist. Er sagt, daß eine fortschreitende Entwicklung nicht alle Zweige des menschlichen Wesens und Könnens zur gleichen Zeit umfassen kann. Es gibt nur Momente, wo eine Entwicklung hervortritt, dann wird sie von einer anderen abgelöst. Jede Epoche hat ihr eigenes Ideal, und man kann nicht behaupten, daß ein Ideal besser ist als ein anderes, weil sie alle gleichwertig vor sind, allein ihrer Existenz wegen. Das, was den Fortschritt ausmacht ist, daß man aus jeder Epoche und ihren Idealen lernen und sich der Unterschiede der Epochen bewußt werden soll. Ranke sagt allerdings, daß ein unbedingter Fortschritt im Bereich materieller Interessen vorkommt, weil dort kein Rückschritt zu erwarten ist. Weiter betont Ranke aber, daß es in moralischer Hinsicht keinen Fortschritt gibt. Ein Zitat: "Kein moderner Dichter würde sich besser als beispielsweise Goethe bezeichnen." Abschließend sagt Ranke, daß die Menschheit unendliche Mannigfaltigkeiten von Entwicklungen mit sich bringt, welche nach und nach zum Vorschein kommen, nach uns unbekannten Gesetzen, geheimnisvoller als man denkt.
Lisa Bünger
Nietzsche meint, daß die Zeit vorwärts läuft und wir möchten, daß alles in ihr auch vorwärts läuft, daß die Entwicklung eine Vorwärtsentwicklung ist. Dabei ist das 19. Jahrhundert kein Fortschritt gegenüber dem 16. Jahrhundert, und der deutsche Geist von 1888 ist ein Rückschritt gegen den Geist von 1788. Hier vertritt Nietzsche die Meinung, daß die Geschichte eine Regression ist, was später in die zyklische Geschichtsauffassung mündet.
Der Mensch ist kein Fortschritt gegenüber dem Tier; der Kulturliebhaber
ist eine Mißgeburt gegenüber dem Araber und Korsen; der Chinese
ist dauerhafter als der Europäer.
Dieser Gedanke in der furchtbarsten Form: das Dasein, so wie es ist,
ohne Sinn und Ziel, aber unvermeidlich wiederkehrend, ohne ein Finale ins
Nichts: „die ewige Wiederkehr“. Das ist auch die extremste Form des Nihilismus,
nämlich das Nichts (das „Sinnlose“) als ewig.
Der Nihilismus als psychologischer Zustand wird unter d r e i
Bedingungen eintreten müssen.
ERSTENS: Wir suchen einen Sinn in allem Geschehen, der nicht da ist;
so verliert der Sucher zuletzt den Mut. Hier ist Nihilismus das Bewußtwerden
der langen Vergeudung von Kraft, die Qual alles umsonst getan zu haben.
ZWEITENS: Man setzt eine Ganzheit, eine Systematisierung, sogar eine
Organisierung in allem Geschehen und unter allem Geschehen an.
Der Mensch würde seinen Glauben an seinen Werten verlieren, wenn
durch ihn nicht ein unendlich wertvolles Ganzes wirkt; d.h. er hat ein
solches Ganzes konzipiert, um an seinen Werten glauben zu können.
DRITTENS: Man erfindet eine Welt des Werdens, die als Täuschung
verurteilt wird, die er (der Mensch) nur aus psychologischen Bedürfnissen
gezimmert hat.
Sobald der Mensch dahinter kommt, daß sie Welt selbst gezimmert
ist, entsteht die dritte und letzte Form des Nihilismus, welche den Unglauben
an eine metaphysische Welt in sich schließt.
Die Kategorien „Zweck“, „Einheit“ und „Sein“ mit denen er Welt ein Wert gegeben wurde, werden von uns wieder herausgezogen, so daß die Welt wertlos wird.
Der Glaube ein Spätling der Zeit zu sein ist furchtbar und zerstörend, wenn man feststellt, daß dieser Glaube den Spätling als den wahren Sinn und Zweck alles früher Geschehenen vergöttert, wenn sein wissendes Elend einer Vollendung der Weltgeschichte gleichgesetzt wird.
Man kann sagen, Gott macht die Geschichte auf unserer Erde. Dabei wird Gott doch eigentlich von der Geschichte gemacht.
Nietzsche meint, daß einmal wieder die Zeit kommen wird, in der man nicht mehr die Massen betrachtet, sondern wieder den Einzelnen. Durch das Wort „wieder“ zeigt Nietzsche, daß er in der Geschichte zyklische Momente sieht. Man kann sagen, daß Nietzsche die zyklische Geschichtsauffassung vertritt, daß er also ganz klar gegen die progressive Geschichtsauffassung ist. Er bringt nämlich nicht ein Argument für die Progression.
Verena Kreimer
In seinem Text „Der Untergang des Abendlandes“ von 1936 erklärt
Oswald Spengler seine Geschichtsauffassung.
Spengler beginnt, indem er sagt, dass eine Kultur geboren wird, indem
sie eine Seele bekommt, und dass sie stirbt, wenn diese Seele die volle
Summe ihrer Möglichkeiten in der Gestalt von Völkern, Sprachen,
Glaubenslehren, Künsten, Staaten und Wissenschaften verwirklicht hat.
Außerdem erklärt er, dass eine Kultur, wenn sie stirbt, zur
Zivilisation wird, und dass die Innere und Äußere Vollendung
jeder Kultur bevorsteht, weil diese der Sinn aller Untergänge in der
Geschichte ist. Spenglers Meinung nach hat jede Kultur, genauso wie
der Mensch selbst, ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre Männlichkeit und
ihr Greisentum.
Spengler protestiert gegen zwei Annahmen, die, wie er denkt, alles
historische Denken verdorben haben: gegen die Annahme eines Endziels
der gesamten Menschheit und gegen die Leugnung von Endzielen überhaupt.
Er sagt, dass das Leben ein Ziel hat, dieses aber bei jedem Menschen durch
die Geburt verschieden ist. Weiterhin erklärt Spengler, dass
der Mensch nicht nur vor dem Entstehen einer Kultur geschichtslos ist,
sondern wieder geschichtslos wird, sobald eine Zivilisation sich zu ihrer
vollen und endgültigen Gestalt herausgebildet hat. Abschließend
erklärt Spengler, dass durch diese Art der Entwicklung der Kulturen
nur noch der Kampf um Macht übrigbleibt.
Durch diesen Text zeigt sich, dass Spengler zyklischer Geschichtsauffassung
ist, da seine Darstellung der Entwicklung der Kulturen weder nur progressiv
noch nur regressiv ist. Außerdem spricht er sich ja sogar direkt
gegen diese zwei Geschichtsauffassungen aus.
Quelle: Oswald Spengler, Der Untergang des Abendlandes, o.O., 1936, o.S.
Kathrin Biggeleben