von Sandra Frömel
Welche Geschichtsauffassung vertritt die hinduistische
Religion?
Ist diese Geschichtsauffassung tragfähig?
Welche Quellen wurden verwendet?
Was ist Hinduismus?
Über 4000 Jahre reichen die Ursprünge des Hinduismus zurück.
Diese Weltreligion hat keinen Stifter wie etwa der Buddhismus. Es handelt
sich vielmehr um eine Volksreligion, die aus der Verschmelzung einer Vielzahl
von Sekten entstand.
Die Hindus verehren viele Götter, vor allem aber Schiva und Wischnu.
Der Hinduismus kennt kein Dogma, sondern ist Ausdruck vielfältiger
Glaubens- und Lebensformen der Inder. Sie glauben an die Wiedergeburtenlehre,
den ewigen Kreislauf von Entstehen und Vergehen, in den auch die Welt der
Pflanzen und Tiere einbezogen ist. Wer ein gutes Leben geführt hat,
wird in einem höheren Zustand wiedergeboren, schlechtes Handeln führt
zur Wiedergeburt als Tier oder Insekt. Dem Kreislauf der Wiedergeburten
kann man nur entkommen, indem man in jedem Leben tugendhafter wird. Man
erreicht so den Zustand des Moksha.
Von Geburt an gehört jeder Hindu einer bestimmter gesellschaftlichen
Klasse, der sogenannten Kaste, an. Diese Kaste legt seine Stellung in der
Gesellschaft von Anfang an fest und damit auch sein Verhältnis zu
anderen Menschen.
Heute gibt es weltweit über 740 Millionen Hindus, die hauptsächlich
in Indien und Ostafrika leben.
„König der Götter, ich habe die furchtbare Zerstörung
des Alls miterlebt. Am Ende jedes Kreislaufes habe ich wieder und wieder
alles vergehen sehen. In dieser schrecklichen Stunde löst sich jedes
Atom in die reinen, jungfräulichen Wasser der Ewigkeit auf, woher
ursprünglich alles entstieg. Alles sinkt dann zurück in die unergründliche
wilde Unendlichkeit des Ozeans, der leer von jedem Zeichen belebten Seins
ist und unter äußerster Dunkelheit begraben liegt. Wer will
die Welten zählen, die vorübergegangen sind oder die Schöpfungen,
die sich wieder und wieder aus dem formlosen Abgrund der weiten Wasser
erhoben haben? Wer will die stets wieder vergehenden Zeitalter der Welt
zählen, wie sie endlos aufeinander folgen? (...)
Und die Allwelten, die in jedem Augenblick entstehen, jede mit ihrem
Brahma und ihrem Indra, wer will ihre Zahl messen? Jenseits der fernsten
Schau, jenseits der äußersten Räume kommen und gehen die
Welten, eine unzählbare Schar. (...)
Willst du es unternehmen, sie zu zählen? Kannst du die Götter
in all diesen Welten nennen, in den heutigen und denen, die längst
vergangen sind? (...)
Jede Ameise ist in Wirklichkeit in einem viel früheren Dasein
ein Indra gewesen. Durch den unendlichen Wechsel der Wiedergeburten sinken
sowohl wir Götter als auch Menschen in niedrigere Existenzformen zurück,
oder sie erheben sich zu immer höheren Lebensformen, je nach dem unerbittlichen
Gesetz der guten und schlechten Taten. (...)“
Dieser (hier gekürzt wiedergegebene) Mythos veranschaulicht die
wesentlichen Züge der hinduistischen Lebensanschauung. Der oben benannte
Raum ist unendlich. Innerhalb dieser ewigen und unendlichen Räume,
die die Gottheit selber sind, spielt sich das Leben von Göttern und
Menschen ab, das denselben Gesetzen unterworfen ist: denen der Taten und
der Wiedergeburt.
Eine besondere Rolle spielt hierbei auch die Naturphilosophie, der
Pantheismus. Im obigen Zitat spielt besonders das Wasser eine große
Rolle. Dies erklärt sich durch die Wasserkreislauflehre des Hinduismus.
Sie geht aus von der Beobachtung, daß ohne Wasser kein Leben möglich
ist. Der Kreislauf des Wassers geht über folgende Stationen: Aus den
Wolken gelangt der Regen hinab auf die Erde, wo das Wasser von den Pflanzen
aufgenommen wird. Der Mensch nimmt dieses Wasser mit der Nahrung auf, wenn
er die Pflanzen verzehrt. Bei der Zeugung gibt der Mann die lebensspendende
Feuchtigkeit als Sperma weiter. Und bei der Leichenverbrennung gelangt
das Wasser mit dem Rauch des Leichenfeuers wieder zurück zu den Wolken.
Letztlich stammt das Wasser aus dem Mond; von daher erklären sich
die Mondphasen. Dies steht in Verbindung mit dem archaischen Glauben, daß
der Mond mit der Fruchtbarkeit zusammenhinge.
Demnach ist die hinduistische Geschichtsauffassung zyklisch. Dies
betrifft sowohl die Wiedergeburtenlehre als auch den Glauben an das ewige
Entstehen und Vergehen neuer Welten.
- Brockhaus Enzyklopädie, 1995;
- Das moderne Lexikon, Bertelsmann Verlag 1978;
- Die Hauptreligionen des heutigen Asiens, C.-M. Edsman, UTB Paul Siebeck Verlag 1971;
- Hinduismus, Herbert Ellinger, hpt-Verlag 1989;
- Die fünf großen Weltreligionen, Herder 1975;
- Shivas Tanz/Der Hinduismus, Konrad Meisig, Herder 1996;
- Ancient Indian Social History, 1981;
- Assamese Historical Literature, London 1976