In der Aufklärung hat sich die Vorstellung eines linear fortschreitenden Geschichtsverlaufs entwickelt. Diese Vorstellung ist aus dem jüdisch-christlichen und griechisch-antiken Verständnis von Geschichte hervorgegangen. Demnach ist die Geschichtsphilosophie eine Synthese beider Grundauffassungen.
Die biblisch-jüdische Geschichtsschreibung (ab ca. 950 v. Chr.)
sieht die Geschichte ihres Volkes als Wechsel von Verheißung und
Erfüllung, wobei Gott den souveränen Lenker der Geschichte darstellt.
Ab ca. 170 v. Chr. erlangte diese Auffassung mehr und mehr apokalyptischen
Charakter, indem erstmals die Hoffnung auf Erfüllung auf das Jenseits
gerichtet wird.
Im Mittelalter bildet sich schließlich die Auffassung der Geschichte
als Heilsgeschichte heraus. Ein Vertreter dieser Auffassung war auch Augustinus
(354-430).
Die Grundlage des griechischen Denkens ist die Welt als "kosmos" (Ordnung). Nach Plato (427 - 347 v. Chr.) ist die Geschichte, die seiner Meinung nach nur ein Konglomerat von zufälligen Einzelereignissen ist, dem Erfassen der ewigen Ideen unterzuordnen. Auch Aristoteles (384-322 v. Chr.) übernimmt Platos abfällige Auffassung der Geschichte, indem er die Dichtkunst der Geschichte überordnet.
Zusammenfassend läßt sich daher aussagen, daß die Griechen
die Geschichte als minderwertig, weil zufällig, erachteten. Demgegenüber
ist im jüdisch-christlichen Glauben die Geschichte höchst bedeutsam,
da Gott ihr Lenker ist.
Der Beginn der biblisch- jüdischen Geschichtsschreibung ist zur
Zeit Salomos (ca. 950 vor Chr.) anzusiedeln.
Gott spielt hierbei die Rolle des souveränen Lenkers der Geschichte.
Er offenbart sich in der Geschichte und bringt so geschichtlich konkretes
Heil für Einzelne und auch für das ganze Volk.
Im Alten Testament, z.B. im 5. Buch Mose, im 2. Buch der Könige
und Buch David wird Gott mit vielen Begriffen beschrieben, z.B.:
wahrer, getreuer, großer Gott
Gott in der Mitte der Menschen
Gott ist also der
Gott der Götter
mächtige Gebieter der Geschichte.
Herr der Kriege
Offenbarer der Geheimnisse
Geschichte im biblischen Sinn ist im Spannungsfeld von Verheißung
und Erfüllung zu sehen. Was Gott verheißt, erfüllt er auch,
aber nur dann, wenn sich die Menschen richtig verhalten, d.h. gehorchen.
Es gibt zwei Verhaltensmöglichkeiten, auf die der Herr unterschiedlich
reagiert:
| 1.
Wer Gott liebt und seine Gebote (Gesetze, Satzungen, Rechte) hält,
dem bewahrt der Herr die Huld, die er den Vätern geschworen hat, liebt,
segnet und mehrt ihn.
|
2.
Wer Gott haßt, ihm nicht gehorcht, anderen Göttern dient
oder sich nicht dankbar für seine Taten zeigt, der zieht Gottes Zorn
auf sich und wird von ihm verstoßen.
|
So sieht das geschichtliche Deutungsschema in der Bibel aus:.
Gott ist der souveräne Lenker der Geschichte, der je nach Verhalten
der Menschen die Verheißungen erfüllt oder nicht.
Es lassen sich in dieser Geschichtsauffassung progressive Züge,
die Entwicklung auf ein Endziel hin, erkennen. Allerdings kann das Ziel,
das Gott verwirklichen kann, nur erreicht werden, wenn die Menschen gut
und richtig handeln.
In seiner Schrift "Timaios" führt Plato seine Betrachtungsweise
der Welt, der Zeit und damit der Geschichte aus. Seiner Meinung nach gibt
es einen sogenannten Weltschöpfer (Demiurg), der den sichtbaren Kosmos
als Abbild des immerseienden Kosmos erschaffen hat ("...ein bewegtes Abbild
der Ewigkeit zu schaffen. ..."). Aber im Gegensatz zum ewigen Sein herrscht
im Abbild die Zeit, d.h. alles ist vergänglich.
Dieses Vergängliche ist jedoch in Platos Augen minderwertig, weil
es das bewegte, der Zeit unterworfene und damit unvollständige
Abbild der von Plato erdachten Welt der ewigen Ideen (Vernunft) ist. Dem
entgegengesetzt kann man die Zeit nicht auf die Welt der Ideen übertragen
("... das "es war" und das "es wird sein" sind Begriffe, die aus der Zeit
entstanden sind, die wir, ohne uns dessen bewußt zu sein, unrichtigerweise
auf das ewige Sein übertragen."). Weiterhin sagt Plato in seinem Timaios,
daß die Zeit, wie oben schon beschrieben, nur die Ewigkeit nachahmt
und die Vernunft nur in den mathematischen Naturgesetzen in der Welt der
Zeit noch offenbar sei und deshalb -indirekt- nur minderwertig sei ( "...
sondern das sind alles Begriffe der Zeit, welche die Ewigkeit nachahmt
und nach zahlenmäßigen Gesetzen im Kreis umgeht.").
In seinem Buch "Die Gesetze" beschreibt Plato die Diskussion eines Atheners,
eines Kreters und eines Spartaners über die zweckmäßigste
und der dem allgemeinen Besten dienenden Organisation (Verfassung) eines
Staates. In diesem Gespräch wird deutlich, daß alles auf der
Welt vergänglich ist und nie die Höchst- und Bestform aller Verfassungen,
Künste, etc. erreicht werden wird. Verbunden mit Timaios bedeutet
dies für Plato, daß das Erdleben nie den Grad der Vollkommenheit
wie die Welt der ewigen Ideen erreichen wird. Somit ist auch die Geschichte,
die eben diese vielen (unwichtigen) Einzelereignisse beschreibt, der Welt
der Ideen unterzuordnen und als minderwertig zu betrachten.
Aristoteles sagt aus, daß die Tragödie eine Nachahmung einer
edlen Handlung ist, in der nicht berichtet, sondern gehandelt wird. Große
Bedeutung wird hierbei dem Aufbau der Handlung zugesprochen. Handlungen
und Lebensweisen sowie Glück und Unglück bestimmen die Nachahmung.
Voraussetzung ist, daß die Tragödie eine Nachahmung von einer
vollständigen Handlung ist; sie muß also Anfang, Mitte und Ende
besitzen. Die gleichen Eigenschaften werden ebenfalls dem Mythos
zugesprochen. Er handelt aber nicht von einem einzigen Helden. Es gibt
viele Handlungen, die in einem Stück vereint werden, so auch im
Mythos. Es ist die Aufgabe des Dichters, zu berichten, was geschehen könnte
und nicht, was gesehen ist. Darin liegt der Unterschied, Geschichtsschreiber
und Dichter unterscheiden sich darin, daß der eine von bereits vergangenem
und der andere von zukünftigem berichten wird. Die Dichtung redet
eher vom Allgemeinem, die Geschichtsschreibung vom Besonderem. Die
Dichtung bemüht sich darum, im Allgemeinem die Dinge, über die
die Menschen in bestimmter Weise reden oder wegen denen sie nach
Notwendigkeit handeln, darzustellen. Die Geschichtsschreibung bemüht
sich, mit Hilfe des Besonderem zu berichten, was vergangene Persönlichkeiten
erlebten. Dies ist für Aristoteles ein Argument, daß Dichtung
philosophischer und bedeutender als die Geschichtsschreibung ist. Bei der
Tragödie kann nur das überzeugen, was auch möglich ist.
Was aber schon geschehen ist, von dem ist klar, daß es auch geschehen
konnte. Daraus ist abzuleiten, daß der Dichter eher Erfinder von
Handlungen beziehungsweise Nachahmer von Handlungen ist. In der Geschichte
wird jedoch nicht über die Einheit einer Handlung, sondern über
die Einheit einer Zeit berichtet.
( Poetik 6-9, 23 Zusammenfassung)
Aristoteles: Das akzidentelle Sein
Das Seiende kann in zwei Bedeutungen ausgelegt werden. Hier soll nun
das akzidentelle Sein, also das zufällige Sein untersucht werden.
Es existiert keine Wissenschaft, die sich mit dem akzidentellem beschäftigt,
da jede der Wissenschaften auf das Eigentümliche, auf dem ihr angehörigen
Zweck gerichtet ist. Lediglich die Sophistik beschäftigt sich mit
dem Akzidentellem. Es wird immer gesagt, daß etwas immer oder mit
Notwendigkeit oder meistenteils oder wie es sich eben trifft, geschieht.
So kann es zum Beispiel an wetterschlechten Tagen regnen, dies muß
aber nicht immer oder mit Notwendigkeit, noch in der Regel vorkommen. Es
regnet, wenn es sich eben trifft. Das Akzidens ist also das, was nicht
mit Notwendigkeit , sondern zufällig geschieht. Somit kann es darüber
keine Wissenschaft geben, denn jede Wissenschaft beschäftigt sich
mit dem, was immer oder meistenteils ist, worin sich das Akzidens nicht
wiederfindet. Das akzidentelle Seiende ist nicht notwendig und darum besitzen
seine Ursachen keine Ordnung und keine grenzen. Die Ursachen, die das Akzidens
hervorrufen, sind unbestimmt. Somit sind diese für den Menschen unerkennbar.
Nichts Akzidentelles kann vor dem An-Sich bestehen, dies gilt auch für
die Ursachen. Sollte also der Himmel durch Zufall und Unwillkürliche
verursacht werden, dann würde noch früher die Vernunft und die
natur eine Ursache sein.
(Metaphysik 11,8; 1064 b-1065 b)
(Quelle: Diskurs Geschichte)
-geboren : 354 , Thagaste , Nordafrika
-gestorben : 430 , Hippo Regius
-Theologe und Philosoph
-Glaube an Gottesstaat als Vollendung der menschlichen Entwicklung
, als
End-/ Idealzustand auf den die Menschheit sich hinentwickelt
Aurelius Augustinus vertrat die Ansicht , am Ende der menschlichen Entwicklung,
der gesamten Geschichte, stünde der "Gottesstaat" als Idealform des
Zusammenlebens unter Menschen mit Gott.
Augustinus stellt in seinen Schriften zum Gottesstaat diesen als das
große Ziel dar, auf das die Menschheit in ihrer Entwicklung zusteuert,
somit als Ende einer stetigen Progression .
Der Gottesstaat , den Augustinus als Staat definiert , der aus Menschen
besteht , die nach dem Heiligen Geiste leben , soll nach seinem Verfechter
Augustinus zu dessen Zeit bereits unter den Menschen bekannt gewesen sein
und in ihrem Glauben gelebt haben . Neben dieser Form des Staates wird
eine zweite genannt , nach der Menschen leben : Der Staat , der aus Menschen
besteht , die nach dem Fleische leben .
In diesen beiden Arten menschlicher Gemeinschaften sieht Augustinus
die Einzigen , die existieren und je existiert haben , seit die ersten
Menschen durch ihren Ungehorsam Sünde auf sich geladen und somit die
Herrschaft des Todes über einen jeden Menschen verschuldet haben .
Diese nennt Augustinus als Begründung dafür , daß nur
die zwei bereits erwähnten Staatsformen existieren , ungeachtet aller
Größe und Vielzahl der Völker .
Beide Staaten seien in dieser Welt ineinander verschlungen und in den
Menschen vermischt , weshalb nach Augustinus nicht immer deutlich zu erkennen
ist , wer Feind oder Anhänger des jeweiligen Staates ist .
Erst durch das Letzte Gericht würden die Staaten geschieden und
in einer Wende zur Gerechtigkeit erlange der himmlische Staat seinen ewigen
Wohnsitz "mit seinem letzten Sieg und im vollkommenem Frieden durch Herrlichkeit
" ( aus : " Der Gottesstaat " I , Vorwort ) , wobei Gott als König
und Gründer dieses Gottesstaates auftritt .
Trotz der Niederlage des irdischen Staates müsse dieser jedoch
auf dem Weg dazu nicht verschwiegen werden , da der himmlische Staat gerade
im Vergleich mit seinem Gegenteil besonders hell erstrahle .
Da Augustinus von der einmaligen Schöpfungstat Gottes hinsichtlich
der Welt und dem Menschen ausgeht , sowie davon , daß die Menschheit
auf den Gottesstaat zusteuert und daß sich durch dessen Sieg etwas
grundsätzlich Neues in der Zeit begibt , nämlich , daß
die Seele nie wieder zu der Unglückseligkeit zurückzukehren braucht
, aus der sie in die Seligkeit ( im Gottesstaat ) eingegangen ist ( vgl.
: " Der Gottesstaat " XII , 14 ) , kann für ihn eine zyklische Auffassung
zum Weltverlauf nicht zutreffend sein .
Augustinus bezeichnet die von Philosophen dieser Welt beschriebenen
und gelehrten Kreisläufe , nach denen sich alles Leben angeblich richtet
, als Wege des Irrtums .
Eine zyklisch orientierte Auffassung dessen kann seines Erachtens nur
insofern richtig sein , als es alle Arten von Dingen , die entstehen und
untergehen , d.h. die vergänglich sind , schon gegeben hat und
auch weiterhin geben wird .
Es wiederholt sich jedoch niemals der gleiche Inhalt der Zeiten und
der zeitlichen Geschehnisse, worin somit die Vertreter einer zyklischen
Weltauffassung , wobei Augustinus Plato als Beispiel nennt , einem Irrtum
unterliegen.
Diese Auffassung des Augustinus zeigt sich auch in seinen Ausführungen
über die Zeit ( Vgl. : " Bekenntnisse " XI , 13 - 15 , 18 ; 18 ; 20
) .
Augustinus stellt klar heraus , das Zeit etwas Vergängliches ist
, daß nie wiederholt werden kann : Dinge , die bereits vergangen
sind , können niemals selbst wieder aus dem Gedächtnis hervorgeholt
werden , sondern nur die Worte darüber , die durch Bilder , die Spuren
im Geist hinterlassen haben , entstanden sind .
Auch ein Vorausdenken über Handlungen in der Zukunft ist immer
nur ein " Denken " , niemals ein " Sein " : Das Vorausdenken ist gegenwärtig
, die Handlung jedoch noch nicht, da sie in der Zukunft liegt ; sie IST
nicht .
Es kann nur sein und gesehen werden , was gegenwärtig ist ; für
Zukünftiges können nur die Zeichen und Gründe , die in dem
Moment des Sehens gegenwärtig sind , gesehen werden .
Es gibt somit nur eine Zeit , die als SEIN bezeichnet werden kann ,
die ein Sein beinhaltet , nämlich die Gegenwart .
Diese ist jedoch auch , wie alle Zeit , nicht von Dauer , sondern strebt
nach Nichtsein . Würde sie hingegen fortdauern , wäre sie keine
Zeit .
Der bzw. das Einzige , was von Dauer ist , ist Gott mit seinem
Heute , das die Ewigkeit ist , da diesem kein Tag vorausgeht , noch einer
folgt .
Da Gott alles erschaffen hat , so Augustinus , und somit auch Schöpfer
aller Zeitalter ist , gab es nie eine Zeit, in der Gott nicht etwas schuf
.
Bevor Gott das erste Zeitalter schuf gab es keine Zeit , was bedeutet
, daß es nie ein Damals gab : Gott geht allem Vergangenem voraus
in der Hoheit einer immer gegenwärtigen Ewigkeit und überragt
alles Zukünftige .
Augustinus schreibt , daß Gott derselbe bleibt , seine
Jahre kämen und gingen nicht , aber die der Menschen .
In dieser Auffassung , daß Gott aller Dinge und Zeiten Schöpfer ist , liegt die gesamte Theorie des letztlichen Sieges des Gottesstaates und somit Gottes , begründet : am Ende wird nur das Ewige bestehen bleiben , in Form des Gottesstaates .
Quellen :
Oelmüller / Dölle (Hg.): Philosophische Arbeitsbücher.
Paderborn, München, Wien, Zürich. Bd. 4 Diskurs: Geschichte 1980.
Nachdenken über die Geschichte , Schroedel
Bertelsmann - Lexika