hier wird der einleitende text eingefügt
Die Seitenzahlen beziehen sich auf folgende Quelle:
Roland W. Henke e.a., Zugänge zur Philosophie. Grundband für
die Oberstufe. Berlin 1995
Kapitel:
Max Horkheimer /Theodor W. Adorno: Dialektik der
Aufklärung
Jürgen Habermas: Die Einseitigkeit des Geschichtspessimismus
- Kritik an der "Dialektik der Aufklärung"
Walter Benjamin: Fortschritt - Negierung oder Aufbewahrung der Vergangenheit ?
Diese Frage versucht Walter Benjamin in "Über den Begriff der Geschichte" zu beantworten.
Walter Benjamin (1892 - 1940)
- jüdischer Philosoph
- bekennender Marxist
- nahm sich auf der Flucht vor den Deutschen 1940 in Südfrankreich
das Leben
Zunächst hat er die Auffassung von Geschichte als Fortschrittsbewegung. Als Opfer der nationalsozialistischen Judenvernichtung ändert sich seine Position in der Weise, daß er nun die Geschichte als Spannungsgefüge von Fortschrittsglauben betrachtet und ihr eher skeptisch gegenübersteht.
Definition Fortschritt:
doppeldeutig, da Fortschritt sowohl
Destruktion eines Vergangenen
und
Konstruktion eines Zukünftigen
bedeuten kann
Vergangenheit / Erlösung:
Walter Benjamin geht davon aus, daß die Vergangenheit sozusagen
einen heimlichen Index der Erlösung mit sich führt.
Als Beispiel nennt er hierfür, daß die Luft, die uns umgibt
schon zur Zeit existierte, als die nun Toten noch lebten; in den Worten
anderer klingt oft noch das "Echo" Verstorbener, man übernimmt etwas,
das jemand anderes, der nun tot ist, einmal gesagt hat.
Dies sind also alles Beispiele dafür, wie die Gegenwart mit dem
Vergangenen, mit der Geschichte zusammenhängt. Walter Benjamin führt
seine Position noch weiter aus, indem er sagt, daß diejenigen, die
vor uns lebten, uns eine schwache messianische Kraft mitgegeben haben.
Heliotropismus:
Dieser Begriff bedeutet zunächst, sich der Sonne zuzuwenden, wie
beispielsweise die Blumen ihre Blüte zur Sonne ausrichten.
Walter Benjamin verwendet diesen Begriff, da er sagt, daß etwas
Vergangenes so "beleuchtet" werden muß, daß daraus Geschichte
werden kann. Wenn also nun ein Ereignis in die Geschichte eingeht, so ist
von entscheidender Bedeutung, wodurch dieses Geschehen als Geschichte betrachtet
wird, durch welche Kraft ein Ereignis zur Geschichte wird.
Geschichte bedeutet für Walter Benjamin auch, daß sie immer
weiter fortschreitet, sie ist unaufhaltsam. Sie bleibt aber nur deshalb
nicht stehen, da es immer mehr Ereignisse, Katastrophen gibt, die die Geschichte
vorantreiben. Der Geschichte bleibt keine Zeit, etwas Geschehenes vollkommen
aufzuklären, sich damit auseinandersetzen, da die nächsten "Trümmer"
der Ereignisse, wie z.B. Kriege bevorstehen. Diese Geschehnisse resultieren
für Walter Benjamin aus dem Fortschritt, zum Beispiel in der Technik.
Wenn nun immer bessere Waffen zur Verteidigung entwickelt werden, so sind
auch die Ausmaße der Kriege größer, die Anzahl an Katastrophen
nimmt zu. Dies läßt die Geschichte immer weiter fortschreiten.
Obwohl sie eigentlich dem Vergangenen zugewendet ist, wird sie unaufhaltsam
in die Zukunft gedrängt.
Hier wird also die Doppeldeutigkeit des Fortschritts sowohl als Destruktion
eines Vergangenen, als auch als Konstruktion eines Zukünftigen deutlich.
Vergangenes historisch artikulieren bedeutet
aus der Geschichte für die Zukunft zu lernen,
Gefahren erkennen zu können.
Es heißt nicht,
lediglich zu wissen wie es war.
Dies bezieht Walter Benjamin nun auf den historischen Materialismus. Eine immer drohende Gefahr für die Tradition und die Menschen sei, sich zum Werkzeug der herrschenden Klasse herzugeben. Wenn nun beispielsweise die Zeit der Industrialisierung vor allem in England "historisch artikuliert" wäre, so dürfte die Gefahr eines Klassenkampfes in Zukunft nicht mehr bestehen. Walter Benjamin unterstützt hier Marx' Geschichtsphilosophie.
gegen Konformismus
Walter Benjamin ist der Meinung, daß Geschichtsauffassungen -
und Theorien allgemein - während der Überlieferungen über
längere Zeiträume nicht angepaßt werden dürfen. Das
heißt, daß darauf geachtete werden muß, den "Ursprung"
zu bewahren, ohne etwas zu verfälschen und bereits Vorhandenem anzugleichen.
Walter Benjamin:
"Nur dem Geschichtsschreiber wohnt die Gabe bei, im Vergangenen den Funken der Hoffnung anzufachen, der davon durchdrungen ist."Andrea Nienhaus
Max Horkheimer (1895-1973), Sohn einer jüdischen Familie, wurde
1930 Professor der Sozialphilosophie in Frankfurt und Leiter des dortigen
„ Instituts für Sozialforschung“, gleichzeitig Herausgeber (und einer
der Hauptautoren) der in Frankfurt erscheinenden „ Zeitschrift für
Sozialforschung“. Auf diese erste Wirkungsstätte geht die Bezeichnung
„ Frankfurter Schule“ zurück. In Frankfurt begegnete er Theodor W.
Adorno (1903-1969), einem äußerst vielseitig begabten Denker.
Die beiden Männer haben ihre lebenslange Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft
über die Jahre der erzwungenen Emigration- sie bauten in New York
ihr verlorenes Institut neu auf- bis in die erneute Wirksamkeit in Frankfurt
(adorno ab 1947, Horkheimer ab 1949) bewahrt, auch eine Reihe von Schriften
zusammen verfaßt. Eine dieser Schriften ist die „Dialektik der Aufklärung“,
welche 1947 erschien und von Horkheimer und Adorno während des Krieges
gemeinsam verfaßt wurde. Sie prägen hiermit die These des Umschlags
von Aufklärung in Barbarei.
Angesichts des Erfolgs der nationalsozialistischen Unterdrückungsmechanismen
wenden Max Horkheimer und Theodor Adorno von dem fortschrittsbejahenden
Geschichtsbild der Aufklärung ab und erweitern die entfaltete Geschichtsskepsis
Benjamins. Bei der Suche nach der Erkenntnis, warum die Menschheit, anstatt
in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von
Barbarei ( Zweiter Weltkrieg) versinkt, kommen sie zu dem Ergebnis, daß
der Umschlag von Aufklärung in Barbarei kein geschichtliches Zufallsprodukt,
sondern fundamental im Gedanken von Aufklärung angelegt ist. Ihre
Unwahrheit ist, daß für sie der Prozeß von vornherein
entschieden ist und ihr großes Problem, daß sie Denken und
Mathematik in Eins setzt. Das Denken, so Max Horkheimer und Theodor Adorno,
erfährt eine Reduktion auf mathematische Apparatur. Der mathematische
Formalismus „übernimmt die Oberhand“, der den Gedanken bei der
bloßen Unmittelbarkeit festhält.
„Wir hegen keinen Zweifel (...), daß die Freiheit in der Gesellschaft vom aufklärenden Denken unabtrennbar ist. Jedoch glauben wir, genauso deutlich erkannt zu haben, daß der Begriff eben dieses Denkens, nicht weniger als die konkreten historischen Formen, die Institutionen der Gesellschaft, in die es verflochten ist, schon den Keim zu jenem Rückschritt enthalten, der heute überall sich ereignet. Nimmt Aufklärung die Reflexion auf dieses rückläufige Moment nicht in sich auf, so besiegelt sie ihr eigenes Schicksal.“ ( Max Horkheimer, Theodor Adorno)
Inga Miriam Helmig
Yvonne Melchers
In den 80er Jahren befaßt sich Jürgen Habermas mit der „Dialektik
der Aufklärung“. In dem Text mit dem Titel „Die Einseitigkeit des
Geschichtspessimismus“ setzt sich der Schüler Horkheimers und Adornos
weitgehend kritisch mit den geschichtsphilosophischen Gedanken der beiden
Philosophen auseinander. Nach Bemerkungen über die außergewöhnliche
Entstehung des Buches (es ist vornehmlich auf der Grundlage von Notizen
Gretel Adornos zu der Diskussion verfaßt worden) und seine Einflußnahme
auf die „intellektuelle Entwicklung der Bundesrepublik“ erläutert
Habermas in einem ersten Schritt seiner kritischen Auseinandersetzung,
inwiefern die Wandlung vom mythischen in die aufklärerische Denkweise
eine Entwicklung ins Gegenteil bedeutet. Horkheimer und Adorno hätten
diesen Kontrast in einen neuen Zusammenhang mit der These „Schon der Mythos
ist Aufklärung und Aufklärung schlägt in Mythologie zurück“
gesetzt.
Während nun das mythische Denken zugunsten eines rein mathematisch-naturwissenschaftlichen
Erklärungsmodells aufgegeben worden sei, begrenze sich hierzu das
Denken auf das rein Vorfindliche und verzichte „zugunsten technischer Verwertbarkeit
(Z.60-61) auf „ den emphatischen Anspruch auf theoretische Erkenntnis“
(Z.59-60).
Verstärkend äußert Habermas: „Die früher geübte
Kritik am positivistischen Wissenschaftsverständnis verschärft
sich zu dem globalen Vorwurf, daß die Wissenschaften selbst von der
instrumentellen Vernunft aufgesogen werden.“ (Z.72-76). Ein weiterer Vorwurf
ist der Verlust der Vernunft in Recht und Moral, die durch den Zerfall
eines religiös-metaphysischen Weltbildes als normative Maßstäbe
entwertet worden seien.
Habermas äußert sich weiter:„ Die früher geübte
Kritik an den meta-ethischen Umdeutungen der Moral schlägt in sarkastische
Zustimmung zum ethischen Skeptizismus um.“ (Z.94-97).
Habermas deutet Horkheimers und Adornos Gedanken dann wie folgt: „(...)bereits
die Trennung der kulturellen Bereiche, der Zerfall, der in Religion und
Metaphysik noch verkörperten Vernunft entmächtigt die isolierten,
ihres Zusammenhanges beraubten Vernunftsmomente so sehr, daß diese
zur Rationalität im Dienste wildgewordener Selbsterhaltung regredieren.“
(Z.106-113).
In der kulturellen Moderne verliere also die Vernunft ihren Geltungsanspruch
und fällt zurück in bloße Machtassimilation. Es besteht
der Vorwurf der Unterwanderung der kritischen Fähigkeit mit Zustimmung
oder Ablehnung zu reagieren.
Mit der kulturellen Moderne gehe nun nach Max Weber eine „eigensinnige
Ausdifferenzierung der Wertsphären einher, die nach Habermas im Gegensatz
zur bestehenden Annahme eine Potenzierung der Fähigkeit zur Entscheidung
für oder wider bedeutet. Auf die Bearbeitung unterschiedlicher Fragen
könne nun jeweils die ihnen eigene Logik angewandt werden. Unvermeidliche
Folge sei nun ein induzierter Zwang zur fortschreitenden Differenzierung
der Vernunft.
Habermas faßt seine Gedanken zusammen, indem er zu dem Schluß
kommt, daß die Dialektik der Aufklärung einer kulturellen Moderne
nicht gerecht wird, da „die nivellierende Darstellung wesentliche Züge
der kulturellen Moderne nicht berücksichtigt.“(Z.184-187)
Marlies Delker