In dem ersten Halbjahr der Stufe 13 beschäftigten wir uns in unserem Philosophiekurs mit dem Thema „Erkenntnisphilosophie“, die eben die zentrale Frage nach der Wirklichkeit enthält. Was ist wirklich, was ist wahr? Könnte alles, was wir Menschen wahrnehmen, Illusion oder nur Teilwahrheit sein?
Große Philosophen haben sich während ihres Lebens diese Frage gestellt und sind zu verschiedenen Ergebnissen gelangt. Locke, Descartes, Marx und auch Kant sind nur wenige Namen derer, die uns aus ihrem Leben einige Lösungsvorschläge zu der Frage hinterließen.
Hierunter findet sich unter anderem der naive Realismus, der dem Menschen die volle Fähigkeit der Wahrheitserkennung zutraut. Unsere Sinne seien das Mittel zum Zweck.
Andere waren der Ansicht, Sinneseindrücke alleine seien nicht genug. Nach ihnen bedarf es der geistigen Verarbeitung der Sinneseindrücke, bevor die volle Wahrheit erkannt sei.
Immanuel Kant hingegen spricht den Sinnen, wie auch andere seiner „Zunft“, nicht eine solche Fähigkeit zu, wie es der naive Realist zum Beispiel tut. Sinne kann man täuschen, man kann sie verlieren oder erst gar nicht besitzen; leben kann man trotzdem. Aber wie steht es mit dem wirklichen erkennen, mit dem absoluten Wissen über unsere Welt? Der Mensch ist nach Kant hierzu nicht in der Lage.
Meines Erachtens nach gibt Kant den nachvollziehbarsten Klärungsgedanken. Vielleicht alleine deswegen, weil Kant die Allmacht des Menschen, wie sie sooft gepriesen wird, zur Nichte macht. Als Beispiel benutzt Kant so die Raumvorstellung der Menschen: Wir schaffen künstliche räume, in denen wir leben, haben unsere Stadt, unser Land, unseren Lebensraum Erde und den Weltraum. Scheinbar, und für jeden Menschen ansich logisch und unabdingbar, schließt sich ein Raum an den nächsten an. Aber was kommt nach dem Weltraum? Haben wir denn wirklich die richtige Vorstellung von Räumen? Gibt es einen Raum nach unserer Definition?
Ja – es muß ihn doch geben, denn wo soll sich ein Ding, ein Gegenstand, ein Lebewesen aufhalten wenn nicht in einem Raum? Raumlosigkeit gibt es für uns nicht. Kann es gar nicht geben. Aber was folgt nach dem Weltraum? Menschen, die ihn besucht haben, reden von Unendlichkeit in diesem Zusammenhang. Aber die Unendlichkeit kann ein Mensch nicht annehmen. Er kennt sie nicht. Das menschliche Leben ist endlich, der geistige Horizont ebenso.
Aber da muß doch was sein, ich kann es mir nicht anders vorstellen. Und eben dieses Vorstellen ist der Bestandteil unseres Lebens nach Kant, der uns Menschen zu angeblichen Ergebnissen kommen läßt, der Teil, der unser Dasein bestimmt und dennoch keine eindeutige Wahrheit bringt. Von allen anderen Theorien noch so großer Philosophen erscheint mir die kantsche Lösung als die einzig wahre. Aber was kann ich schon über Wahrheit sagen....
Maarten Willenbrink im Februar 2001
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